Literatur-Nachrichten

"Oh süß – die stricken!"

In ihrem Buch „Hammelsprünge“ erinnert sie an den alltäglichen Sexismus in der Bonner Republik – und zielt auf die Gegenwart: Die Journalistin Ursula Kosser fordert die Frauenquote. Eine Begegnung in München.

Aus der Gegensprechanlage kommt eine fröhliche Stimme: „Es geht ziemlich weit nach oben!“ So ist es dann auch – es gibt keinen Fahrstuhl, dafür führen etliche Treppenstufen in die helle, ruhige Dachgeschosswohnung mitten in München. „Hier oben zeigt sich, wie fit man wirklich ist“, sagt Ursula Kosser lächelnd, als sie die Tür öffnet. Sie selbst ist schlank, lebhaft, sie lacht gern – und hat auch schon mal was vorbereitet: Ihre drei Politikerzwerge Kohl, Brandt und Genscher, die sie seit den 1980er Jahren begleiten, sind auf dem Esstisch aufgereiht. Über die 80er und 90er Jahre wollen wir auch reden: über die Zeit, als Ursula Kosser für den „Spiegel“ in Bonn tätig war.

Der alltägliche Sexismus, den sie dort erlebte, ist Thema ihres neuen Buchs: „Hammelsprünge“. Für dieses Buch hat sie Menschen aus Politik und Medien, denen sie damals begegnet ist, um eigene Beiträge oder Interviews gebeten. Gerhard Schröder – der frühere Kanzler, für den Frauenthemen unter dem Stichwort „Gedöns“ liefen – und seine Frau Doris Schröder-Köpf haben absagen lassen; Joschka Fischer hat gar nicht erst geantwortet. Aber es haben sich unter anderen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Rita Süssmuth, Claudia Roth, Norbert Blüm und Franz Müntefering beteiligt – an einem Buch, das in der Form leicht und locker daherkommt, dabei aber ein engagiertes Plädoyer für Gleichberechtigung ist.

Sie haben einen etwas ungewöhnlichen beruflichen Werdegang hinter sich: Sie wechselten in den 1980er Jahren vom Privatfernsehen zum „Spiegel“. Wie kam es dazu?
Ursula Kosser: Das Privatfernsehen war damals in seinen Anfängen und hatte einen richtig schlechten Ruf: Es galt als „Tittenfernsehen“, weil RTL damals zunächst mit der freizügigen Spielshow „Tutti Frutti“ Furore machte. Aber wir – das Bonner RTL-Büro, das waren Peter Klöppel und ich – haben uns ausschließlich mit Politik befasst, und ich finde auch, dass wir das gut gemacht haben. Zu der Zeit suchte der „Spiegel“ eine Frau, und ich wurde abgeworben.

Worüber haben Sie geschrieben?
Ich sollte mich mit Frauenthemen befassen – das waren die Themen, über die sonst keiner schreiben wollte. Und während meine männlichen Kollegen sich um den Platz im „Spiegel“ stritten, kam ich mit meiner Geschichte immer rein. Dazu kam dann, dass Frauenthemen nach der Wiedervereinigung eine zusätzliche Brisanz bekamen. Zum Beispiel das Thema Kindergartenplätze: Im Osten gab es ein Recht darauf, im Westen nicht. Oder der Paragraph 218, auch da war der Osten viel weiter.

Waren Frauenthemen also nicht das, womit Sie sich eigentlich befassen wollten?
Am Anfang nicht. Das hat sich mit der Zeit geändert, weil ich mit dem Thema eben Platz im Heft bekam und es auch selbst bald immer wichtiger fand. Ich wollte aber auf gar keinen Fall zur Lila-Latzhosen-Fraktion gezählt werden, ich war damals zum Beispiel auch gegen die Quote. Ich fand das blöd – schließlich hatten wir alle eine gute Ausbildung, und wir jungen Journalistinnen waren davon überzeugt, dass wir durch Leistung erfolgreich sein würden.

