Literatur-Nachrichten

Im Winter am Teich

Von Lena HachSaskia holte mich mit dem Rad ab, wir fuhren zum Teich und dort machte sie mit mir Schluss. Den Teich hatte ich ihr überhaupt erst gezeigt, kurz, bevor wir zusammengekommen waren. Wir hatten uns zum Picknick treffen wollen und ich hatte gesagt, Ich weiß wo.

Saskia bewunderte den Teich, der nicht groß war, aber von einem ganz dunklen Blau. Außerdem lagen ringsum am Ufer große Steine, auf denen man sitzen konnte, wenn man kleine, flache über das Wasser flitschen ließ. Saskia schaffte an dem Tag fünf Sprünge, ich nur drei, meine Hände waren feucht. Dafür wusste ich, wo man die besten Steine fand, glatt und flach mussten sie sein. 

Wenn es mir nicht gut ging, kam ich oft hierher. Das Wasser tröstete mich, auch, dass ich nicht wusste, wie tief es war. Saskia sagte, dass sie das gut verstand, dass sie mich fast beneidete um diesen Ort.

Ich stieß Luft durch meine Nase. Wenn Saskia damals wirklich

verstanden hätte, wären wir jetzt doch nicht hier. Oder aber, sie hat es nur gut gemeint. Vielleicht wäre das noch schlimmer.

Es tut mir leid, sagte sie.

Ich blickte auf den Teich, er war zugefroren, seit Tagen schon, aber es lag kein Schnee darauf.

 Saskia sagte, dass sie mich gern später in ihrem Leben kennengelernt hätte. Aber sie müsse auch mal etwas anderes erleben, andere Jungs, andere Männer, ob ich das verstehen könne?

Auf dem Eis waren feine Risse, geschwungene Kratzer, als wäre in der Nacht jemand Schlittschuh gelaufen.

Wir haben uns einfach zu früh getroffen, sagte Saskia. Ich spürte, wie sie mich von der Seite anblickte. Aber ich bewegte mich nicht. Ich wusste nicht, wohin mit meinem Körper.

Es war Saskia, die mich an sich drückte. Ihre kleinen Hände schoben sich unter meinen Armen durch auf meinen Rücken. Sie zog mich an sich, ich kam mir vor wie ein großes, ausgestopftes Tier. Ein Bär, oder ein Walross.

Schon gut, sagte ich. Dem Klang meiner Stimme traute ich nicht; es war besser, still zu sein. Ich blickte über Saskias Kopf, ihr Scheitel war ein Weg, der zum Horizont führte, da wünschte ich mich hin. Aber nur für einen Moment. Sollten wir an diesem Nachmittag nicht so lange zusammen bleiben, wie nur irgend möglich? Denn wenn wir uns heute verabschiedeten, dann blieb es dabei, Saskia würde mir vor dem Einschlafen keine SMS mehr schicken. Und ich ließ es am besten auch bleiben.

Ich kannte mich in diesen Dingen nicht aus. Saskia auch nicht, aber sie tat so, als ob. Sie drückte mich noch einmal fest an sich, dann ließ sie mich so. Ich dachte an meine Blinddarmentzündung vor zwei Jahren. Der Arzt hatte einen bestimmten Test gemacht, er drückte gegen meinen Bauch, was weh tat, aber das Loslassen schmerzte ungleich mehr.

Willst du mir noch irgendetwas sagen?, fragte Saskia.
Ich schüttelte den Kopf.
Soll ich dir noch irgendetwas sagen?

Ich wüsste nicht was, sagte ich.

Saskia erklärte immer alles. Das tat sie, auch wenn man etwas gar nicht erklärt haben wollte. Zum Beispiel hatte sie mir im Sommer  auf dem Weg zum Freibad erklärt, warum Straßen, wenn es ganz heiß ist, nass aussehen. Es hat irgendetwas mit der Dichte von Luft zu tun, ich weiß es nicht genau, aber das ist auch nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ich es nicht hatte wissen wollen, auf keinen Fall. Ich wollte mich lieber weiter darüber wundern.

Saskia war auch jemand, der sich im Voraus alles ganz genau überlegte und sich auf alle denkbaren Szenarien vorbereitete. Vor Klausuren, beispielsweise, überlegte sie sich ganz genau, welche Fragen drankommen könnten und diese Fragen ordnete sie in Kategorien ein, kommt sehr wahrscheinlich dran, kommt vielleicht dran, kommt eher nicht dran. Trotzdem wusste Saskia auf alle Fragen gleich mehrere Antworten. Daher war es egal, was ich fragte oder sagte. Ich ließ es lieber gleich.

