Literatur-Nachrichten

"Vor Krimis hatte ich Respekt"

Als Cora Stephan nimmt sie die Kanzlerin auseinander; unter ihrem Pseudonym Anne Chaplet lässt sie Blut fließen – und das alles im idyllischen Vogelsberg. Wir haben die Autorin dort zum Interview getroffen.

Anne Chaplet lebt in einem kleinen, etwa 170 Jahre alten Fachwerkhaus. Im gemütlichen Wohnzimmer beäugen ihre Katzen feindselig die Haustiger des Nachbarn, die draußen vor den Fenstern herumstreichen. Der Bauer von gegen-über versucht, seine gerade ausgebüxten Schweine wieder einzufangen. Und die Autorin bringt frisch aufgebrühten Darjeeling aus der Küche.

Ihr neuer Krimi „Erleuchtung“ spielt zu großen Teilen in Peru. Waren Sie selbst auch dort, um zu recherchieren?

Anne Chaplet: Nein, leider nicht. Ich halte es mit Karl May: Ich war mit dem Finger auf der Landkarte dort – beziehungsweise mit Google. Aber mit Google-Maps war ich Peru sehr, sehr nahe. Und ich habe wie wild gelesen. „Tod in den Anden“ von Mario Vargas Llosa zum Beispiel, ein unglaublich packendes Buch. Das hat mich alles noch mal sehr beschäftigt, all die Schicksale der Menschen in den 1970er Jahren, die über romantische Vorstellungen von Freiheit, Abenteuer und Revolution in solchen Sekten wie dem „Sendero Luminoso“, dem „Leuchtenden Pfad“ gelandet sind.

Haben Sie auch mit Peruanern gesprochen?

Ja, aber viele wollen anonym bleiben. Allein die Nennung des Namens „Leuchtender Pfad“ könnte, so befürchtet man, Gefahr bedeuten: von den Überresten des „Leuchtenden Pfades“, die heute Drogenhändler sind, oder von der peruanischen Polizei. Dass in einem solchen Konflikt die Bevölkerung zwischen zwei Feuern steht, das sitzt immer noch in den Knochen.

Kommt Kokain so, wie Sie es beschreiben, tatsächlich von Peru aus nach Deutschland?

Durchaus. Einer der bekanntesten Drogenermittler Frankfurts hat im Büro jede Menge „Kunstwerke“, die zum Drogenschmuggel benutzt worden sind. Die Vertriebswege sind bekannt. Und ebenso ist bekannt, dass ab und zu ein Kilo von den Kokslieferungen, die abgefangen werden und in der Asservatenkammer landen, abhanden kommt.

Wenn Sie von Ihrem Schreiben erzählen, klingt da so, als ob Sie sehr viel recherchieren. Ist das so?

Ja, das ist ja auch das Schöne daran, dass man so viel lernt dabei. Das mag ich auch an Krimis von anderen Autoren, die ich lese: dass man einen Zusatzgewinn hat, dass man etwas erfährt.

Sind Sie also eine leidenschaftliche Krimileserin?

Ja, immer. Das ist ja der Witz: Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass ich so etwas auch machen könnte, weil ich vor dem Genre immer sehr viel Respekt hatte. Brit Crime ist vor allem mein Ding, ich mag die klassische britische Krimitradition. Während das bei uns lange als schlichte Unterhaltung eher verpönt war, ist das in Großbritannien schon lange ein akzeptiertes Genre. Man denke an Dorothy Sayers, die große alte Dame des britischen Krimis. Oder an Elizabeth George, die zwar US-Amerikanerin ist, aber sehr britische Krimis schreibt. Oder Reginald Hill, jüngst gestorben: Er war ein großartiger Autor, der ausgesprochen anspruchsvolle Krimis schrieb.

Hat es Sie gestört, dass der Krimi im deutschen Feuilleton eher verpönt war?

Ja, und wie mich das gestört hat! Das hat mich genervt, geärgert, das ärgert mich auch heute noch, auch wenn sich etwas geändert hat, meiner Meinung nach aber nicht genug. Das Feuilleton – das ist Twinset, das ist der abgespreizte Finger beim Teetrinken. Das Feuilleton nimmt Unterhaltungsromane und ihre Autoren erst zur Kenntnis, wenn jemand so unglaublich erfolgreich ist wie Henning Mankell oder jetzt Nele Neuhaus.

Wie sind Sie dazu gekommen, selbst Krimis zu schreiben?

