Sachbuch
20.01.2012Interview
"In Alfred Döblins Gefangenschaft"
Was reizt Sie am biografischen Fach? Ist es die Königsdisziplin?
Wilfried F. Schoeller: Der erste, ganz banale Antrieb bestand in diesem Fall darin, dass es keine adäquate Döblin-Biografie gab. Zum anderen hat man sich diesen "Kilometerfresser" von Papier nie richtig vorstellen können. Ganz im Gegensatz zu seinem großen Rivalen Thomas Mann, der durch seine autobiografischen Äußerungen sehr präsent ist. Eine gute Biografie kann eine Art Physis des Gesamtwerks geben.
Sind Journalisten die besseren Biografen?
Das glaube ich nicht. Aber im Gegensatz zur Thomas-Mann-Forschung, die stark auch in die Öffentlichkeit wirkt, ist das der Döblin-Forschung nie wirklich gelungen. Ich möchte, ohne wohlfeil zu popularisieren, eine Brücke bauen zwischen der Ahnungslosigkeit des breiten Publikums und der Döblin-Forschung. Als einer, der nicht im Universitätsbetrieb steckt, habe ich es damit vermutlich leichter.
Mit welcher Haltung sollte man als Biograf an seinen Gegenstand herangehen? Verstellt zu viel Empathie nicht die kritische Urteilskraft?
Da gibt es kein Rezept. Döblin war sich offensichtlich selbst ein großes Rätsel. Er meinte, dass er gewissermaßen von seinen Büchern "geschrieben" worden sei. Der Erzähler als ein vom Strom Mitgerissener, der sich aber als Schwimmer Ziele vornimmt: Das beschreibt auch ein Stück weit mein Herangehen an diese Person.
Dabei sind Sie auf Fakten angewiesen – Döblin hat jedoch Selbstauskünften aus Prinzip misstraut. Wie geht man mit solchen Leerstellen um?
Man muss sie offen benennen. Je näher man an Döblin herantritt, desto größer werden die Rätsel. Wir erwarten ja immer Figuren, die mit sich identisch sind. Döblin strebte diese Harmonie nicht an; er wollte Protokollant dieser Widersprüche sein.
Was es für den Biografen nicht einfacher macht ...
Sicher. Aber auch reizvoller!
Was soll, was kann eine gute Biografie leisten?
Sie sollte sich schon in der Nähe des Werks aufhalten. Nur die Liebesaffären und Trennungsschmerzen aufzulisten halte ich für wenig sinnvoll – wenn das Material sich nicht zugleich im Werk spiegelt. Natürlich entwirft man auch eine Figur. Ich entwerfe einen Ironiker. Einen, der wie Thomas Mann ein gebrochenes Verhältnis zur Welt hat. Aber im Gegensatz zu diesem "letzten Bürger", der noch einmal die Welt mustert, ist Alfred Döblin ein Mensch, der sie noch einmal erschafft.
Haben Sie den Abschluss Ihres Mammutprojekts als Befreiung erlebt?
Ich habe mich freiwillig in die Gefangenschaft von Alfred Döblin begeben (lacht). Er wird mich nicht verlassen. Der Held meiner Doktorarbeit, Heinrich Mann, hat mich auch nie verlassen. Und so begleiten einen diese Gestalten wie Wächter ein ganzes Leben.
Zur Person
Wilfried F. Schoeller, 1941 in Illertissen geboren, war Leiter der Abteilung "Aktuelle Kultur" beim Hessischen Rundfunk sowie Begründer und langjähriger Moderator von "Bücher, Bücher", des ältesten Literaturmagazins im deutschen Fernsehen. Der Literaturkritiker hat Monografien über Heinrich Mann, Michail Bulgakow oder Jorge Semprún publiziert. Seine Döblin-Biografie ist im Hanser Verlag erschienen
Interview: Nils Kahlefendt
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Wilfried F. Schoeller Alfred Döblin. Eine Biographie Hanser - 34,90 € Format: 912 S. ISBN: 978-3-446-23769-8 Bestellen |
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