Was haben Sie dann erlebt?
Bonn war eine Männerwelt: Unter den Journalisten waren nur etwa zehn Prozent Frauen, unter den Abgeordneten etwa elf Prozent. Und wir stießen buchstäblich auf eine Wand. Die meisten Männer in Bonn, die Politiker wie die Kollegen, haben uns junge Journalistinnen nicht ernst genommen und außen vor gelassen. Zum Beispiel, wenn es um die Hintergrundkreise ging, die in Bonn sehr wichtig waren. Man setzte sich mit ­Politikern zusammen und führte vertrauliche Gespräche: Sie konnten sich äußern, ohne dass gleich mitgeschrieben wurde und am nächsten Tag alles in der Zeitung zu lesen war. Solche Gespräche waren notwendig, um politische Entwicklungen einschätzen zu können, das gehörte wesentlich zu unserer Arbeit dazu. Aber die Männer haben uns nicht zugelassen.

Gab es auch eine Begründung?
Nicht wirklich. Höchstens die, dass wir Frauen ja nicht über Politik berichteten. Bis dahin war es eher so, dass für Journalistinnen Klatsch und Tratsch reserviert war. Sie konnten darüber schreiben, wie es auf dem Bundespresseball war, was die Ministerin anhatte, ob ihr Kleid zu lang oder zu kurz war und ob sie zugenommen hatte. Aber wir wollten etwas anderes, wir wollten über Politik schreiben.

Was haben Sie gemacht?
Wir haben selbst Hintergrundkreise gegründet. Der eine hieß „Lila Karte“ – die zeigten wir den Mitgliedern der „gelben Karte, einem Männer-Hintergrundkreis. Und der andere, der etwas später gegründet wurde, hieß „Rotes Tuch“.

Sind Politiker zu Ihnen gekommen?
Anfangs nicht. Die sagten dann über uns: „Oh süß, guck mal, die stricken!“ Aber die meisten Frauen in Bonn waren sehr tough, und wir haben das durchgestanden. Es gab auch einen großen Zusammenhalt, der über alle Parteilichkeiten und Fraktionen hinwegging, auch unter den wenigen Politikerinnen. Wenn zum Beispiel Renate Schmidt von der SPD Ursula Männle von der CSU traf, sagte sie: „Soll ich mal wieder richtig gegen dich wettern, damit du dein Thema durchkriegst?“ Dann regten sich nämlich die CSU-Männer auf, und dann ging es leichter. Das waren nicht Frauen- gegen Männerbünde, aber es gab schon diesen Zusammenhalt unter uns Frauen.

Warum kamen dann später doch männliche Politiker zu den Frauen-Hintergrundkreisen?
Wir Journalistinnen schrieben ja, und das, was wir schrieben, passte ihnen nicht immer. Und dann suchten sie das Gespräch auch mit uns.

Sexuelle Belästigung ist ein großes Thema in Ihrem Buch. Wie war das damals?
Sexuelle Belästigung fand jeden Tag statt. Die älteren Männer, die zwischen 50 und 60, waren nicht ganz so schlimm. Sie haben ausgelotet, wie weit sie mit uns gehen können, wenn sie uns Informationen geben; aber sie haben letztlich die Grenzen akzeptiert, die wir gesetzt haben. Die etwas jüngeren dagegen, die zwischen 40 und 50, waren sehr viel hartnäckiger, und das war sehr unangenehm. Waltraud Schoppe sagte 1983 im Bundestag: „Wir fordern Sie auf, den täglichen Sexismus im Deutschen Bundestag zu unterlassen“ – und die Männer brachen in schallendes Gelächter aus.

Wie sah dieser Sexismus aus?
Ernst genommen hat uns kaum jemand – und ansonsten ging das von zweideutig-eindeutigen Witzen über Anstarren, Antatschen bis zu deutlichen Aufforderungen, die Nacht mit jemandem zu verbringen. Eine Kollegin erhielt ein Paket, das aus dem Bundestag kam: einen Dildo mit einer Begleitkarte – „auf gute, gern auch sehr gute Zusammenarbeit“. Oder einer der Männer, die in meinem Buch über ihre 80er Jahre ­berichten, erzählt unter dem Stichwort „Fremdschämen“ von einer Redaktionskonferenz. Die Volontärin hatte etwas vergessen, und der Chefredakteur machte sie vor versammelter Mannschaft nieder: „Sie sind so blöd, Ihnen gehört die Klitoris mit einem stumpfen Messer abgeschnitten.“

Wie sind Sie, wie sind die anderen Frauen damit umgegangen?
Was soll man sagen, wenn man einen Dildo zugeschickt bekommt? Die meisten Männer hätten ihr sowieso unterstellt, dass sie das selbst provoziert hatte. Und die Volontärin, die vom Chefredakteur so niedergemacht wurde, hat damals zu ihrem Kollegen gesagt: „Was soll ich machen? Wenn ich darüber rede, wird es nur noch schlimmer.“