Ich bin auf überhaupt nichts gekommen! Ich verdanke die Idee der Verlegerin Antje Kunstmann. Damals, im Sommer 1996, saß ich an einem kulturhistorischen Essay, der dann bis 2011 mein letztes Sachbuch war: „Das Handwerk des Krieges“. Ich habe zu Antje gesagt: „Dieses Buch bringt mich um. Ich brauche noch was anderes! Was soll ich dir schreiben?“ Und sie sagte: „ Schreib doch das, was du dauernd liest - schreib einen Krimi.“ Und ich habe gesagt: „Nein, das kann ich nicht.“ In dem Moment, als ich das sagte, wusste ich, was ich schreiben würde, wenn ich schreiben würde. Und dann habe ich losgelegt, abends, nach getaner Arbeit. 

Wie lange haben Sie für Ihren ersten Krimi gebraucht?

In drei Monaten war das Manuskript fertig. Und ich dachte: Hey, jetzt werde ich reich! Das denken ja viele meiner lieben Schriftstellerkollegen, wir sind alle irgendwie gleich: Wir sind ja so viel besser als Henning Mankell und all die anderen Schwedenautoren! Und ich hatte schließlich schon zehn Sachbücher geschrieben.

Nachdem Sie Ihr Manuskript fertig hatten – war dann auch alles ganz easy?

Von wegen! Auf den Reichtum warte ich immer noch. Und das Krimischreiben ist wirklich harte Arbeit. Verlegerin und Lebensgefährte waren damals zwar sehr angetan von meinem ersten Manuskript, haben aber beide gesagt: Da musst du noch mal ran. Dann habe ich meinen ersten Krimi zwei- oder dreimal komplett umgearbeitet, bis ich zufrieden war und die Verlegerin auch. Und wenn ich mir heute mein Erstlingswerk anschaue, finde ich, dass man noch sehr viel mehr hätte tun können.

Sie haben jetzt Ihren zehnten Krimi geschrieben. Ist es leichter geworden mit den Jahren?

Leider nein. Was mich tröstet, wenn ich gerade wieder einen Durchhänger habe, ist, dass ich es ja schon mal geschafft habe – und dann sage ich mir, das wirst du auch dieses Mal wieder schaffen. Aber ich finde es immer noch schwierig, den richtigen Angelpunkt zu finden, die richtige Perspektive, das Gefühl, was zu einer Person passt.

Schreiben Sie einfach drauflos?

Nein, ich habe eine Idee – und meine Figuren. Alle Personen haben zum Beispiel eine komplette Biographie, von der Wiege bis zur Bahre. Ich weiß, wann und wo sie geboren sind, wie ihre Eltern heißen usw. Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe, auch wenn ich die Figuren selbst erfunden habe.

Ihr letztes Sachbuch ist vor einem Jahr erschienen –

Mein jüngstes, ich hoffe nicht mein letztes. Da bin ich nach mehr als 15 Jahren mal wieder ausgebrochen aus der Krimiwelt.

Sie haben sich in diesem Buch mit der Kanzlerin auseinandergesetzt unter dem Titel „Angela Merkel. Ein Irrtum“ Was stört Sie an dieser Frau?

Nicht die Person, ihre Politik hat mich geärgert. Dabei mag ich Merkels unaufgeregte Art sehr. Doch ihr Programm, mit dem sie 2005 angetreten ist, hat sie sang- und klanglos fallengelassen. Und nun „fährt sie auf Sicht“, ohne erkennbares Konzept, ohne Ideen, ohne Visionen.

Schreiben Sie lieber Krimis oder Sachbücher?

Das kann ich gar nicht sagen. Es ist anders. Bei einem Sachbuch argumentiert, bei einem Krimi verführt man. Politik finde ich sehr wichtig, aber ich kann mich über sie nicht so leidenschaftlich erregen wie über existentielle Situationen, in die Menschen geraten können. Andererseits war das Merkel-Buch eine sehr intensive Arbeit. Ich musste es unter großem Zeitdruck fertigstellen. Meine Mutter starb währenddessen, das beschäftigte mich natürlich sehr, und dann wurde die Zeit knapp. Doch auch durch diesen Druck war das eine zwar anstrengende, aber schöne, intensive Erfahrung.

Wie viel Zeit hatten Sie für das Buch?

Knapp vier Monate, in denen ich nicht mehr ansprechbar war für die Welt.

Sie ziehen sich also zurück, wenn Sie schreiben.

