Sachbuch

Denkmal von König Friedrich II. von Preußen an der Knock, die südöstlichste Landecke der Krummhörn in OstfrieslandDenkmal von König Friedrich II. von Preußen an der Knock, die südöstlichste Landecke der Krummhörn in Ostfriesland© picture-alliance / DUMONT Bilda

21.02.2012Biografien

Ruhmsüchtiger Preußenkönig

Geizhals und Poet, Frauenverächter und Aufklärer: Friedrich der Große ist ein Held voller Widersprüche. Zum 300. Geburtstag wird sein Leben frisch durchleuchtet.


"Wenn Sie von Tugend sprechen, erkennt man, dass Sie in diesem Land zu Hause sind“, schrieb Voltaire 1737 an Friedrich II. von Preußen. Die Leitfigur der Aufklärung und der Monarch des aufgeklärten Absolutismus pflegten eine ambivalente Beziehung; ihre über 42 Jahre dauernde Korrespondenz gehört zu den wichtigen Dokumenten der europäischen Geschichte. Schriftsteller Hans Pleschinski hat in „Voltaire – Friedrich der Große“ eine kluge Auswahl übersetzt. In seinen Briefen gibt Friedrich auch Kostproben seiner Dichtkunst, wie die „Ausgewählten Schriften“  zeigen. „Sie werden sagen, daß ich gute Verse liebte und selbst schlechte machte“, meinte er selbstironisch. Noch mehr Oden, Stanzen, Sonette, Episteln, Epigramme finden sich in der Anthologie „An meinen Geist: Friedrich der Große in seiner Dichtung“ (Schöningh, 300 S., 24,90 Euro), ins Deutsche übersetzt – denn Friedrich bevorzugte die französische Sprache.

„Ein Augenblick der Lust ist für den, der genießt, so viel wert wie / ein Jahrhundert der Ehre, dessen schöner Schein trügt“: Diese Verse Friedrichs sind doppelzüngig. Denn er suchte den Genuss nicht unbedingt in der Liebe, sondern in fein gewürzten Speisen und feurigem Ungarwein und war von Ehre und Ruhm geradezu besessen, was so gut wie alle Biografien verdeutlichen.

Dass den Beinamen „der Große“ als Erster übrigens Voltaire lanciert hat, darauf weist Tillmann Bendikowski in „Friedrich der Große“ hin. Für den Historiker ist der Preußenkönig eine widersprüchliche Figur: Er war ohne Zweifel von der Epoche der Aufklärung getragen, schaffte die Folter ab, zögerte zugleich aber nicht, als „Hasardeur“ eine rücksichtslose Großmachtpolitik zu verfolgen und dafür Kriege zu führen, in denen Tausende Soldaten ihr Leben ließen.

Die militärischen Erfolge machen für Bendikowski auch den Mythos des Preußenkönigs aus. So haben sich die wilhelminischen Kaiser, Hitler sowie Honecker auf Friedrich und die preußischen Tugenden berufen. Immer wenn es um Treue, Gehorsam und Vaterland ging, trat der Alte Fritz auf den Plan: Das stellt der Autor fest, dessen Biografie mit klarer Kapiteleinteilung, Bildteil, Personen- und Sachregister brilliert. Texteinschübe von Friedrich und seinen Zeitgenossen, aber auch Einschätzungen späterer Generationen machen das Buch lebendig. Ebenso kritisch wie Bendikowski durchleuchtet Tom Goeller den Preußenkönig, offenbart sein Doppelgesicht, zeigt seine kühne Voraussicht, befragt Prominente und stellt dabei stets den Bezug zur Gegenwart her. In leicht lesbarem Plauderton gehalten, geht Goeller dem Mythos des flötenden und komponierenden Monarchen in „Der alte Fritz“ auf den Grund. Nebenbei: Der Preußenkönig ist der Komponist der spanischen Nationalhymne.

Von „gloire“, der Sucht nach Ruhm und Ehre, gezeichnet, sieht Historiker Jürgen Luh den König. Gloire betrifft nicht nur den militärischen Bereich, sondern auch Philosophie, Kunst und Verwaltung des Staates. Aber genau diese „Ruhmsucht“ und dieser „Eigensinn“ machten aus Friedrich einen Menschen, der sich weit von den Monarchen seiner Zeit abhob. Deshalb hat Jürgen Luh auch zwei Kapitel seiner Biografie „Der Große. Friedrich II. von Preußen“ entsprechend überschrieben.

Ein weitaus milderes Bild zeichnet der Journalist Johannes Unger in seinem Buch „Friedrich. Ein deutscher König“, das er mit Exkursen wie „Bauern und Junker“ oder „Verwaltung und Wirtschaft“ auflockert. Unger sieht den Herrscher seit seiner Jugend in die Weltpolitik verstrickt: Das kleine Königtum lag zwischen den Großmächten Frankreich, England, Österreich, Russland – Friedrich versuchte sich als Heerführer und Fürst von europäischem Format zu profilieren.

Die meisten Biografen halten fest, dass er – eine Ausnahme unter den Regierenden – mit seinen Truppen kämpfte und sie in oft lebensgefährlichen Situationen anführte. Auch das macht den Mythos und den Erfolg von Friedrich aus.

