Literatur-Nachrichten

Gegen den Strich

Die frech-nervöse Kontur ist ihr Markenzeichen: Mit harmoniesüchtigen Bildern konnte Anke Kuhl noch nie etwas anfangen. Wir trafen die Illustratorin und Gründerin der Ateliergemeinschaft "Labor" in Frankfurt am Main.

Das könnte blutig enden, wenn die kleine Berta neben das Schwimmbecken springt. Wenig günstig sind auch die Chancen für Fritz: Den trifft der Blitz. Während Kinder beim Betrachten solcher Szenen aus „Alle Kinder“ (Klett Kinderbuch) loslachen und gleich weiterdichten, jammern manche Erwachsenen, das könne eine Illustratorin zarten Kinderseelen doch nicht zumuten. Und überhaupt zeichne die Kuhl ja immer so frech.

 

Fritz: Den trifft der Blitz© Anke Kuhl aus: "Alle Kinder - Ein ABC der Schadenfreude", Klett Kinderbuch

„Mein Stil polarisiert“, sagt Anke Kuhl gelassen und wärmt ihre Finger an einer Tasse Roibuschtee. „Mainstream war noch nie meine Sache, aber das hängt einfach von der eigenen Sichtweise ab: Ich finde ein grimmig guckendes Kind durchaus süß“, meint sie und lächelt ihr unnachahmliches Lächeln. Den schwarzen Humor habe Klett-Kinderbuch-Programmleiterin Monika Osberghaus aus ihr herausgekitzelt.

Für viele Verlage hat Kuhl schon gearbeitet: „Wichtig ist, dass eine Lektorin ­eine Vision hat und sie mit Leidenschaft verfolgt“, meint die 41-Jährige, „und im besten Fall deckt sich das mit meinen Visionen ...“ Ein Faible für Bilder hat die im hessischen Dietzenbach aufgewachsene Illustratorin schon früh gehabt. Bereits als Kind, erinnert sie sich, „habe ich Bücher immer danach durchforstet“. Die Eltern waren beide Lehrer, ihr Vater konnte gut zeichnen: „Ich habe öfter nach seinen Vorbildern geübt.“ Den Wunsch, die Sache professio­neller anzugehen, hatte sie schon als Jugendliche. „Alle um mich herum haben gesagt: Du machst doch später bestimmt mal was mit Kunst!“ Aber Anke Kuhl haute nach dem Abitur erst einmal drei Monate nach Island ab. „Ich wollte nicht das machen, was alle machen, ich wollte zeichnen und bin auf einen Bauernhof.“ Vor lauter Kühe melken, Heu machen, mis­ten und auf Isländisch radebrechen blieb allerdings gar nicht viel Zeit zum Zeichnen.

1990 entschied sich die Lehrertochter dann für ein Studium der Sonder- und Heilpädagogik mit Hauptfach Kunst. Nach einem halben Jahr hörte sie auf: „Ich wollte viel, viel mehr selber zeichnen.“ Und belegte an der Uni Mainz zwei Semester Freies Zeichnen. „Das war eigentlich super: Ich hatte eine Riesenmappe mit Arbeitsproben und wurde dann sofort an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung aufgenommen.“

Mit 22 Jahren lernte sie ihren späteren Mann Martin Schmitz kennen, der Politologie studierte und beim „Journal Frankfurt“ einen Job als Journalist bekam. Noch bevor ihre Kinder 2001 und 2005 zur Welt kamen, war klar, dass Frankfurt der Lebensmittelpunkt werden sollte. Aber was tun? „In Offenbach hatte man uns wenig Hoffnungen gemacht, vom Illustrieren leben zu können, da hieß es immer: Geht in die Werbegrafik.“ Kuhl überlegte, ähnlich wie Atelier 9 in Hamburg, eine Ateliergemeinschaft zu gründen und schrieb gleichaltrige Künstler in der Umgebung an. Sie war völlig baff, als Illustrator Philipp Waechter sofort anrief, er sei dabei und seine Freundin Moni Port auch. „Plötzlich waren da viel mehr Interessenten als Räume.“

Die hatten sie rasch in einem alten Zahnlabor gefunden, wo die Ateliergemeinschaft „Labor“ auch heute noch residiert, mit neun Köpfen. Mittags wird gekocht, einmal im Jahr eine Woche gemeinsam weggefahren; in diesem Jahr an den Lago Maggiore. Leben und Arbeit gehören hier zusammen.

Anfangs war Kuhl noch für ein Grafikbüro in Darmstadt tätig, dann nahm sie erste selbstständige Aufträge wahr, zeichnete Cartoons, arbeitete für Musikvideos, etwa von Jan Delay. Schließlich beauftragte Fischer Schatzinsel sie für das Bilderbuch „Ene meene muh – Abzählreime mit und ohne Kuh“, Barbara Gelberg trug ihr den „Bunten Hund“ an. Kuhl gewann den Troisdorfer Bilderbuchpreis, im Herbst 2011 den Deutschen Jugendliteraturpreis und ist inzwischen dick drin im Illustrationsgeschäft. Und wer in diesem „Buchjournal“ auf Seite 84 blättert, entdeckt Kuhls Möwe, die sie als Markenzeichen für den „LeseLotsen“ entwickelt hat.

In den vergangenen drei Jahren hat sie so viele Projekte gestemmt, dass sie am Limit ist: „Ich muss jetzt einfach mal kürzertreten.“ Sie möchte wieder stärker unabhängig von Buchprojekten zeichnen – „das ist wie forschen, das brauche ich für meine Weiterentwicklung“. Denn gute Bücher seien die, „die eigene Erfahrungen spiegeln – und nicht die, wo man permanent an Leser und Absatzzahlen denkt“.

Anke Kuhl© Stefan Hauck

Zur Person

Anke Kuhl, geboren am 29. April 1970 in Frankfurt, studierte
zunächst zwei Semester Freies Zeichnen an der Universität Mainz, dann machte sie ihr Diplom in Visueller Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Sie wurde unter anderem 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Kuhl lebt mit ihrem Mann Martin und zwei Kindern in Frankfurt.

Stefan Hauck

Titel

  1. Alle Kinder. Ein ABC der Schadenfreude
    • VerlagKlett Kinderbuch
    • ISBN 978-3-941411-42-5

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  2. Gutenachtgeschichten am Telefon
    • VerlagFischer TB
    • ISBN 978-3-596-85481-3

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  3. Von Kindern, Katzen und Keksen. Die schönsten Familiengeschichten mit Bildern von Anke Kuhl
    • VerlagBeltz & Gelberg
    • ISBN 978-3-407-82014-3

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