Wenn es in die heiße Phase geht. Früher habe ich das nicht verstanden, ich habe immer gedacht, mein Gott, diese Schriftsteller stellen sich so wahnsinnig an: Ach, ich brauche dies und ich brauche jenes, ich brauche Platz – ja, aber es ist so. Es ist ein absolut egoistischer, egozentrischer Beruf.

Ihre Krimis schreiben Sie unter dem Pseudonym Anne Chaplet. Hat das etwas zu bedeuten?

Ja, ich habe mit meinem Namen – Cora Stephan – herumgespielt. Stephan, Stephanos, der Bekränzte, und so kam ich zu Rosenkranz, Chaplet, Anne Chaplet, ein schöner Name, der auf Englisch und Französisch geht. Ich dachte damals auch: Hey, das klingt international – und das wäre gut für den internationalen Erfolg!

Sie haben das Pseudonym lange sehr sorgsam gehütet. Warum?

Ich wollte, dass meine Krimis vorbehaltlos gelesen werden und die lieben Kollegen nicht sagen können, ach, jetzt schreibt sie auch noch Krimis. Es ist schöner, wenn sich das Produkt auch ohne die Autorin bewährt.

Hat sich dadurch etwas verändert, dass alle wissen, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt?

Hm, ich weiß nicht. Ich spiele das Spiel ja weiterhin. Auf Facebook bin ich als Anne Chaplet vertreten. Es macht mir Spaß – und so wie ein Roman etwas anderes ist als ein Sachbuch, ist Anne Chaplet jemand anderes als Cora Stephan. Cora Stephan ist eher die politisch interessierte Person und Anne Chaplet ist eher wie meine Schriftstellerkollegen, die posten: „Oh Mann, ich komme heute überhaupt nicht weiter!“ Oder: „Heute werden aber zehn Seiten geschrieben!“ Cora Stephan würde sich eher mit Christian Wulff auseinandersetzen. Anne Chaplet wäre eher genervt und würde ihn sein lassen, wer und was immer er ist.

Was ist das für Sie: ein guter Krimi?

Für mich kommt es zentral auf die Charaktere an, darauf, ob mich eine Person beschäftigt. Wenn ich merke, dass ein Autor sich nicht für seine Person interessiert, muss sie mich auch nicht interessieren. Das zweite, wonach ich gehe, ist so etwas wie historische oder politische Resonanz. Elisabeth Herrmann zum Beispiel, „Das Kindermädchen“, oder ihr jüngster Krimi „Die Zeugin der Toten“. Da gibt es viel Geschichte, die Person ist nicht eindimensional, sondern es erstreckt sich hinter ihr ein historischer Raum. Man könnte sagen: Das Verbrechen hat seine Wurzel in der Vergangenheit – das ist auch ein Klischee und gleichzeitig sehr reizvoll.

Was wollen Sie mit Ihren Krimis?

Unterhalten – keine Botschaften übermitteln. Aber man kann ja auch auf Basis historischer oder politischer Realität unterhalten. Denken Sie an Robert Harris – ich liebe sein Buch „Enigma“. Er verarbeitet darin einen ganz tiefen Konflikt während des Zweiten Weltkriegs; das ist ein politischer Roman, ohne dass er wie Politaufklärung wirkt.

Eine Ihrer Hauptfiguren ist Karen Stark, eine taffe Staatsanwältin mit roten Locken, wie Sie sie auch haben. Ist sie Ihr Alter Ego?

Nein, das ist eher ihr alter Freund Paul Bremer aus Klein-Roda. Dieser etwas undefinierbare Typ – man weiß nicht so genau, was eigentlich mit ihm los ist. Früher ist er sehr viel Fahrrad gefahren, wie ich auch, ich bin jeden Morgen ein, zwei Stunden durch die Gegend geheizt, jetzt komme ich nicht mehr dazu, und das fehlt mir sehr. Er fährt durch die Gegend und beobachtet, er ist kein Akteur, kein Ermittler, er ist diese stille Figur, die beobachtet und dadurch einen großen Wissensfundus bereitstellt, von dem die anderen, die wahren Ermittler, profitieren können.

 

Zur Person
Anne Chaplet, geboren 1951, hat unter ihrem bürgerlichen Namen Cora Stephan  zahlreiche Sachbücher verfasst. Für ihre Kriminalromane um die Frankfurter Staatsanwältin Karen Stark erhielt sie zweimal den Deutschen Krimipreis sowie den Krimipreis von Radio Bremen. Sie lebt mit ihren drei Katzen in Oberhessen und Südfrankreich.

Interview: Sabine Schmidt

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