Sachbuch

Friedrich DürrenmattFriedrich Dürrenmatt© Diogenes

06.01.2012Schriftstellerbiografien

Blick hinter die Fassaden

Fürchterliche Kindheiten, dramatische Liebesbeziehungen, unselige Annäherungen: Zu acht Schriftstellern, deren Leben selbst Stoff für Romane bieten würden, sind neue Biografien erschienen.


Lesen kann Leben retten. Schreiben ebenso. Bei Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen war das der Fall. Als Waise hat er die Wirren des Dreißigjährigen Kriegs erlebt. Die Straßen seiner Heimatstadt waren verwüstet, mit Toten übersät. Pferdejunge, Kürassier, Schreiber, Verwalter, Bürgermeister und Gastwirt – das war der satirische Autor im Alltag, während er sich nachts im Luftreich des Dichtens bewegte.

Weltliteratur ist so entstanden, der "Simplicius Simplicissimus" und die "Courage" etwa, in denen Germanist Heiner Boehn­cke und hr2-Kultur-Ressortchef Hans Sarko­wicz Grimmelshausens biografische Wasserzeichen suchen. Tief ins 17. Jahrhundert führt ihr eindrucksvolles Buch "Grimmelshausen. Leben und Schreiben" (Die Andere Bibliothek), das einen außergewöhnlichen Autor mit phänomenalem Textgedächtnis vorstellt. Höchst sorgfältig recherchiert, warnt das Duo jedoch davor, Fakten aus dem »Simplicissimus« einfach auf Grimmelshausens Leben zu übertragen: "So leicht sind die Steinchen für das Puzzle der Biografie nicht zu haben."

Wechselte Grimmelshausen durch seine unterschiedlichen Arbeitsverhältnisse häufig die Orte, so erweist sich der 1740 ­geborene Matthias Claudius als Nesthocker. In Wandsbek, damals noch vor den Toren Hamburgs gelegen, schlägt der Dichter Wurzeln. Claudius lässt lieber seine Figuren die »grand tour« machen: "»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen", aber am Ende kommt der Schwankerzähler in "Urians Reise um die Welt" mit der Erkenntnis zurück: "Und fand es überall wie hier / fand überall ’n Sparren, / Die Menschen gradeso wie wir, / Und ebensolche Narren." WDR-Kulturredakteurin Annelen Kranefuss, die 1973 über seine Lyrik promovierte, zeichnet in "Matthias Claudius" (Hoffmann und Campe) anschaulich das Wesen dieses kritischen Geists. Einfach, bescheiden, gesellig, ist sein Schreiben stets ein Dialog, auf den Leser ausgerichtet. Ein Grund für die erstaunliche Zeitlosigkeit seines Werks, zu dem so bekannte Lieder wie "Der Mond ist aufgegangen" gehören. Wundervoll, wie Kra­nefuss die Liebe des 30-jährigen Zeitungsschreibers zur 16-jährigen Zimmermannstochter Rebecca einfängt, die er ein Leben lang auf Händen trägt – "Ich habe dich von ganzer Seele lieb."

Ebenso groß, aber weitaus dramatischer ist 100 Jahre später die Liebe zwischen der Dichterin Elizabeth Barrett und Robert Browning. Barretts Vater drängt darauf, dass seine Kinder unverheiratet bleiben – und die fügen sich zunächst. Elizabeth wird zur vielgelesenen Lyrikerin, ist aber schwächlich und krank, nimmt täglich 40 Tropfen Morphium. Das ändert sich, als Schriftsteller Robert Browning in das Leben der 40-Jährigen tritt und beharrlich um sie wirbt – unbemerkt vom Vater.

Heimlich heiraten die beiden, flüchten nach Florenz: Elizabeth blüht auf. Elsemarie Maletzkes Biografie "Eine Liebe in Florenz" (Insel) ist ein Pageturner. Fesselnd erzählt die Autorin davon, wie sich die finanziell unabhängige Elizabeth und ihr eher erfolgloser Mann, der sie abgöttisch liebt, einrichten. 16 gemeinsame Jahre sind ihnen vergönnt. Maletzke führt uns durch die Höhen und Tiefen ihres Zusammenlebens – und durch eine viktorianische Gedankenwelt, die aus heutiger Sicht eher fremd anmutet. Es sei denn, man hat Charles Dickens gelesen, der mit Büchern wie "Oliver Twist" und "David Copperfield" zum Gewissen seiner Zeit wurde.

Wie Dickens eigene Erfahrungen und Lebens­umstände in seine Romane hineinwob, schildert Hans-Dieter Gelfert in "Charles Dickens der Unnachahmliche" (C. H. Beck). Eine Ur-Erfahrung war dabei seine Fron in einer Schuhwichsfabrik, in der er als Zwölfjähriger zehn Stunden am Tag und sechs Tage die Woche schuften musste. Die Biografie bringt dem Leser die damaligen Lebensverhältnisse ebenso näher wie Dickens’ Aufstieg zum gefeierten Romancier – im Februar ist sein 200. Geburtstag.