Bestimmt dachte Saskia, dass es mich tröstete, hier zu sein. Bestimmt hatte sie sogar diese Notfallbonbons in der Tasche. Wenn sie mir eines davon anbot, würde ich durchdrehen.

Unseren Urlaub hat meine Mutter noch canceln können, sagte Saskia, Wir kriegen das ganze Geld zurück.

OK, sagte ich.

Wahrscheinlich stand bei ihr zu Hause schon eine Tasche, die sie mir demnächst vorbeibringen würde. Oder Saskias kleiner Bruder brachte die Tasche vorbei, das fand sie bestimmt rücksichtsvoller. Ich überlege, was in der Tasche alles sein würde. Eine Zahnbürste. Eine Zahnbürste und die  Jeans mit dem Loch am Knie. Eine Zahnbürste und die Jeans mit dem Loch am Knie und meine Kopfhörer. Eine Zahnbürste und die Jeans mit dem Loch am Knie und meine Kopfhörer und vielleicht auch mein MP3-Player, den vergaß ich oft bei Saskia, weil wir zum Einschlafen oft meine Musik hörten, gehört hatten.

 Ab jetzt, dachte ich, werde ich erst einmal wieder alleine einschlafen müssen. Das hatte ich nie gemocht, Saskia wusste das, sie war auch die Einzige, die von meinen Albträumen wusste. Ich schlief ruhiger, wenn jemand neben mir lag, wenn Saskia neben mir lag, so klein und schmal sie auch war. Sie atmen zu hören, beruhigte mich. Ich mochte es sogar, wenn Saskia im Schlaf schmatzte, aber das durfte ich ihr nicht sagen.

Als ich an das Schmatzen dachte, wurden meine Augen feucht.

Weil der Teich mir nicht weiterhalf, blickte ich in den Himmel - aber auch der sah eingefroren aus. Flink wie Curlingsteine zogen die Wolken über ihn hinweg. Das wiederum tat gut, es zeigte, dass die Zeit nicht stehengeblieben war, auch wenn es sich so anfühlte. Wenn ich nach Hause kam, würde ich auch eine Tasche packen müssen. Mit ihrem T-Shirt für nachts. Mit ihrem T-Shirt für nachts und der Zahnbürste. Mit ihrem T-Shirt für nachts und der Zahnbürste und dem Vanilleshampoo. Das Beste an „Ich packe meinen Koffer“ ist, dass man sich dabei sehr konzentrieren muss. Ihr T-Shirt für nachts  und die Zahnbürste und das Vanilleshampoo und das paar Wollsocken. Und wer sich sehr konzentriert, kann nicht über andere Dinge nachdenken. Ihr T-Shirt für nachts und die Zahnbürste und das Vanilleshampoo und das paar Wollsocken und die zwei Büchern, die sie mir geliehen hatte. Ich konnte mich nicht einmal an die Titel erinnern, aber mit einem Mal hatte ich Lust, die Bücher zu lesen. Vielleicht durfte ich sie noch ein bisschen länger behalten, vielleicht auch nicht. Ich vermutete, dass die Bücher unter meinem Bett lagen, oder oben im Regal. Das Letzte, worauf ich Lust hatte, war nach Saskias Kram zu suchen.

Es ist okay, wenn du traurig bist, sagte sie. Ich bin es auch.

Ich schloss für einen Moment die Augen, blinzelte. Das hier war doch ihre Idee, sollte ich jetzt etwa sie trösten? Das konnte ich nicht, ich war ein Walross-Präparat.

Saskia kramte ein Taschentuch aus ihrer Jacke, dann sagte sie, Weißt du, eigentlich hätte ich später gern Kinder mit dir.

Was dieser Satz mit mir machen würde, war mir in dem Augenblick nicht klar. Ob es Saskia klar war, weiß ich nicht.

Der Satz sorgte dafür, dass ich auf sie hoffte, auf sie wartete, Jahre lang. Er sorgte dafür, dass ich andere Mädchen, Frauen nicht an mich heranließ, auch wenn ich sie küsste und mit ihnen schlief.

Doch das wusste ich jetzt noch nicht. Deshalb verbrachte ich den Abend damit, Äste und Steine auf meinen Teich zu werfen. Immer größere und immer schwerere Äste und Steine, die ich im Wald fand und an das Ufer schleppte. Bald bekam die Oberfläche einen Sprung, aber war nicht genug. Ich ließ erst ab, als ich das Wasser sah.

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