Literatur-Nachrichten

Offen, lebendig und immer noch jung

Mit Götz Alsmann moderiert Christine Westermann die Fernsehsendung "Zimmer frei!". Sie empfiehlt Bücher im WDR. Sie ist selbst Autorin – und 2012 schreibt sie auch für das Buchjournal. Wir haben unsere neue Kolumnistin in Köln besucht.

Ihre Fernsehshow "Zimmer frei!" gibt es seit 15 Jahren, sie hat längst Kultstatus, aber Christine Westermann gibt sich nicht als Star. Sie wirkt still, und auch ihr Erscheinungsbild ist zurückhaltend. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet, trägt zur Auflockerung nur ein helles Tuch und als Schmuck ihren Ehering und schlichte Ohrringe. Man kennt sie, das ist zu merken, im Café des Museums für Angewandte Kunst in Köln, wo sie sich gern zu Interviews verabredet. Aber sie wird nicht angesprochen, und das ist für sie in Ordnung.

"Götz Alsmann ist die Rampensau", sagt Christine Westermann über ihren Mitstreiter bei „Zimmer frei!“. "Ich bin die Frau in der zweiten Reihe“, und zurückhaltend bleibt sie auch, wenn die Kameras ausgeschaltet sind.
Dass sie Mitte der 1990er Jahre zu der Fernsehsendung kam, war nur halbwegs geplant. Damals moderierte sie im WDR-Fernsehen die „Aktuelle Stunde“ mit Frank Plasberg und war für „Zimmer frei!“ nur die zweite Besetzung. Für eine Show, die zudem nur für wenige Sendungen geplant war: Es ist ein Zimmer frei in einer fiktiven WG; die beiden Bewohner, Christine Westermann und Götz Alsmann, suchen einen dritten und casten dafür Gäste, bei einem gemeinsamen Abendessen, bei Gesprächen sowie bei witzigen bis albernen Spielen – die beiden Gastgeber bezeichnen ihre Show selbst gern als „Kindergeburtstag für Prominente“.

Dabei liegt Westermanns Schwerpunkt eher bei den Gesprächen, während Alsmann der geniale Musiker und der Richtige fürs Gokartfahren ist, „das mir nicht mehr ganz so leichtfällt“, sagt die 63-Jährige lächelnd – und man merkt, dass sie nicht nur gern gute Gespräche führt, sondern auch selbst Spaß an Blödsinn hat.

Ein großes Aufgebot an Stars und Sternchen hat sich in 15 Jahren bei der Fernseh-WG vorgestellt, und zu diesem kleinen Jubiläum gibt es eine DVD-Box: „Zimmer frei! 15 Jahre, 15 Lieblingssendungen“. Rudolph Moshammer war da, Roger Willemsen, Katharina Thalbach, Wencke Myhre, Hape Kerkeling, Sönke Wortmann oder Alice Schwarzer, „die von Anfang an Götz sehr zugewandt war und mich links liegen ließ“. Westermann nimmt’s locker – und lässt sich weitere Äußerungen über ihre prominenten Gäste nicht entlocken.

Nur über Matthias Brandt spricht sie etwas mehr, den Schauspieler und Sohn von Willy Brandt. „Ich bewundere ihn sehr, und als er bei uns in der Sendung war, habe ich mich vor lauter Bewunderung ganz klein gefühlt.“ Eine gestandene Journalis-tin mit jahrzehntelanger Radio- und Fernseherfahrung, die für „Zimmer frei!“ im Jahr 2000 den renommierten Grimme-Preis erhielt, fühlt sich ihren Gesprächspartnern gegenüber klein?

