Kolumnen

27.12.2011Dunkelkammer – Die Krimikolumne

Seitensprünge, Ehemänner
und die Immigrantenfrage

Ein Massagemädchen ist tot, Vincent Calvinos Klient auch – und der Privatdetektiv muss sich mit Desperate Housewives herumschlagen. Großartig, wie Autor Christopher G. Moore ihn in Szene setzt –  endlich auch in deutscher Übersetzung zu lesen, meint unser Krimiexperte Tobias Gohlis.


Erinnern Sie sich? In Bangkok tobt seit ein paar Jahren der Kampf zwischen den Gelbhemden und den Rothemden. In der Frühphase dieser Auseinandersetzung, die 2006 mit einem Militärputsch vorübergehend endete, bevor sie in die nächste Phase des Machtkampfs überging, lässt Christopher G. Moore seinen Privatdetektiv Vincent Calvino auf den „Untreue-Index“ stoßen.

Vincent Calvino selbst orientiert sich an einem festen Regelwerk, das er in jeder konkreten Situation modifiziert oder vergisst. Zum Beispiel hat er im Fall Danielson sein eigenes Gesetz „Erst das Geld“ nicht eingehalten. Weswegen er jetzt, nach Abschluss seiner Ermittlungen in einem Fall von Markenpiraterie, ohne Honorar dasteht. Denn Danielson liegt tot in einer Toilette.

Vincent braucht mehr noch als das Honorar ein Zeugnis über die erfolgreiche Ermittlung. Er will sich als Chefermittler bei der Weltgesundheitsorganisation mit Sitz in New York bewerben, um seiner alten Mutter näher und weit weg von Bangkok zu sein. Doch steht Vincents Bemühen unter einem schlechten Stern. Denn leider hat er in einem völlig unprofessionellen Anfall von Empathie die Tür zu einem Zimmer im benachbarten Massagesalon aufgestoßen, weil ihn das Jammern der davor versammelten Yings (der Massagemädchen) gerührt hat. Die Leiche der Ying, die darin vorgeblich Selbstmord begangen hat, wird ihm später noch übel zu schaffen machen.

Da er Geld braucht, kommt ihm der Auftrag von vier westlichen Desperate Housewives gerade recht, ihren Ehemännern nachzusteigen. Die vier Damen sind auf ein Exemplar des Hausfrauen-Ratgebers „Der Untreue-Index“ gestoßen, der Statistiken über das Seitensprung-Risiko im Ausland führt. Die Damen sind erregt: Bangkok belegt Platz eins auf der Hochrisiko-Skala.

Vincent nimmt den Nebenjob umso eifriger an, weil eine der vier Misstrauischen die Witwe Danielson ist und er hofft, über sie an die Anwaltsfirma zu kommen, in der ihr Mann gearbeitet hat. Die Firma tarnt die Machenschaften des Werawat-Clans, der kurz davor steht, die Machtfrage in Thailand zu regeln. Während Vin-cent tapfer auf seinen Ermittlerfüßen voranrückt – manchmal ein bisschen zu deutlich in den Spuren der hartgesottenen Kerls der 1930er Jahre –, ohne dass sich wirklich etwas ändert, dreht sich der Roman im Hintergrund um die alte Immigrantenfrage: Gehen oder standhalten?

Für diesen Schwebezustand, dem westliche Ausländer in Thailand öfter verfallen, hat Christopher G. Moore eine ganz reale Parallelgeschichte gefunden, die des italienischen Malers Galileo Chini und seines Gemäldes „Das chinesische Neujahrsfest in Bangkok 1912“. Chini, Moore und Vincent Calvino – das sind so Verwandtschaften, denen man bei der unbedingt zu empfehlenden zweiten Lektüre dieses ungemein spannenden und vielschichtigen Thrillers nachgehen kann. Moore, von dem im deutschsprachigen Raum zu lange nichts zu lesen war, ist ein Großer!

Tobias GohlisTobias Gohlis© Marco Grundt

Tobias Gohlis ist Sprecher der KrimiZeit-Besten­liste.
Titel
Christopher G. Moore. Übersetzt von Peter Friedrich
Der Untreue-Index
Unionsverlag - 16,90 €
Format: 360 S.
ISBN: 978-3-293-00435-1
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