Literatur-Nachrichten

"Man wird zur leichten Beute"

Von der Managergattin zur Arbeitslosen ohne Perspektive: Petra van Laak beschreibt in ihrem Buch "1 Frau, 4 Kinder, 0 Euro (fast)“ die Schattenseiten der Wohlstandsgesellschaft. Das Buchjournal hat sich mit der Autorin über ihre Erfahrungen als Arbeitssuchende unterhalten.

Vor zehn Jahren lebten Sie mit Ihrem Mann und Ihren vier Kindern noch in einer Villa, dann brach Ihre bürgerliche Existenz plötzlich zusammen. Was war passiert?
Petra van Laak: Wir wohnten damals in einem schönen Haus mit großem Garten, lebten zwar nicht in Saus und Braus, Geld war aber nie ein Thema, weil einfach genug da war. Dann gerieten die Firmen meines ehemaligen Mannes in die Insolvenz. So zog es uns den Boden unter den Füßen weg.

Wie ging es weiter?
Ich war bereit, die Ärmel hochzukrempeln und die Sache gemeinsam durchzustehen. Mein Ex-Mann wollte in meinen Augen das Desaster nicht wahrhaben. Zwei Jahre bemühte ich mich, irgendwie Geld zu verdienen. Dann kam es schließlich zur Zwangsräumung der Villa, und unsere Ehe ging schließlich auch in die Brüche.

Und Sie standen ohne Geld und Wohnung, dafür mit vier Kindern von drei bis neun Jahren da.
Wir zogen in eine kleine Sozialwohnung und fühlten uns wie Flüchtlinge, die quasi bei null beginnen mussten. Und ständig ging es für mich nur darum, einen Job zu ergattern, um Geld zu verdienen.

Warum hat das nicht geklappt?
Weil ich zwar studiert hatte, doch die letzten Jahre ausschließlich als Hausfrau und Mutter gearbeitet hatte. Das würde ich heute niemals mehr so machen: aus dem Beruf vollständig aussteigen und mich finanziell komplett abhängig machen.

Wie erlebten Ihre Kinder die neue Situation?
Der Auszug aus dem schönen Haus mit dem großen Garten war für sie schlimm und natürlich auch, dass die Eltern nicht mehr zusammenlebten. Ich hatte den Kindern erklärt, dass wir von nun an anders leben müssten, weil wir kein Geld mehr hätten. Im Urlaub wurde im Garten gezeltet, jeder Cent wurde zweimal rumgedreht. Das ist für Hunderttausende in Deutschland normal und so war das damals auch für uns.

Wie lief die Jobsuche?
Bei meinen Bewerbungen auf klassische Stellenanzeigen merkte ich schnell, dass ich keine Chance haben würde. Deshalb fing ich an, die klein gedruckten Stellen­anzeigen zu lesen. Wenn man das tut, hat man eigentlich schon verloren.

Was wird dort geboten?
Es sind die Annoncen, in denen Leute für leichte Telefon-Tätigkeiten gesucht werden, Models für Hobby-Fotografen, Verkäufer von Zeitschriftenabos und solche Dinge.

Das haben Sie alles gemacht?
Ja. Eher absurd empfand ich ein Casting, an dem ich teilnahm, wo Darsteller für TV-Reality-Shows gesucht wurden. Ganz übel dagegen war es bei einer Telefonmarketing-Firma. Die geforderten Quoten waren Irrsinn, nach dem zehnten Arbeitstag bekam ich von dem Stress Bauchschmerzen. Nach 14 Tagen rechnete ich aus, dass ich nur 325 Euro verdient hatte, woraufhin ich kündigte.

Was war das Schlimmste an der Situation?
Am schlimmsten war die Perspektivlosigkeit bei der Jobsuche. Ich rannte permanent gegen eine Wand, würde ewig Aufstockerin bleiben. Aber es gab auch Gutes: Meine vier Kinder und ich waren ein tolles Team. Sie waren sehr erfinderisch, was Sparen anging, und unterstützten mich vorbildlich, als ich mich schließlich selbstständig machte.

Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Ich will beschreiben, wie schnell man in diesem Sumpf von Arbeits- und Perspektivlosigkeit versinken kann. Dagegen sind auch gut ausgebildete Leute aus der bürgerlichen Mittelschicht nicht gefeit. Und ich will zeigen, wie man bei der verzweifelten Suche nach Arbeit leichte Beute für skrupellose Menschen werden kann – und wie sehr wir doch oft unsere Kinder unterschätzen. Sie haben die Zeit heldenhaft mit mir durchgestanden.

Zur Person
Petra van Laak, geboren 1966, verbrachte ihre Kindheit in Nigeria, wo ihre Eltern als Entwicklungshelfer tätig waren. Sie studierte Kunstgeschichte und betreibt heute eine Kommunikations- und Werbeagentur in Potsdam, wo sie mit ihren vier Kindern lebt. 2010 gewann sie den Swiss Text Award und war zur Unternehmerin des Landes Brandenburg 2011 nominiert.

Interview: Eckart Baier

1 Kommentar/e

1. Heike Schneider 15.03.2013 12:29h 
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Das Problem ist die Kultur des WEgschauens, sie schriebn heute darüber Romane, darüber was Unterschicht schon jahrlang wahrnimmt. Warner, Sekptikerinnen werden gemobbt. Und das Schlimmste alles noch mit gesdrucktem Geld, Geldwäsche, Drogengeld, Geld aus Pronographie. Ich wollte Kinder davor schützen, bin Diplombilbilothekarin und habe heute keinen Kinder und bin über dem "ganz normalen Wahnsinn" zusammengebrochen. Mein buch ist immer noch im Kopf, weil es immer nochsoviel gibt die Lügen und ich Anfeindungen befürchte.

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