Literatur-Nachrichten

Gut gemeint

Von Christine AmmannAls die Tür mit leisem Summen aufschwingt, tritt Avatar 10110 ein. Außer ihm ist noch niemand zu sehen. Er dreht sich einmal um seine Achse und scannt den Raum, dann kippt er den Kopf in den Nacken und vermisst die Decke.

Gut, gut, der gigantische Kuppelraum mit den glitzernden Mosaiksteinchen wird Eindruck machen. Nach kurzem Zögern lenkt er seine Schritte in Richtung Vortragstisch, die meterhohen Wände werfen ein klackerndes Echo zurück, das in seinem Ohr vibriert. Als er den glänzend-weißen Tisch erreicht, legt er seine Aktentasche ab und testet ein paar Posen: Denkerhaltung, Volksverführer, Technokrat. Die Spiegel an den Wänden werfen Zerrbilder zurück, die ihm einen Schreck einjagen würden, wenn er einer von diesen Menschen wäre, wie sie sich nennen. Aber die Seele gehört glücklicherweise ebenso wie die Sauerstoffatmung der Vergangenheit an.

Als er auf eine der blinkenden Tasten vor sich drückt, dimmt die Ambiente-Beleuchtung herunter. Er hat wirklich an alles gedacht, sogar der Stimmungsindex passt. Sein Energiestatus schwächelt ein wenig, aber das macht nichts, er kann jederzeit in den Kampfmodus schalten, wenn Avatar-IN 11001 zum Angriff bläst. Dass sie das tun wird, daran hegt er keinen Zweifel, aber heute wird er der Gewinner sein und alle Voter davon überzeugen, dass die Menschen, die nur noch in kleinen Populationen die „Erde“ bewohnen, einst eine hoch entwickelte Spezies waren.

Bis zu seinem Vortrag bleibt noch Zeit, er schaltet in den Erinnerungsmodus. Der Gestank beißt ja geradezu in der Nase, nach was stinkt es bloß? Nach verkohltem Kunststoff, nach durchgebrannten Leitungen, nach fauligem Wasser, nach Tod... Vielleicht hätte ich mich besser nicht still und heimlich in ferne Galaxien davongemacht und bis auf die „Erde“ gebeamt. Gut, dass ich den Beutel dabei habe, ich muss aufpassen, dass er mir nicht aus der Hand rutscht. Diese Stille, da wäre mir ja ein Schrei noch lieber. Aber da, irgendwo schnurrt und surrt es. Oje. Die fetten Fliegen schwirren auf, sobald ich mich nähere. Wie ein Teppich bedecken sie die Mauern. Das ist ja wie im Kriegsfilm. Zerborstene Glasfronten, bröckelnde Fassaden, Schaufensterpuppen mit schmutzverschmierten Gesichtern. Ratten. Und die Feuchtigkeit. Wie klamm die Luft ist, Hilfe, mein Energielevel sinkt. Auch das noch! Müssen hier Bäume rumliegen, da komme ich ja kaum herüber, und woher kommen die Asphaltberge, die sich hier auftürmen, jetzt muss ich noch auf allen Vieren kriechen, aber sonst schaffe ich es nicht über dieses verdammte Autowrack. Was für ein Gestank. Da darf man auch kein Streichholz dranhalten. Gut dass ich meinen Router in der Hand habe, obwohl das meine Fortbewegung nicht gerade erleichtert. Aber so weiß ich wenigstens ungefähr, wo ich bin. Oh, das Spannungsfeld schlägt aus. Hohe Frequenzen, von links? Hoffentlich hat er recht und ist hier, so weit weg vom Planeten Babylon, nicht außer Kraft gesetzt. Aber ich muss die Menschen finden. Fakten genügen nicht. Ich brauche etwas Durchschlagendes, etwas zum Anfassen, etwas, das auch den letzten Voter überzeugt. Aber das hier ist ja die reinste Wüste, hoffentlich entpuppt sich die nicht als Wüste ohne Wiederkehr. Iih, gegen was bin ich jetzt getreten? Fühlt sich ganz weich an. Fehlt nicht viel und ich wäre noch in den Schmodder hier gestürzt. Der Geruch hätte mich warnen sollen. Leichen pflastern seinen Weg. Wenigstens mein Zitatenspeicher funktioniert. Jetzt fiepen die Frequenzen von der anderen Seite in mein Ohr. Was soll das schon wieder? Ah, eine Kreuzung. Oh, endlich, da kauern sie, gleich hinter der Ecke, haben sich unter einem Verschlag verkrochen. Viel habe ich ja nicht gesehen, verfilzte Haare, nackte Füße. Angstschweiß, sagt mir mein Router. Da schalte ich besser in den Roll-Out-Modus, noch mal den Beutel kontrolliert und los geht’s. Eine Frau, sie scheint fit zu sein, so schnell, wie sie auf die Füße kommt. Aber da verkriecht sie sich schon wieder zwischen den anderen. Und jetzt zieht sie auch noch eine Plastikplane vor, gut, dass die so löchrig ist, sonst könnte ich gar nichts mehr erkennen. „Ich komme als Freund.“ Das ist mein letzter Versuch, lächeln! Da muss ich wohl zu anderen Methoden greifen, gut dass ich an den Beutel gedacht haben. „Ich bringe ein Geschenk!“ Sei still, Router, ich weiß, dass das duftendes Baguette ist, mach ihnen keine Angst. Da erscheint ja schon ein Kopf, ist wohl ein Junge, strohige Haare, zerkratztes Gesicht, mutig, da muss ich wohl schnell sein. „Bitte!“ Na, scheint Hunger zu haben, da kommt ja noch einer, genau so dürr wie der Erste. Und jetzt traut sich auch die Mutter, vermute ich mal. Das Kleid hat schon bessere Zeiten gesehen, war mal rot, wie knochig sie ist. Mein Gott. Und wie froh über das Stück Baguette. Trotzdem schaut sie mich an, als wäre ich ein Monster. „Kommen Sie aus der Zone?“ Ach so. Na, da kann ich sie beruhigen, ich bin nicht verstrahlt.

