Literatur-Nachrichten

Das absolute Thrillerpaar

Angefangen hat Lars Keplers Erfolgsgeschichte im Geheimen – bis Reporter herausfanden, dass sich hinter dem Namen zwei erfolgreiche schwedische Autoren verbergen: das Ehepaar Alexandra und Alexander Ahndoril. Eine Begegnung in Stockholm.

Auch wenn sie nicht wie ein symbiotisches Paar wirken – die beiden sind unglaublich viel zusammen. Alexandra und Alexander Ahndoril kennen sich seit 20 Jahren, sind verheiratet und haben drei Töchter im Alter zwischen sechs und elf. Und sie arbeiten beide zu Hause, Computer neben Computer, schreiben mittlerweile sogar am selben Krimitext.

Sie tauschen, meist ohne dabei zu reden, alle 20 bis 30 Minuten das gerade Geschriebene per Mail aus und überarbeiten die Szenen des jeweils anderen. „Und abends, wenn wir zusammen kochen, sprechen wir immer noch von unseren Geschichten“, sagt Alexandra. „Manchmal wecken wir uns auch nachts“, fügt Alexander hinzu, „wenn einer von uns wach geworden ist und Alexandra oder mir plötzlich klar wird, dass eine Szene so nicht bleiben kann.“

Ihre Beziehung scheint trotz der großen Nähe zu funktionieren. Sie wirken harmonisch an diesem Herbsttag, als sie Schauplätze ihres neuen Thrillers „Paganinis Fluch“ in und bei Stockholm zeigen, den sie gemeinsam als Lars Kepler geschrieben haben. Zum ersten Schauplatz – einer kleinen Schäreninsel – geht es mit einem Schnellboot bei fast 80 Stundenkilometern. Für beide Autoren ist die rasante Fahrt kein Problem. Alexander trägt sowieso Jeans, Turnschuhe und Kapuzenpulli. Und die zierliche Alexandra zieht sich einfach einen Goretexanzug über das elegante Kleid, setzt Mütze und Schutzbrille auf, und auch ihre hochhackigen Schuhe stören sie nicht.

Auf der Insel zeigen die beiden Autoren, wo der Thriller beginnt: in einer kleinen, idyllischen Bucht. Drei junge Menschen brechen mit einer Motorjacht von Stockholm aus hierher in einen schönen Sommertag auf: die engagierte Friedensaktivis­tin Penelope, ihre Schwester Viola und Penelopes Freund Björn. Der Tag aber endet in einer Katastrophe: Viola wird ermordet, und Penelope und Björn werden von einem Profikiller gejagt. Währenddessen ist Ermittler Joona Linna mit einem Selbstmord befasst, an dem einiges seltsam erscheint. Der Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde hat sich erhängt – und Joona wird bald klar, dass beide Fälle miteinander verknüpft sind und dass es um Waffenschmuggel geht: um illegale Munitionslieferungen in den Sudan. „Das Thema ist uns sehr wichtig“, sagt Alexandra. „Es wird seit dem Erscheinen unseres Buchs in Schweden auch endlich diskutiert.“

Sie ist es vor allem, die erzählt. Die 45-jährige frühere Schauspielerin ist der lebhafte Teil des Autorenpaars. Der ein Jahr jüngere Alexander wirkt zurückhaltender, aber nicht verschlossen. Noch sind sie allerdings auch ein bisschen schüchtern. Die sehr positive Resonanz auf ihre Bücher – „neben Camilla Läckberg sind wir zurzeit wohl die erfolgreichsten schwedischen Krimiautoren“, sagt Alexandra – haben sie zwar gewollt, überrascht hat sie insbesondere der Medienhype in Schweden aber dennoch.

Angefangen hat Lars Keplers Erfolgsgeschichte im Geheimen, nachdem beide Autoren schon – jeder für sich – Romane geschrieben hatten. Dann begannen sie, gemeinsam an ihrem ersten Krimi zu arbeiten, und als das erste Manuskript von Lars Kepler fertig war, wusste niemand, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg. „Auch unsere Kinder nicht und nicht einmal der Verlag“, sagt Alexandra. Die schwedischen Medien aber wollten es unbedingt herausfinden, zumal bei der Londoner Buchmesse im Frühjahr 2009 dieser erste Thriller mit dem Titel „Der Hypnotiseur“ Furore gemacht hatte, bevor er überhaupt in Schweden erschienen war.

Nach der Veröffentlichung dauerte es dann auch nur kurze Zeit, bis zwei Reporter Lars Kepler auf die Spur kamen – und zwar nur über Hinweise aus den Büchern. „Ein Hinweis war zum Beispiel, dass mein Bruder als Hypnotiseur arbeitet“, sagt Alexander.

In diesem ersten Band wird eine Familie geradezu abgeschlachtet. Dabei ist „Der Hypnotiseur“ so gruselig und schockierend, dass die Ahndorils, die in Gedanken den Fall in ihrer Wohnung hatten spielen lassen, selbst Angst bekamen und inzwischen deswegen umgezogen sind.

Jetzt ist mit „Paganinis Fluch“ der zweite Band der Serie um Joona Linna erschienen. Er ist weniger darauf ausgerichtet, zu schockieren, und er ist besser durchgearbeitet – die Autoren sind im Spannungsmetier angekommen, das ist zu merken. Dennoch gibt es Schwächen. Zum Beispiel bleiben die Figuren schablonenartig, insbesondere der Held Joona Linna hat kaum Tiefe und kommt dem Leser nicht wirklich nah.

 

Im deutschen Sprachraum wird Lars Kepler eher zurückhaltend aufgenommen. International aber ist er enorm erfolgreich. In 36 Sprachen werden die ersten beiden Bände bisher übersetzt. Allein vom ersten Band wurden zwei Millionen Exemplare verkauft. Auch die Filmrechte sind vergeben, und zwar für alle bisher geplanten acht Bände.

Das, was das Autorenpaar unbedingt wollte, ist ihm gelungen: Erfolg zu haben – und einen neuen Ton in die schwedische Spannungsliteratur zu bringen. Das hatten sie erreichen wollen, indem sie ganz bewusst nicht mehr wie die meisten ihrer skandinavischen Kollegen dem legendä­ren schwedischen Krimipaar Sjöwall /Wahlöö mit seinen gesellschaftskriti­schen Polizeikrimis aus den 60er und 70er Jahren nachfolgen. Ihr Idol ist vielmehr Stieg Larsson mit seinen spannenden, komplexen Thrillern, in denen es nicht nur um Polizeiermittlungen geht.

Lars Keplers Krimis sind oberflächlicher, aber auch schneller, atemloser, actionreicher als die Bücher vieler schwedischer Kollegen. Und sie sind tatsächlich mehr als Polizeiermittlungsgeschichten – „Paganinis Fluch“ etwa erzählt von einem Waffenhändler, für den Musik eine enorm wichtige Rolle spielt. Vielleicht ist es das, was viele so elektrisiert: dass Lars Kepler ungewohnte schwedische Spannungsseiten aufzieht. Aber wohl auch, dass diese Seiten sehr spannend sind.

Sabine Schmidt

Titel

  1. Paganinis Fluch
    • VerlagBastei Lübbe
    • ISBN 978-3-7857-2428-6

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  2. Paganinis Fluch
    • VerlagBastei Lübbe
    • ISBN 978-3-7857-4509-0

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