Wen Bündnispolitik und Kriegsstrategien in den Schlesienkriegen besonders interessieren, der erhält detaillierte Informationen in Johannes Kunischs kleiner „Friedrich der Große“-Biografie. Die C. J. Bucher-Reihe „Die 50 wichtigsten Fragen“ vermittelt in bewährter Manier Sachwissen in Häppchen: Ob Sparsamkeit, Einführung der Kartoffel oder Umgang mit der Justiz: In „Friedrich der Große“ (144 S., 17,95 Euro) wird der Leser kompakt und unterhaltsam informiert.

Zum Stöbern lädt auch ein schön gestalteter Band aus der Anderen Bibliothek ein: „Friedrich II. von Preußen“ (400 S., 32 Euro). Norbert Leithold zeichnet darin ein positives Friedrich-Bild. Amüsantes zu Friedrichs „Feldbett“ und seinem sprichwörtlichen „Geiz“ hat in diesem kulturgeschichtlichen „Panorama von A bis Z“ ebenso Platz wie Interessantes zu seiner ausgeklügelten Geheimdiplomatie, zum Hofstaat oder zu den Lebenswegen seiner Geschwister – immerhin drei Brüder und sechs Schwestern. Das Stichwort „Amerika“ mag verwundern, aber der Preußenkönig interessierte sich sehr für das Staatengebilde, das sich 1776 von England lossagte.

Diesem bislang von der Forschung kaum beachteten Aspekt widmet der Historiker Jürgen Overhoff gleich ein Doppelporträt: „Friedrich der Große und George Washington“. Der eine verordnete die Aufklärung von oben, der andere erstritt sie von unten – das Buch ist eine sorgfältig recherchierte Analyse der Umbrüche in der Alten und Neuen Welt.

Nach Amerika fuhr der von Gicht geplagte König nie, dafür aber reiste er rastlos durch seine Territorien, um alles zu kontrollieren. Historiker Bernd Ingmar Gutberlet ist den Spuren des Monarchen gefolgt und skizziert in dem reich bebilderten Band „Friedrich der Große. Eine Reise zu den Orten seines Lebens“ die Lebensstationen. Aktuelle Debatten wie die um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses bezieht Gutberlet mit ein.

Experten des Militärgeschichtlichen Forschungsamts in Potsdam schildern in dem großformatigen, klar strukturierten Sachbildband „Preußen. Aufstieg und Fall einer Großmacht“ (Theiss, 208 S., 39,95 Euro) den Weg von der politischen Vormachtstellung bis zur Zerschlagung Preußens. Friedrichs Anteil daran wird klar herausgearbeitet, die zahlreichen Bilder und lebendig formulierten Texte führen in die preußischen Lebenswelten ein und stellen beispielhaft Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft vor – etwa Hegel, Moltke und Rathenau.

Die vielen Novitäten erwecken den Anschein, als wisse man heute alles über das Leben Friedrichs des Großen. Doch ein kleines Rätsel bleibt: War der König schwul? Historikerin Karin Feuerstein-Praßer stützt sich auf eine Aussage von Friedrichs medizinischem Berater Georg Ritter von Zimmermann: Danach soll sich der König mit Gonorrhö angesteckt und nach einem vermutlich missglückten chirurgischen Eingriff an „eingebildeter Eunuchheit“ gelitten haben. Verdienstvoll holt Feuerstein-Praßer in „,Ich bleibe zurück wie eine Gefangene‘“ Friedrichs ungeliebte Gattin Elisabeth Christine aus dem Schatten der Geschichte und beleuchtet die Beziehung des Paars. Der unter einer intriganten Mutter und einem brutalen, jähzornigen Vater aufgewachsene Fritz ging zeitlebens keine Bindungen ein, hielt seine Frau vom Hof fern und gab sich zynisch: „Das ist meine alte Kuh“ – so stellte er sie vor.

Meist umgab er sich mit Männern. Wolfgang Burgdorfs Befund in dem biografischen Porträt „Friedrich der Große“ (Herder, 224 S., 12,95 Euro) ist dem trockenen Witz des Preußenkönigs ebenbürtig: „Als Held konnte er weder impotent noch schwul sein, aber er konnte eine ‚galante’ Krankheit haben, und die zog er sich dann nach seinem Tod zu.“

Lesen Sie hier ein Interview mit "Friederisiko"-Kurator Jürgen Luh!

Stefan Hauck, Andreas Trojan

Titel
Tillmann Bendikowski
Friedrich der Große
C. Bertelsmann - 19,99 €
Format: 336 S.
ISBN: 978-3-570-01131-7
Bestellen
Tom Goeller
Der alte Fritz. Mensch, Monarch, Mythos
Hoffmann und Campe - 21,99 €
Format: 352 S.
Johannes Kunisch
Friedrich der Große
C. H. Beck - 8,95 €
Format: 127 S.
ISBN: 978-3-406-62482-7
Bestellen
Jürgen Luh
Der Große. Friedrich II. von Preußen
Siedler - 19,99 €
Format: 288 S.
ISBN: 978-3-88680-984-4
Bestellen
Johannes Unger
Friedrich. Ein deutscher König
Propyläen - 16,99 €
Format: 256 S.
ISBN: 978-3-549-07413-8
Bestellen

Kommentar schreiben

Wir bitten um sachliche Kommentare zum Thema.

Ihr Kommentar

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

Anzeige