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"Die Ruhe am Sonntag ist ein Schock"

Sprache, Tischsitten, Schlange stehen: Die Schweiz ist ein kompliziertes Gebilde, für das eine Gebrauchsanweisung nicht schadet. Der Engländer Diccon Bewes lebt seit sieben Jahren in Bern und erklärt uns das kleine Land in seinem neuen Buch "Der Schweizversteher".

Dass die Schweizer ein eher reservierter Menschenschlag sind, ist ebenso bekannt wie ihr Hang zur Pünktlichkeit. Doch wer weiß schon, dass überdurchschnittlich viele Schweizer rote Schuhe tragen und Alufolie und Cellophan eidgenössische Erfindungen sind? Der Engländer Diccon Bewes, seit sieben Jahren wohnhaft in Bern, bringt uns mit seinem Buch „Der Schweizversteher“ das ebenso sympathische wie merkwürdige Land auf wunderbare Weise näher.

Muss man Engländer sein, um die Schweizer zu verstehen?
Diccon Bewes: Nein, nicht unbedingt – es hilft aber, denn Engländer und Schweizer sind schon ein wenig seelenverwandt. Wahrscheinlich, weil sich die Schweizer in ihrem Land auch wie auf einer Insel fühlen.

Haben Sie Ihre Einblicke ins Schweizer Seelenleben als Einwohner des Landes gewonnen?
Ja, ich lebe seit 2005 in der Schweiz. Früher bin ich als Reisejournalist für zwei, drei Wochen irgendwohin gefahren und habe dann über meine Erfahrungen geschrieben. Anders ist es mit der Schweiz. Ich habe das Land und die Menschen inzwischen sehr intensiv kennen- und verstehen gelernt.

Wie kommen Sie mit der Sprache zurecht? Sie sprechen Deutsch, das heißt aber noch lange nicht, Schwyzerdütsch zu verstehen?
Meine Freunde sprechen mit mir Schwyzerdütsch und ich antworte auf Hochdeutsch. Das geht meistens ohne Probleme. Schwierig wird es nur mit Dialekten, wie sie im Wallis oder in Sankt Gallen gesprochen werden, die für mich nicht immer leicht verständlich sind.

Die Schweizer, schreiben Sie in Ihrem Buch, sind wie Kokosnüsse: schwer zu knacken. Wie gelingt das trotzdem?
Man muss mit den Schweizern einfach ein bisschen Geduld haben. Auch darin sind sich Engländer und Schweizer übrigens ein wenig ähnlich. Ich gehe zum Beispiel seit Jahren drei-, viermal pro Woche ins Hallenbad und begrüße natürlich die Leute, die ich dort immer wieder treffe. Es hat aber so etwa zwei Jahre gedauert, bis ich das erste Mal freundlich zurückgegrüßt wurde.

In Ihrem Buch geben Sie Schweiz-Anfängern Überlebenstipps für das Land – welchen sollte man unter allen Umständen beachten?
Ganz wichtig zu wissen, ist, dass der Sonntag in der Schweiz tatsächlich noch ein Ruhetag ist. Wer aus London oder aus einer deutschen Großstadt kommt, ist daran gewöhnt, auch sonntags einkaufen zu können. Für Touristen kann diese sonntägliche Ruhe in der Schweiz ein Schock sein – vor allem, wenn es regnet. Auch für mich war das anfangs schwierig – ich habe 17 Jahre in London gewohnt –, inzwischen genieße ich aber den Sonntag.

Und welchen Fauxpas sollte man auf jeden Fall vermeiden?
Wenn Sie zu einem Essen eingeladen sind, dürfen Sie auf keinen Fall Ihr Glas heben, „Prost“ sagen und einfach trinken. Als ich das am Anfang einmal gemacht habe, wurde ich angestarrt, als würde ich nackt auf dem Tisch stehen. Es geht so: Zuerst hebt der Gastgeber sein Glas, dann muss jeder mit jedem anstoßen. Dabei spricht man das Gegenüber mit Namen an, schaut sich tief in die Augen und sagt: „Zum Wohl.“ Erst dann darf getrunken werden. Das ist für die Schweizer wie eine Zeremonie.

Die Schweizer machen nicht nur die besten Uhren, sie haben auch noch viele andere schöne Dinge erfunden wie die Milchschokolade, LSD, Brühwürfel und Alufolie. Werden Schweizer notorisch unterschätzt?
Ich glaube, die Schweizer unterschätzen sich selbst am meisten. Sie sind einfach sehr bescheiden. Ein Schweizer würde niemals laut sagen, wie toll er etwas hinbekommen hat. Das geht so weit, dass sogar die meisten Schweizer, die mein Buch gelesen haben, gar nicht wussten, dass so viele Dinge hier erfunden wurden. Es ist einfach Schweizer Lebensart, sich nicht wichtiger zu nehmen als andere. Was zählt, ist die Gemeinschaft, die – wie auch die Demokratie – von allen ungeheuer ernst genommen wird.

Gibt es Dinge, mit denen Sie in der Schweiz bis heute nicht klarkommen?
Da gibt es einiges! An was ich mich bis heute nicht gewöhnt habe, ist die Bürokratie. Es gibt fast nichts, wofür Sie nicht ein Blatt Papier mit einem amtlichen Stempel darauf brauchen. Gewöhnungsbedürftig für mich als Engländer ist auch, dass die Schweizer sehr direkt ihre Meinung sagen. Am schlimmsten ist aber, dass die Schweizer nicht ordentlich Schlange stehen können. Kommt eine Straßenbahn, wollen alle Leute möglichst gleichzeitig einsteigen. Da wir Engländer ausgesprochen gern eine Schlange bilden, ist mir das ein Gräuel.

Haben Sie für uns Touristen einen ultimativen Schweiz-Tipp?
Fahren Sie mit einer der unglaublich schönen Bergbahnen! Natürlich gibt es auch in Deutschland und Österreich Bergbahnen, aber nur in der Schweiz gibt es so viele und vor allem so viele alte Bahnen, die zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert sind.


Zur Person
Diccon Bewes, 1967 geboren, wuchs an der Südküste Englands auf. Nach dem Studium arbeitete er als Marketingmanager für „Lonely Planet“ und schrieb für das Reisemagazin „Holiday Which?“, bevor er 2005 in die Schweiz zog. Bis 2011 leitete er den English Bookshop in der Berner Buchhandlung Stauffacher. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Bern und betreibt einen Blog unter www.dicconbewes.com.

Interview: Eckart Baier

1 Kommentar/e

1. cooke 12.05.2012 13:13h cooke

wegen der Bürokratie, ja wohl! Aber gehen Sie einmal in ein Land wo Korruption herrscht: dort ist es meistens viel schlimmer, dazu werden Sie unfreundlich bedient, und ohne Baksheesh geht gar nichts.

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