Haben Sie so etwas auch selbst erlebt?
Den alltäglichen Sexismus immer, aber so dramatische Erlebnisse hatte ich selbst nicht. Eine dieser alltäglichen Situationen fand ich allerdings auch unerträglich. Ich sprach mit einem Innenpolitiker über ein wichtiges Thema, er beugte sich dabei immer weiter vor, sah in meinen Ausschnitt und sagte immer wieder: „Verstehen Sie das auch?“, „Soll ich Ihnen das noch mal erklären?“ Dabei legte er seine Hand auf meinen Arm, dann auf meinen Oberarm und tatschte immer mehr in Richtung Busen. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, aber in dieser Situation wusste ich mir nicht zu helfen.

Wie haben Sie reagiert?
Dieses Mal bin ich zu meinem Chef gegangen. Er hat den Politiker sofort angerufen und ihm gesagt, dass er sich einem Mitglied seiner Redaktion gegenüber nicht so verhalten kann. Der Politiker murmelte dann, das sei alles nur ein Missverständnis. Aber in der Regel war unsere Reaktion auf solche Erlebnisse: Augen zu und durch – sexuelle Belästigung galt damals schlimmstenfalls als Kavaliersdelikt. Wir Frauen haben nicht einmal darüber gesprochen. Das war jetzt erst eine der Reaktionen auf mein Buch, dass die Frauen, die Beiträge geschrieben oder es jetzt gelesen haben, sagten: „Wir hätten darüber reden müssen.“

Das alles ist schon eine Weile her, und in den vergangenen 20, 30 Jahren hat sich einiges geändert. Warum wollten Sie noch einmal erzählen, was Sie und Ihre Kolleginnen als junge Frauen in Bonn erlebt haben?
Es gibt heute sehr viel mehr Frauen in den Medien und in der Politik als noch vor 30 Jahren, und es ist vieles besser geworden. Aber es ist längst nicht gut – nicht zuletzt kommen Frauen nur sehr selten in Führungspositionen, insbesondere auch Journalistinnen nicht. Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass viele der Männer, die damals in Bonn waren, heute in Berlin sind. Ich möchte mit meinem Buch die Vergangenheit zeigen, um die Gegenwart zu erklären – und um für weitergehende Veränderungen zu plädieren.

Sie tun das auf eine eher lockere Art –
Ja, das ist mir auch wichtig. Ich wollte kein moralinsaures Buch schreiben, kein neues feministisches Pamphlet. Es war nötig, dass in den 1980er Jahren ideologisch über diese Themen gesprochen wurde. Aber das müssen wir heute nicht mehr tun. Gesagt, erklärt wurde genug. Jetzt ist Zeit für unser Forderungen. Und wenn wir die stellen, können wir das ja auch locker tun.

Ihre Forderungen haben Sie unter anderem auch mit mehr als 350 Kolleginnen Ende Februar in einem offenen Brief zum Ausdruck gebracht: Sie wollen eine Frauenquote in den Redaktionen, also etwas, was Sie selbst in den 1980er Jahren abgelehnt haben. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Eben weil sich nicht genug geändert hat. Heute denke ich, dass wir damals sehr naiv waren, als wir glaubten, nur durch Leistung vorankommen zu können.

Quote heißt, dass gerade nicht die Besten einen Job bekommen – das sagen jedenfalls die Gegner.
Quote heißt, dass nicht nur Männern eine Tür geöffnet wird, sondern auch Frauen. Und bewähren müssen sich dann beide.

Sie zitieren in Ihrem Buch Ihre 16-jährige Tochter, die heute, so wie Sie vor 30 Jahren, die Quote blöd findet. Was sagen Sie dazu?
Ich hoffe, dass sie sie nicht mehr brauchen wird. Aber erst einmal ist sie nötig. Bis sie 30, 35 sind, klappt es heute für Frauen ganz gut, wenn sie dann aber in höhere Etagen streben, ist Schluss. Die Quote ist nur ein Hilfsmittel und sicherlich keins für die Ewigkeit. Aber ich hoffe, dass wir mit ihr einiges ändern können.

Sabine Schmidt

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