"Sehr selbstbewusst bin ich tatsächlich lange nicht gewesen, und sicherlich hat das auch an meiner Kindheit gelegen. Meine Eltern haben sich nach nur vier Jahren Ehe scheiden lassen und mein Vater, der mir sehr zugetan war, ist gestorben, als ich erst 13 war“, sagt sie – nimmt sich aber gleich wieder zurück. „Es war nicht einfach, aber auch keine Katastrophe. Andere Menschen müssen Schlimmeres durchmachen.“
Dennoch: Ein Stück Unsicherheit ist lange geblieben. Auch der Grimme-Preis hat da nicht geholfen – „der galt ja nicht mir, sondern dem ganzen Team, so habe ich das jedenfalls empfunden. Der Ritterschlag war für mich erst der Deutsche Radiopreis.“

Das war im Herbst 2010. Ausgezeichnet wurde Christine Westermann in der Kategorie Bestes Interview für ein Gespräch auf WDR 2 in der Sendung „Montalk“. Sie hat diesen Preis nicht zuletzt für „intelligentes Zuhören“ bekommen, so die Begründung der Jury. „Intensive Vorbereitung, gut zuhören – und bereit sein, den geplanten Weg zu verlassen, wenn das Gespräch anders läuft, als ich mir das gedacht habe“, so fasst die Journalistin ihr „Rezept“ für ein gutes Interview zusammen.

Neben „Zimmer frei!“ und dem „Montalk“ empfiehlt sie Bücher, alles beim WDR und alles freiberuflich. Ihre Buchtipps gibt sie auf dem Kulturkanal WDR 5, bei „Frau TV“ und sonntagmorgens auf WDR 2. Sie sind sehr beliebt: Titel, die von Christine Westermann empfohlen werden, werden gekauft und gelesen. Und wenn sie mit ihren Buchempfehlungen in der Vorweihnachtszeit auf Tour geht, füllt sie Säle mit 500 Plätzen.
Zu den Buchtipps ist sie für sie selbst ganz überraschend gekommen. „Ich wurde 2000 gefragt, ob ich, abwechselnd mit Elke Heidenreich, Bücher vorstellen will.“ Sie hatte damals keine Ahnung, wie Literaturkritiker arbeiten, und ging erst einmal in eine Buchhandlung. „Ich holte mir einen Stapel Bücher aus den Regalen, setzte mich in einen Sessel und fing an zu lesen. Vier Romane gefielen mir, die habe ich dann gekauft und für die Buchtipps beim WDR zugesagt. Damals habe ich sie noch als Texte formuliert und vorgelesen. Furchtbar!“ Heute empfiehlt sie ihre Bücher im Gespräch mit dem Moderator der jeweiligen Sendung – eine lebendige Form, die ihr sehr entspricht. Dabei ist sie im Radio wie im direkten Gespräch: konzentriert, zugleich aber locker und humorvoll.

Welche Bücher haben ihr in letzter Zeit besonders gut gefallen? „Sprechende Männer“ von Jochen-Martin Gutsch und Maxim Leo, „34 Meter über dem Meer“ von Annika Reich, „und vor Kurzem habe ich ‚Süden und die Schlüsselkinder‘ von Friedrich Ani gelesen – ich habe mich abends mit dem Krimi ins Bett gelegt und erst aufgehört, als ich ihn durchhatte.“

Mit der Zurückhaltung ist es jetzt vorbei, und es ist, wie im Radio, eine lebhafte, leidenschaftliche Christine Westermann, die von ihren Leseerlebnissen erzählt. Sie lässt sich von Büchern fesseln, und diese Faszination, diese Begeisterung gibt sie an ihre Zuhörer weiter.

Im klassischen Feuilleton stoßen ihre sehr persönlichen Empfehlungen zuweilen ebenso auf Ablehnung wie die Auswahl ihrer Titel. Christine Westermann legt zwar großen Wert auf sprachliche Qualitäten, aber insbesondere auch auf das, was sie „Lesbarkeit“ nennt. „Meine Zuhörer sind in der Regel nicht ausgebildete Literaturwissenschaftler, sondern zum Beispiel Versicherungskauffrauen, die gern lesen, sich aber nicht mühsam einen Text erarbeiten wollen.“

Zu Diskussionen darüber, wie ein gutes Buch zu definieren ist, kam es auch, als Christine Westermann im vergangenen Herbst Jurymitglied beim Deutschen Buchpreis war und sie versuchte, ihre Titel – unter anderem „Léon und Louise“ – auf die Longlist zu bringen. „Es war eine harte Zeit“, sagt sie – und lächelt dann über sich selbst, weil sie sich auch jetzt noch in Rage redet, auch wenn am Ende mit Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ein Buch ausgezeichnet wurde, mit dessen Wahl sie sehr einverstanden ist. „Unmittelbar danach wollte ich nie wieder in einer Jury mitarbeiten. Jetzt habe ich aber doch schon wieder Lust dazu.“

