Sachbuch

"Zug um Zug" gegen den Raubtierkapitalismus: Helmut Schmidt diskutiert mit Peer Steinbrück in seinem aktuellen Buch© Fotolia

11.01.2012Politische Sachbücher

Kämpfe, Kosten, Korruption

Aktuelle politische Debattenbücher widmen sich den Krisen und Kriegen der Gegenwart, finden die wahren Gründe des Antisemitismus und beschäftigen sich mit dem "Fluch der Ressourcen".

Schlagworte:
Politik, Debatten, Krieg

Die personifizierte Unbeugsamkeit, der Marc Aurel der BRD, der Kantianer von der Waterkant, der Mentor der Nation – all das ist Helmut Schmidt, der ungekrönte König von Deutschland, zugleich der Kaiser der Sachbuch-Bestsellerliste. Eine zunehmend segmentierte Gesellschaft hat in dem Elder Statesman eine Klammer gefunden – das Gegenbild zu all den Lavierern, Opportunisten und Wählerschmeichlern des laufenden Betriebs. In seinem neuen Buch "Zug um Zug" diskutiert er mit Schachpartner Peer Steinbrück über diverse Grundsatzfragen, unter besonderer Berücksichtigung der aktuellen Auswüchse des „Raubtierkapitalismus“.

Zu den Schlüsselfragen der Gegenwart gehört die Verteilung der Ressourcen. Dem Handel mit ihnen widmet sich der Band "Rohstoffe“ (Salis Verlag). Die Perspektive richtet sich auf die Schweiz, die im Zuge der Globalisierung zur Drehscheibe des Rohstoffhandels geworden ist: Firmen wie Glencore machen mehr Umsatz als Konzerne wie Nestlé. Das Buch erklärt komplexe Zusammenhänge wie die Finanzierungsmechanismen der Rohstoffgeschäfte, bevor die heik­len politischen Aspekte behandelt werden: Die Länder des Südens verfügen über die Ressourcen, die zum Wohlstand in den rohstoffarmen Regionen des Nordens beitragen: "So kann in den 96 ärmsten Ländern der Erde deren gesamte Bevölkerung ein Jahr lang hart arbeiten, sie schafft dennoch nicht so viel ‚Wert‘, wie sechs Glencore-Manager mit ihrem Börsengang verdient haben.“

Das Buch verbindet ökonomische und politische Analysen mit Reportagen. Für wenig Lohn schuften die Menschen in den Kupferminen Sambias – und werden den Metallgeschmack im Mund nicht mehr los. Die Laugen, mit denen das Metall für elektronische Geräte gewonnen wird, verseuchen Wasser und Böden.

Wirtschaftskrisen und Inflationsangst haben den Goldpreis in schwindelnde Höhen getrieben; die Tresore der Banken platzen beinahe schon aus den Schweißnähten. Auch der Run auf das Edelmetall verur­sacht in den Erschließungsgebieten Zustände, von denen die Goldsucher zu Jack Londons Zeiten nicht träumen konnten. Das "Schwarzbuch Gold“ beschreibt sie in Reportagen, die nach Ghana, China und West-Papua führen, zum Karpaten-Gold Rumäniens und zu den bis zu 3 000 Meter tiefen Goldschächten von Südafrika.

Um die minimalen Goldvorkommen aus den gewaltigen Mengen Gestein herauszuwaschen, sind hohe Mengen von Chemikalien nötig, die vielerorts das Trinkwasser kontaminieren. Riesige Abraumhalden zerstören Landschaften. Das ist der "Fluch der Ressourcen“: hohe ökologische und soziale Kosten, Korruption oder sogar Kriege.   

Die gute alte Augenzeugenschaft ist der Trumpf, den Peter Scholl-Latour auch in Zeiten des Internets ausspielt, wo jeder die Welt ins Haus geliefert bekommt. Der abenteuerlustige alte Mann liebt die Strapaze. Für sein Buch "Arabiens Stunde der Wahrheit“ hat er die nordafrikanischen Länder und Krisengebiete Vorder­asiens besucht. Seine Reportagen mischen Reiseerlebnisse, politischen Kommentar und weltgeschichtliche Betrachtung. Denn keine Gegenwart ist ohne ihre Wurzeln in der Vergangenheit verständlich; ein guter Reporter muss zugleich Historiker sein.

