Literatur-Nachrichten

Laras erster Tag

Von Karen ErbsWenn der fremde Mann sie noch einmal anfasste, würde sie laut schreien, dachte Lara und suchte zitternd Schutz in der Zimmerecke. Summend senkte sie den Kopf zwischen ihre Schultern. Presste ihren dünnen Körper an die Wand. Schamröte erhitzte Laras Wangen, als sie spürte, dass sie sich gerade aus Angst in die Hose pinkelte. 

Warum war sie nicht in ihrem Dorf? Was sollte sie hier?

Alles war an diesem Ort falsch und seltsam und ihr Geld hatte auch jemand genommen. Laras Eltern hätten sie nicht herbringen dürfen. Was hatte sie getan, um hier allein in der Fremde sein zu müssen? Wenn wenigstens ihre beste Freundin Therese bei ihr wäre, seufzte Lara und dachte, so müsse sich ein Vogel fühlen, der aus dem Nest gefallen war. Tränen liefen ihre Wangen hinab. In ihrer Hosentasche fand sie ein kleines zerknülltes Taschentuch mit gestickten Blümchen. Sorgsam darauf bedacht, das schnaubende Geräusch auf ein Minimum zu reduzieren, putze sie ihre Nase.

Als sie sich die Augen trocken tupfte, bemerkte Lara, dass sie ihre Brille nicht trug. Wieder einer dieser Tage, an dem sie alles verlor oder verlegte. Oder hatte jemand Geld und Brille gestohlen. Lara wusste, dass sie oft beklaut wurde, aber ihre Eltern glaubten ihre Geschichten nie. Hoffentlich gab es nicht wieder Schläge von ihrer Mutter, die immer meinte, dass Lara nicht sorgsam genug mit ihren Sachen umginge. Nicht genug aufpasste. Einmal hatte Lara sogar den Lieblingsregenschirm ihrer Mutter in der Schule vergessen. Damals gab es eine Tracht Prügel und eine Woche Stubenarrest. Aber der Schirm mit den riesigen roten Rosen war nie wieder aufgetaucht.

Um sich selbst zu beruhigen, streichelte Lara ihren linken Unterarm. Die Wolle am Ärmel war weich und flauschig. Selbst gestrickt von ihrer Mutter. Akkurate Bündchen mit engen Maschen. Nur Laras Mutter konnte das so gut. Einer der Gründe, warum viele Frauen im Dorf oft neidisch waren. Und dann die Farbe Rosa. Lara seufzte beim Anblick ihrer Lieblingsfarbe. Die einzig richtige Farbe für kleine Mädchen. Das sagte auch Papa oft und zog sie dann lachend an ihrem dicken, geflochtenen Zopf. Papa!

Nervös und ängstlich rieb Lara  sich die kalten Hände. Versuchte sich zu erinnern. Was hatte ihr Vater gesagt? Wollte er sie mittags abholen? Oder sollte sie hier bis zum Nachmittag bleiben?

Die Stille des fremden Raumes und die hektischen Bildfetzen vor Laras innerem Auge, wurden durch ein ängstliches Rufen aus dem Nebenzimmer gestört: „Nein! Nein! Ich will nicht. Ich bin doch kein Baby! Geht weg!“

Danach herrschte für einen Moment Ruhe. Nein, doch nicht. Ein Wimmern wurde nun immer lauter und durchdrang die Wand. Wiederholte fortwährend die gleichen Worte:

„Ich will nach Hause. Ich will nach Hause. Ich will nach Hause.“

Lara war geschockt. Ihr Körper versteifte sich. Hielt man hier Kinder gefangen? Die Angst saß ihr wie eine Katze im Nacken und fuhr die Krallen aus.

Sollte sie nicht wissen, wo sie war? Warum sie hier war? Lara kniff die Augen zusammen, furchte die Stirn und wühlte in den Tiefen ihrer Erinnerung. Etwas fehlte. Nein, viel zu viel fehlte. Sie drückte ihre Fäuste an die Schläfen, versuchte die fehlenden Informationen aus ihrem Hirn zu quetschen.

Plötzlich kam jemand ins Zimmer und rief lockend ihren Namen:

„Lara? Lara!“

Eine fremde ältere Frau brachte ein Tablett. Ihr Haar war stahlgrau und militärisch kurz getrimmt. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und mit einer langen, gekoteten Perlenkette geschmückt.