In vier Jahrzehnten journalistischer Arbeit hat sie gelernt, Kritik und Rückschläge einzustecken – und weiterzumachen. Nur einmal habe sie zu früh aufgegeben, meint sie: als sie im WDR-Fernsehen im Herbst 2009 in einer eigenen Sendung Bücher unter dem Titel „west.art“ am späten Abend vorstellte. Die Quoten waren niedrig, und die hausinterne Kritik war so heftig, dass sie krank wurde und nach nur drei Sendungen aufgab. „Heute denke ich, dass ich hätte weitermachen sollen. Eine solche Sendung braucht Zeit, sich zu etablieren.“

Und jetzt? Sie ist voller Ideen und Pläne, auch wenn sie in den vergangenen Jahren etwas ruhiger geworden ist. 1990 ist sie noch einfach mal nach San Francisco aufgebrochen, nachdem eine Liebe zu Ende gegangen war. Zehn Jahre pendelte sie zwischen Köln und den USA, weil sie weiterhin für den WDR tätig war. „So etwas würde ich gern noch mal machen, dieses Mal in Rom oder Sydney. Aber ich bin etwas bequem geworden und inzwischen sehr vernetzt hier in Köln. Und verheiratet.“

Im Juni 2000 hat sie den Unternehmensberater Jochen Baller geheiratet, der auch ihr Agent ist. Die beiden sind sehr gesellig, haben viele Freunde und sind treue und leidensfähige Anhänger des 1. FC Köln. Heimspiele ihrer Fußballer erleben sie im Stadion. „Manchmal fahren wir auch zu Auswärtsspielen mit, zum Beispiel nach Freiburg, wo man gut schlemmen kann.“ Christine Westermann steht dazu, dass sie gern isst und trinkt – und joggt dreimal in der Woche, um in Form zu bleiben, morgens um acht, bei Wind und Wetter.

Aufbrüche in unbekanntes Terrain wünscht sie sich, hat sie konkret aber erst ansatzweise geplant. Das neue Jahr hat mit Dreharbeiten für „Zimmer frei!“ begonnen. Es gibt weiterhin den „Montalk“ und die Buchtipps. Zudem schreibt sie die Kolumne für das Buchjournal (siehe Seite 18). Und es gibt ein eigenes neues Buchprojekt.

Bisher hat Christine Westermann vier Bücher geschrieben: die Beziehungskomödien „Baby, wann heiratest du mich?“ (1999) und „Ich glaube, er hat Schluss gemacht“ (2000); „Aufforderung zum Tanz“ (2008), ein Briefwechsel mit dem Journalisten Jörg Tadeusz; und gemeinsam mit Stefan Worring ein Buch zum Karneval (2009) – die gebürtige Erfurterin, die in Mannheim aufgewachsen ist, ist längst nicht nur Kölnerin, sondern auch Karnevalistin.

„Worüber das neue Buch sein wird, weiß ich noch nicht“, sagt sie. „Aber ich habe das Gefühl, an einem Wendepunkt zu sein. Genauer kann ich es noch nicht fassen, aber es scheint, als ob sich manches in neue Richtungen bewegen wird. Vielleicht greife ich das auf und schreibe über das Älterwerden und darüber, wie es ist, auf der Zielgeraden des Lebens zu sein.“

Es klingt nach einem ernsten, nachdenklichen Buch. Geschrieben werden wird es von einer Frau, die oft unsicher war, manchmal auch kämpfen und einiges einstecken musste, die aber mit sich und ihrem Leben einverstanden ist. „Wenn mich jemand fragt, wer ich sein möchte, dann möchte ich Christine Westermann sein.“ Eine schöne Zwischenbilanz von einer Frau, die – auch wenn sie ruhiger geworden ist – noch viel vorhat. Die offen wirkt, lebendig und immer noch jung.

Sabine Schmidt

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