Romane

Jessica DurlacherJessica Durlacher© Karin van Til

29.02.2012Porträt Jessica Durlacher

Meisterin der Emotion

Als Survivor Child ist Jessica Durlacher von der Nazivergangenheit und deren Folgen geprägt. In ihrem neuen Roman "Der Sohn" wird Zeitgeschichte zum Thriller. Wir haben die niederländische Autorin in Bloemendaal besucht.


Sie ist mal wieder da, angekommen in ihrer Vergangenheit, die doch immer auch Gegenwart ist. Feiner Regen nieselt vom wintergrauen Himmel, färbt die Straße vor dem kleinen Bahnhof im Städtchen  Bloemendaal schwarz, lässt sie glänzend ansteigen, den Hang hinauf, vorbei an stattlichen alten Steinhäusern, die in zugewachsenen Gärten stehen. Jessica Durlacher ist hinter den großen Fenstern im Erdgeschoss schon von der Straße aus zu sehen. Groß, schlank, die langen blonden Haare locker hinter die Ohren gesteckt, steht sie in der Küche, hantiert am Smartphone, bemerkt den Gast und öffnet auch schon lachend die große Holztür in ihr weitläufiges Haus mit den alten Motivfliesen am Eingang, weißen Landhausmöbeln und lässig schicken Vintageteppichen auf den Dielenböden.

Nur wenige Kilometer entfernt, in Amsterdam, ist sie aufgewachsen. Ähnlich wie die Ich-Erzählerin Sara in ihrem jüngsten Buch. Und wie sie selbst lässt Jessica Durlacher auch Sara am Ende mit ihrer Familie nach Kalifornien übersiedeln, um dort schreibend die Vergangenheit abzuschütteln, die sie und ihre Familie fast lebensbedrohlich bis in die Jetztzeit verfolgt.

Sara ist ein Survivor Child, Kind eines KZ-Überlebenden – so, wie sie selbst. Tochter des Soziologen und Schriftstellers Gerhard Durlacher, der als Einziger seiner jüdischen Familie Auschwitz überlebte. Ein Trauma, das das ganze Leben überschattet, sich fortpflanzt, auch Kinder und Kindeskinder prägt.

Die Verwundungen und die Auseinandersetzungen der Nachgeborenen mit der ­Nazivergangenheit ziehen sich wie ein roter Faden durch die Romane der 50-Jährigen, die im schwarzen Mini über den Leggins und Stiefeletten locker zehn Jahre ­jünger aussieht: „Das Gewissen“, „Die Tochter“,  „Emoticon“, jetzt: „Der Sohn“. Die Vergangenheit holt selbst die Enkel ein, lenkt deren Lebenswege. Man mag beim Lesen viele Parallelen sehen zwischen Sara und Jessica. In Saras Mann, den Filmemacher und Produzenten Jacob,  gar Jessica Durlachers Mann, den Schriftstellerkollegen und Filmemacher Leon de Winter, erkennen. Und wie im wahren Leben hat auch das Paar im Buch einen Sohn und eine Tochter. Jessica Durlacher lacht, wirft die blonden Haare über die Schulter und schließt biografische Analogien kategorisch aus. Ja, sie spielt mit allen Zutaten, die Familie und ihr Umfeld so bieten, sagt sie. Aber der Plot ist frei erfunden.

In ihm wird Zeitgeschichte zum Psychothriller, der Saras sorgloses Leben auf mys­teriöse Weise aus den Angeln hebt. Ihr sanftmütiger Sohn verpflichtet sich in den USA bei den Marines, um in Afghanistan zu kämpfen, sie wird Opfer einer Vergewaltigung, die Familie überfallen, ihr Mann niedergeschossen, Tochter Tess bedroht.

Heimsuchungen, die aus der Vergangenheit herrühren und traumatisierende Gegenwart werden, weil eben nicht nur das Leid der Nazi-Opfer das Leben ihrer Nachkommen prägt, sondern auch Hass und  rechtsextreme Gewalt der Täter immer neuen Hass, neue Gewalt, neue Täter gebären.
„Der Sohn“ ist ein atemlos spannendes Buch, das von Schweigen und Ohnmacht handelt, vom Ausgeliefertsein und von der verzweifelten Hilflosigkeit, seine Lieben nicht beschützen zu können. Aber auch von Gegenwehr, der Möglichkeit zur Revanche und der Entschlossenheit, nicht länger Opfer zu sein.