„Es gibt Hagebuttentee und Marmorkuchen. Du hast doch bestimmt Hunger, oder?“

Die Frau lächelte Lara an, aber das Lächeln verzog sich wie die Sonne hinter einen Berg, als ihr Blick auf Laras Schritt fiel. „Ach, Lara, warum trägst du denn keine Windel. Jetzt muss die neue Hose gleich in die Wäsche.“

Lara senkte peinlich berührt den Kopf.

Die fremde Frau trat an sie heran und zerrte sie am Ärmel.

„Komm ins Bad. Ich suche dir neue Sachen heraus.“

„Nein, lassen Sie mich. Ich will nicht. Ich warte auf meinen Papa.“

„Oh, nicht schon wieder die Geschichte!“, erwiderte die Fremde ungeduldig.

„Dein Vater lebt nicht mehr! Und …“

Laras Kehle entfuhr ein unkontrollierbares, verzweifeltes Schreien. Voller Wut stürzte sie sich mit ihren Fäusten auf die Frau: „Das ist nicht wahr! Sie lügen! Mein Vater kommt mich gleich abholen. Hauen Sie ab!“

Das Tablett schepperte laut, als es zwischen ihnen zu Boden fiel. Die weiße Teekanne blieb unversehrt, aber es bildet sich ein roter See, der sich mit den Scherben der Tasse, des Tellers und den zerbrochenen Kuchenstückchen vermengte.

„Da siehst du, was du wieder angerichtet hast. Du merkst ja überhaupt nicht mehr, wenn es jemand gut mit dir meint! Ich bin froh, dass ich dich gleich los bin!“, brüllte die Frau Lara ins Gesicht und hockte sich dann hin, um die Scherben einzusammeln.

Lara starrte fasziniert auf den hellroten See, der eine feuchte, krümelige Landschaft mit dem Marmorkuchen bildete. Dort am Boden herrschte ein Chaos wie in ihrem Kopf. Krümel waren auch in ihrem Kopf.

Was wusste diese Person über ihren Vater? Das musste alles ein Missverständnis sein. Eine Verwechslung. Oder? Ihr schien, die Bruchstücke ihrer Erinnerungen glichen den Scherben auf dem Fußboden, nur passten die einzelnen Puzzlestücke nie zueinander.

Im Türrahmen erschienen noch zwei Frauen. Beide trugen weiße Hosen und weiße Kittel mit Namenschildern.

Verwirrt kniff Lara wiederholt die Augen zusammen und überlegte fieberhaft. War sie im Krankenhaus? Warum? Was war passiert? Oder ..? Oder …? Lara schloss die Augen, als sie die schlimmste Möglichkeit aller Möglichkeiten zu Ende dachte – war sie in der Irrenanstalt? Sie hatte doch oft genug das Gefühl, den Verstand zu verlieren. War es nicht manchmal Wahnsinn, was in ihrem Kopf passierte? Lara begann wieder summend ihren Wollärmel zu streicheln. Sie öffnete aber die Augen, als eine der beiden Frauen sagte:

„Ich hole etwas zum Aufwischen.“

Dann verschwand die junge Frau aus dem Türrahmen. Die ältere kam auf Lara zu und legte ihr behutsam eine Hand an den Oberarm.

„Hallo Frau Ludwig, ich bin Schwester Susanne, wie geht es Ihnen?“

Unvermittelt fiel Lara nur ein, darauf hinzuweisen, dass sie keine Schuld habe an dem Vorfall mit dem Tablett, deswegen sagte sie: „Die Frau hat das Tablett fallen lassen. Ich war das nicht.“

Schwester Susanne schien ihr zu glauben und war nicht wütend.

„Das kann doch jedem einmal passieren. Ist nicht weiter schlimm. Wir haben noch mehr Tee und Kuchen. Sie mögen doch Marmorkuchen, oder?“

Lara nickte zustimmend, aber sie wollte auch daran erinnern, dass sie nicht vorhatte, hier länger zu bleiben:

„Mein Vater holt mich gleich ab.“

Die fremde Frau in Schwarz, die gerade das Tablett auf einen kleinen Tisch am Fenster stellte, zischte in Laras Richtung:

„Er ist tot! Begreife es endlich!“

Schwester Susanne wandte sich um und wollte wohl etwas sagen, da kam eine junge Frau mit einem Eimer und einem Feudel. Sie trug gelbe Gummihandschuhe.

