Kinder- und Jugendbuch

Die schönen Frauen im Steampunk haben wenig Sinn für Teegesellschaften:  Sie sind tough, handfest und geben sich nie geschlagenDie schönen Frauen im Steampunk haben wenig Sinn für Teegesellschaften: Sie sind tough, handfest und geben sich nie geschlagen© Renee Keith

02.01.2012Steampunk ab 12

Abenteuerlustige Helden mit bizarren Maschinen

Es geht zurück ins viktorianische England – aber in eines mit atemberaubenden Luftschiffen und düsteren Experimenten. Die Helden haben also viel zu tun.

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Ein Hauch von Plüsch hängt im Raum, Kerzenlicht spiegelt sich in poliertem Messing, Männer in Anzügen und hohen steifen Hüten schreiten zwischen einladenden Lehnstühlen umher – das Setting scheint vertraut: viktorianisches England, Sherlock-Holmes-Coolness. Wären da nicht die atemberaubenden Luftschiffe am Himmel, die ausgetüftelte Technik im Besitz der besser gestellten Herrschaften und die Abenteuerlust im Herzen aller, die im Mittelpunkt der Romane stehen. Die Rede ist vom Steampunk, der im vergangenen Herbst Einzug in die Bücherregale hielt.

Im Kinder- und Jugendbuch warb Jacoby & Stuart als erster Verlag offensiv mit dem Begriff „Steampunk“. Der dort erschienene Roman „Worldshaker“ von Richard Harland erfüllt die Kriterien des Genres in Reinform! Streng genommen zählt nämlich neben der Konstellation viktorianisches Setting mit hochentwickelter dampfkraftbetriebener Technologie auch eine sozialpolitische Komponente zur Steampunk-Literatur.
Richard Harland lässt an Bord des gigantischen Juggernauten „Worldshaker“, eines dampfbetriebenen, quer über die Kontinente rollenden Riesenschiffs, den britischen Hochadel auf den oberen Decks im Luxus schwelgen, während in den Tiefen des Schiffsbauchs die „Dreckigen“ ein menschenunwürdiges Leben in Ölschmiere, Kohlenstaub und heißen Dampfschwaden fristen. Durch einen Zufall begegnen sich der adlige Col und die dreckige Riff, was zumindest Cols Weltsicht gewaltig auf den Kopf stellt. Harland beschreibt Cols Sinneswandel und die mitunter verstörende Menschenverachtung des Hochadels in einer Weise, die es fast nicht möglich macht, das Buch wieder zur Seite zu legen. In „Liberator“ findet die Saga eine grandiose Fortsetzung.

Ein ganz anderes Setting wählt Scott Wes­terfeld für seine Romane „Leviathan“ und die Fortsetzung „Behemoth“. Hier treffen  die technischen Entwicklungen Österreich-Ungarns auf die fantastischen, bio­technologisch entwickelten Nutztiere des darwinistisch geprägten Großbritanniens. Vor dem Hintergrund des beginnenden Ersten Weltkriegs entspinnt sich eine Freundschaft zwischen dem Erben des ermordeten Erzherzogs Franz-Ferdinand und einer jungen Engländerin, die als Junge verkleidet in den Kadettendienst der Luftmarine getreten ist. Packend und actionreich – ein wahrer Pageturner.

Auch Arthur Slade arbeitet in „Mission Clockwork“ mit verdeckten Identitäten. Der missgestaltete Modo kann mittels Gedankenkraft sein Äußeres verwandeln. Das macht ihn zum idealen Agenten des Em­pires. Als in London immer mehr Kinder verschwinden und angesehene Mitglieder der Londoner Gesellschaft junger Forscher offenbar unter Fremdeinfluss wahnwitzige Attentate begehen, hat er seinen ersten offiziellen Einsatz. Ein packender Einblick in das historische London von 1860, gebrochen durch fantastische dampfbetriebene Maschinerien und chemische Errungenschaften, gewürzt mit einer kleinen Prise Romantik – ideales Lesefutter für Jungen und Mädchen gleichermaßen.

Im All-Age-Bereich steigt die Schilderung von Gewalt erheblich – nicht jeder  Steampunk-Roman kann ohne Weiteres von Lesern ab zwölf gelesen werden. In  „Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“ erstaunt die Begeisterung für Schläge und Schmerzen. Die eigentlichen Kriterien der Steampunk-Literatur geraten in den Hintergrund, die messingglänzenden Technologien zur Kulisse.
 Auch „Affinity Bridge“ richtet sich eher an hartgesottene Leser. George Mann schildert ein England, das von einer maschinell am Leben erhaltenen Queen Victoria regiert wird – und in dem die Menschen sich aus Angst vor Untoten nachts nicht aus den Häusern wagen. Begegnungen mit ihnen sind drastisch, hier sind wir vom Horror nicht weit entfernt. Andererseits überzeugen die Figuren und die Atmosphäre. Steampunk, Horror und Krimi verbinden sich zu einem recht vielversprechenden Auftakt einer Trilogie, deren Fortsetzung mit Vorfreude erwartet werden darf.

Maren Bonacker

Titel
Arthur Slade
Mission Clockwork.
Thienemann - 14,95 € (D) / 15,40€ (A) / 21,90 sFr
Format: 352 S.
ISBN: 978-3-522-20131-5
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Scott Westerfeld
Behemoth – Im Labyrinth der Macht
cbj - 17,99 € (D) / 18,50 € (A) / 25,90 sFr
Format: 512 S.
ISBN: 978-3-570-13993-6
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Kady Cross
Das Mädchen mit dem Stahlkorsett.
Heyne - 14,99 € (D) / 15,50 € (A) / 21,90 sFr
Format: 368 S.
ISBN: 978-3-453-26740-4
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Richard Harland
Liberator
Jacoby & Stuart - 16,95 € (D) / 17,50 € (A) / 24,50 sFr
Format: 360 S.
ISBN: 978-3-941787-35-3
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George Mann
Affinity Bridge
Piper - 16,99 € (D) / 17,50 € (A) / 24,90 sFr
Format: 448 S.
ISBN: 978-3-492-70238-6
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