Verständnis für einen Dichter zu haben – bei wenigen fällt das so schwer wie bei Gottfried Benn. Hier der großartige Lyriker, der der Sprache neue Räume öffnete, dort der mittelmäßige Mensch, der gern Bier trank, keiner Liebschaft aus dem Weg ging und den Nazis in unseliger Weise den Hof machte. Zwar kühlte seine Euphorie für die "Bewegung" schnell ab, doch vor allem, so die glänzende Biografie von Holger Hof "Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis"  (Klett-Cotta), weil er sich von den politisch Handelnden getäuscht fühlte. An der Richtigkeit des von den Nationalsozialisten eingeschlagenen politischen Wegs hatte der unter Depressionen leidende Benn keine Zweifel. Durch lange Zitate aus ­seinen Werken und Aussagen von Zeitgenossen gelingt es Hof, Benns Denken und die Beweggründe für seinen Kniefall vor der Macht transparent zu machen.

Eine schillernde Figur auf ganz andere Weise war Friedrich Dürrenmatt. Der Schweizer pflegte die Attitüde des Provokateurs und Dichterfürsten – dabei war vieles der Selbstschutz eines kranken, schamhaften Menschen, wie Peter Rüedi in seiner monumentalen ­Biografie schreibt (Diogenes). Auf fast 1 000 Seiten macht sich Rüedi, der Dürrenmatt mehrmals zu ausführlichen Gesprächen traf, auf Spurensuche – und zum Anwalt eines »Unzeitgemäßen« sowie zum Fürsprecher für dessen Spätwerk, das "bis heute auf
eine angemessene Wahrnehmung" warte.

Eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass Schreiben Leben retten kann, ist Carson McCullers’ Autobiografie – begonnen 1966 und unvollendet geblieben, weil die Autorin nach ihrem vierten Schlaganfall 1967 mit nur 50 Jahren starb. Diogenes hat das Fragment um ein Exposé ihres ersten Romans ergänzt – und um den Briefwechsel, den sie mit ihrem Mann während des Zweiten Weltkriegs geführt hat. Zum gemeinsamen Selbstmord hatte ihre große Liebe sie überreden wollen – der Auslöser für die endgültige Trennung des Paares. Trotz vieler düsterer Momente voller Krankheit (ihren ersten Schlaganfall hatte McCullers bereits mit 24) konnte sich die Autorin ihre Neugier und Freude am Leben bewahren. Vor allem scheint in diesem Buch durch, wie gern sie umherreiste und überall schnell gute Freunde fand.

Die fand auch McCullers’ Zeitgenossin Dorothy Parker, die mit Dichtern wie Scott F. Fitzgerald, Hemingway und Capote verkehrte und vorwiegend in Hotels lebte. Ihre beißenden Kritiken und geistreichen Kurzgeschichten für die "Vogue", den "New Yorker" und "Vanity Fair" haben Kultstatus. Auf die Frage einer Journalistin, was sie beim Schreiben inspiriere, antwortete Parker, um Bonmots nie verlegen: "Geldmangel, meine Liebe."

Michaela Karl zeigt in dem kenntnisreichen Porträt "Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber" (Residenz), dass sich hinter dem Zynismus eine unsichere, verletzliche, einsame Frau mit Bindungsängsten verbarg, die Unmengen von Alkohol trank und ebenso bezaubernd wie gnadenlos sein konnte. Eine ihrer Buchkritiken endete so: "Als Begleitung für die Badewanne wird es nur von einer Quietscheente übertroffen."

Eckart Baier, Stefan Hauck

Titel
Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz
Grimmelshausen
Die andere Bibliothek - 34,- €
Format: 500 S.
ISBN: 978-3-8218-6127-2
Bestellen
Hans-Dieter Gelfert
Charles Dickens der Unnachahmliche
C.H.Beck - 29,95 €
Format: 374 S.
ISBN: 978-3-406-62217-5
Bestellen
Holger Hof
Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis
Klett-Cotta - 26,95 €
Format: 538 S.
ISBN: 978-3-608-93851-7
Bestellen
Martina Karl
Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber. Dorothy Parker. Eine Biografie
Residenz - 24,90 €
Format: 320 S.
ISBN: 978-3-7017-3190-9
Bestellen
Annelen Kranefuss
Matthias Claudius
Hoffmann und Campe - 23,- €
Format: 320 S.
ISBN: 978-3-455-50190-2
Bestellen
Elsemarie Maletzke
Eine Liebe in Florenz. Elizabeth Barrett und Robert Browning
Insel - 7,50 €
Format: 194 S.
ISBN: 978-3-458-35360-7
Bestellen
Carson McCullers
Autobiographie
Diogenes - 11,90 €
Format: 384 S.
ISBN: 978-3-257-24164-8
Bestellen
Peter Rüedi
Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen
Diogenes - 28,90 €
Format: 960 S.
ISBN: 978-3-257-06797-2
Bestellen

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