Lara setzte sich in einen Stuhl, als sie merkte, dass ihr etwas schwindelig wurde. Sie mochte keine Aufregung. Schon als Kind hatte sie dann immer einen feuerroten Kopf bekommen. Sogar ihr Hals verfärbte sich dann. Laras Glieder taten weh. Rheumaschmerzen. Es war Zeit ins Bett zu gehen. Wenn sie bloß zuhause wäre.

Was wohl die Frauen da hinten zu tuscheln hatten? Redeten sie über Lara? Wie damals immer die bösartigen Frauen im Dorf über Laras Mutter tratschten. Später natürlich auch über Lara. Später, gestern, damals? Vorhin oder vor einigen Jahren? Minuten, Stunden, Tage? Die Zeit war irgendwie ein Problem. Namen und Orte auch. Und erst Gesichter! Die Frauen im Zimmer waren jedenfalls Fremde. Lara wollte nun endlich nach Hause ins Bett, deswegen stand sie auf und ging zielstrebig zur Tür, aber eine Frau in Weiß aus dem Trio war schnell bei ihr. Nahm ihren Unterarm:

„Frau Ludwig, Sie wollten doch mit mir Kuchen essen. Erinnern Sie sich? Ich bin Schwester Susanne und ihre Tochter Therese ist auch da.“

Die Frau zeigte auf eine grauhaarige Dame mit Perlenkette, die mit Tränen in den Augen am Fenster stand.

Lara wusste nicht, was sie zu den fremden Frauen sagen sollte, aber sie wollte in Ruhe gelassen werden, deswegen forderte sie: „Ich bin müde und will ins Bett.“

Die Schwester verstand das zum Glück.

„Möchten Sie sich umziehen oder einfach so hinlegen, Frau Ludwig?“

Lara spürte wieder die kalte Nässe zwischen ihren Beinen. Die Scham über ihre schwache Blase überwindend, ging sie zum Bett und legte sich einfach auf die Decke. Erschöpft schloss sie die Augen.

Eine der Frauen legte ihr eine Decke über und berührte beim Abschied Laras Schulter.

„Bis morgen, Mutti. Ich komme dich mit Tom am Nachmittag besuchen und bringen dir deine restlichen Sachen.“

Lara sagte nichts. Was sollte sie auch dazu sagen. Seit wann hatte sie eine Tochter? Und wer war Tom?

Die Frau sprach weiter, aber wohl nicht zu ihr:

„Der erste Tag, das muss für die Menschen doch schrecklich sein. Ich meine, verstehen Sie mich nicht falsch, es ist schön hier, aber …, aber wie können Sie nur diese Arbeit machen und den Menschen quasi …, quasi beim Sterben zusehen?“

Dann wurden die Stimmen immer leiser. Lara verstand nur noch Bruchstücke: „Demenz… erster Tag …begleiten…keine Sorgen…Verständnis…“

Lara hustete nervös. Etwas kratzte im Hals. Etwas kratzte aber auch beunruhigend an den Pforten ihrer Erinnerung – das Dorf - der Tod. Papa, Mutter, Tochter. Erster Tag… Müdigkeit …! Müde, sie war jetzt erst einmal unendlich müde und schlief ein.

2 Kommentar/e

1. Ute Wendt 08.09.2012 10:53h 
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Tolle Geschichte! Sehr einfühlsam und mit einer überraschenden Wendung - ich habe wirklich lange gedacht, es gehe um ein Kind! Allerdings kann ich mir nicht so richtig vorstellen, dass eine alte Frau Lara heißt, aber ansonsten finde ich die Geschichte sehr gut.

2. Blanca Ehms 17.10.2012 15:55h 
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Wie bereits gesagt: Ich finde den Namen zeitlos und passend und die Geschichte zudem sehr sehr schön.
Sobald etwas Neues entstanden ist, würde ich es gern lesen!
Vielleicht sieht man sich ja wieder- bei der Messe oder einer Lesung, wenn Dein erster Roman ein Bestseller wird!
Lieben Gruß aus Jena,
Blanca

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