Jessica Durlachers Ansatz, sich mit NS-Terror und seinen Folgen aus dem Blickwinkel der Menschen von heute zu befassen, ist lebensnah, bisweilen erschreckend aktuell – wie jetzt, angesichts der rechts­extremen Mordserie in Deutschland. Dabei schreibt sie nicht mit  erhobenem Zeigefinger, sondern will spannende Geschichten von Menschen und ihren Abgründen erzählen. Geschichten, die anrühren, fesseln. „Emotion schafft eine Vorstellung.“ Mit großer Empathiefähigkeit und psychologischem Feinsinn durchdringt sie jede ihrer Figuren, dass jedes Wort, jede Reaktion zutiefst glaubwürdig erscheinen. 

Das kostet Kraft. Zumal sie sich vorhält, zu wenig Fantasie und Leichtigkeit zu haben. Anders als ihr Mann Leon, der jederzeit  „selbst mitten im größten Tumult am Küchentisch schreiben kann“, braucht sie  absolute Ruhe und Konzentration. „Wenn ich losmuss, die Kinder abzuholen, oder irgend jemand anruft, ist der Arbeitstag gelaufen.“

„Der Sohn“ hat sie in ihrer Wahlheimat Los Angeles geschrieben. Ein Ort, an dem beide, Leon de Winter und sie, „vollkommen frei arbeiten können“. Der durch seine Weite und Vielfalt interessanter und inspirierender für sie ist als das beschauliche Holland. An dem sie aber immer auch ein bisschen Heimweh verspürt – gut für die Arbeit, wie sie sagt. „Schreiben wird dadurch so was wie ein Versteck für mich, meine eigene Welt.“
Die braucht sie auch für ihre Recherchen und Gedanken. Jede ihrer Geschichten ist zu Ende gedacht, ehe sie sich ans Schreiben macht. So, wie sie sich als Kind immer tausend Gedanken machte. „Extrem sorgsam“ war, dass es ihrem Vater gut geht. „Ich wollte immer alles richtig machen, immer die Beste sein.“ Bis ihr klar wurde, dass sie sich davon lösen muss. Mit 17 zog sie aus. Studierte niederländische Literatur, gründete nebenbei mit Freunden eine eigene Literaturzeitschrift, erhielt schließlich auch von anderen Medien Aufträge für Literaturkritiken. So lernte sie Leon de Winter kennen. Sohn jüdischer Eltern – und Survivor Child wie sie. „Nach dem zweiten Interview mit ihm hat er angefangen, mich anzurufen.“

Zwei Autoren unter einem Dach, zwei, die sich obendrein mit ähnlichen Themen befassen  – „doch, das geht“, sagt Durlacher. Ohne Konkurrenz. Im Gegenteil. Sie lesen sich ihre Texte gegen, geben Tipps und schreiben konsequent im Schichtdienst. „Während der eine an einem Buch arbeitet, kümmert sich der andere um die Kinder und alles andere.“

Auch inhaltlich kommen sie sich nicht ins Gehege, sagt Jessica Durlacher. Während Leon de Winter als politischer Kopf ständig in der Öffentlichkeit präsent ist –oft auch heftig umstritten –, konzentriert sie sich ganz auf ihre Literatur. Ihre Bücher werden anders als die ihres Mannes von der Kritik in den Niederlanden ausnahmslos gelobt, „dafür verkaufen sich die von Leon  besser“. Aber das, sagt sie und lacht, ändert sich auch noch.

Zur Person
Jessica Durlacher, 1961 in Amsterdam geboren, ist mit ihren Romanen „Das Gewissen“, „Die Tochter“ und „Emoticon“ in den Niederlanden eine Bestsellerautorin. Für ihr Buch „Der Sohn“ erhielt sie den Opzij-Literaturpreis 2010 als bestes Buch des Jahres. Sie lebt mit ihrem Mann Leon de Winter und ihren zwei Kindern in Bloemendaal und in Kalifornien.

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Anita Strecker

Titel
Jessica Durlacher. Übersetzt von Hanni Ehlers
Der Sohn
Diogenes
ISBN: 978-3-257-06811-5
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