Ein beklemmendes Kapitel widmet sich dem Irak. Bagdad, ein "heimtückisches, unheimliches Revier“. Aber Scholl-Latour verliert auch im Heckenschützengebiet nicht die Contenance: "Ich errege etwas Unruhe, als ich unbeweglich ein paar Minuten am Straßenrand verharre, um mir die Schuhe putzen zu lassen.“

Er hält es mit der Realpolitik und der Macht des Faktischen – Utopisten bleiben am besten zu Hause, da können sie ungestört von der komplexen Realität schwärmen. Für die hiesige "parlamentarische Streitkultur“, die sich mit Vorliebe Kleinproblemen wie dem Mindestlohn von Briefträgern widme, hat er nur Hohn übrig; sie tauge nicht zum Vorbild für die islamischen Länder. "Krieg gegen den Terror“ – das ist für Scholl-Latour bereits eine sprachliche Panne. Denn "Terror“ ist eine Methode, Menschen zu töten – und haben die Alliierten im Zweiten Weltkrieg etwa gegen den "Blitzkrieg“ gekämpft?

Wogegen Deutschland heute Krieg führen darf oder sogar muss – darum geht es in der Streitschrift des "Zeit“-Redakteurs Bernd Ulrich ("Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss"). Er klagt das verdruckste „Schweige-und-Murmel-Kartell“ der Politik an. Die überfällige Debatte um Kriegseinsätze werde tunlichst vermieden. Weil sich eine Macht wie Deutschland auf Dauer nicht mit pazifistischer Verweigerung begnügen kann, flüchte sich das Land in den kriegspolitischen Analphabetismus. Ein „Zwischenruf“ kommt von Springer-Chef Mathias Döpfner. "Die Freiheitsfalle“ beschäftigt sich mit den Versuchungen der Unfreiheit und moniert ideologische Verkrustungen, Regulierungswahn und soziale Rundumversorgung.

Die Neigung der Deutschen, Gleichheit und Sicherheit der Freiheit vorzuziehen, nimmt auch der Historiker Götz Aly in "Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ provokativ aufs Korn: als mentale Triebkraft, die in letzter Konsequenz zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik geführt habe. Antisemitismus war demnach seit dem 19. Jahrhundert mehr als Sündenbock-Suche, Rassen-Phantasma und politisches Wahngebilde. Er hatte eine sehr konkrete Dimension, die heute weitgehend vergessen ist: Die Deutschen zeichnet Aly als Neidgesellschaft, die den ökonomischen, sozialen und intellektuellen Erfolg der aufstiegsorientierten jüdischen Minderheit nicht ertragen konnte. Man muss nicht jedem maliziösen Seitenhieb Alys auf die Sozialdemokratie beipflichten, um seine Analyse als unerhört augenöffnend zu empfinden.

Wolfgang Schneider

Titel
Helmut Schmidt, Peer Steinbrück
Zug um Zug
Hoffmann und Campe - 24,99 €
Format: 320 S.
ISBN: 978-3-455-50197-1
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Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz
Salis Verlag - 24,90 €
Format: 440 S.
ISBN: 978-3-905801-50-7
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Brigitte Reisenberger, Thomas Seifert
Schwarzbuch Gold. Gewinner und Verlierer im neuen Goldrausch
Zsolnay - 17,90 €
Format: 240 S.
ISBN: 978-3-552-06174-3
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Peter Scholl-Latour
Arabiens Stunde der Wahrheit. Aufruhr an der Schwelle Europas
Propyläen - 24,99 €
Format: 400 S.
ISBN: 978-3-549-07366-7
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Bernd Ulrich
Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss. Eine Streitschrift
Rowohlt - 14,95 €
Format: 192 S.
ISBN: 978-3-498-06890-5
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Götz Aly
Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass - 1800 bis 1933
S. Fischer - 22,95 €
Format: 352 S.
ISBN: 978-3-10-000426-0
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Schlagworte:
Politik, Debatten, Krieg

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