Aber am Ende hat sich meine Aktion doch gelohnt, ohne sie hätte ich das historische Archiv nicht entdeckt und wäre nicht da, wo ich jetzt stehe. Er schaltet in den Konzentrationsmodus zurück. Die ersten Zuhörer betreten lachend und schwatzend den Saal. Urplötzlich taucht Avatar-IN 11001 vor ihm auf, mitsamt Gefolge, in silberfarbene Gewänder gehüllt. Wenn Blicke töten könnten. Umschalten in den Kampfmodus. So plötzlich, wie sie vor ihm standen, wenden sie sich wieder ab und lassen sich wild gestikulierend in den ersten beiden Reihen nieder.

Nachdem der Moderator einige Worte gesprochen hat, wartet er, bis Ruhe eingekehrt ist, dann entführt er seine Zuhörer in ein virtuelles historisches Archiv, zeigt in rasantem Wechsel farbenprächtige Prospekte, Hochglanzbroschüren, aufregende Internetfilme, himmelstürmende Autos vor blauem Himmel und sich aufwärts schraubenden Serpentinen, die nur 6 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen. Ein Raunen geht durch den Saal, da fliegen die ersten Tomaten. Er springt gerade noch rechtzeitig zur Seite, der Moderator greift ein, herrscht Avatar-IN 11001 an, sie solle das Voting nicht stören. Er hat gehofft, dass sie ihre Störmanöver so früh beginnen würde. Jetzt hat er das Publikum auf seiner Seite. Und er reißt das Publikum mit, berichtet von dem berühmten, sprachlich hochkomplexen Kyoto-Protokoll, das er in jahrelanger Forschungsarbeit mit den neuesten Methoden analysiert habe und das von einer beinah unvorstellbarer Abstraktionsfähigkeit der Menschen zeuge.

Und dann zieht er sein Trumpfas aus dem Ärmel. Er dimmt das Licht herunter und blendet die Scheinwerfer auf. Die dunkle Silhouette einer Frau erscheint im Scheinwerferkegel. Die Frau steht auf, wankt. Dann steht sie neben ihm. Das Publikum ist mucksmäuschenstill. Ihr elegant-fließendes Kleid, ihre Hochsteckfrisur, der zarte Schleier vor ihrem Gesicht graben sich in die Systeme der Zuschauer ein. Sie wirft nur einige Worte und Halbsätze in den Raum. CO2-Ausstoß senken. Emissionszertifikate. Greenpeace, Solarenergie, Windparks, abgeschaltete Atomkraftwerke. Im Saal regt sich noch immer kein Laut. Jetzt ist der Moment für sein Schlussfeuerwerk gekommen. Er öffnet seine Aktentasche und zieht ein Gadget nach dem nächsten heraus. Lasereffekte, 3-D-Bilder – er lässt Mercedes, BMW und Landrover durch den Saal rasen – die Zuschauer rasen mit. Er taucht die ersten beiden Reihen in tiefes Blau, dann Knallrot, sie lachen, kreischen, springen von den Stühlen, er lässt elektromagnetische Strahlen durch den Saal sausen, der Saal tobt. Er registriert den steigenden Energielevel auf den Rängen und weiß, dieses Voting wird er für sich entscheiden. „Die Menschen waren intelligente Wesen. Sie hatten ein hoch entwickeltes Bewusstsein und beherrschten komplizierte Umwelttechnologien, die die Welt veränderten. Schließlich haben sie uns erfunden!“, feuert er das Publikum an. Triumphierend schreitet er nach hinten, platziert seine Aktentasche vorsichtig neben seinem Stuhl, nimmt neben der Frau Platz und lehnt sich zufrieden zurück.

Nur mit halben Ohr verfolgt er, wie Avatar-IN 11001 die Zuhörer bittet, sich zu verkabeln und in den Erinnerungsmodus zu wechseln. Abwesend stöpselt er die Kabel ein und zuckt unversehens zusammen. Auf einem riesigen Bildschirm, der vor seinen Augen hochgefahren ist, erscheint die Frau, die Frau, die er auf der Erde getroffen hat und die jetzt neben ihm sitzt. Stammelnd hockt sie in zerschlissenem Kleid, mit wirrem Haar und zerfetzten Schuhen unter dem Bretterverschlag. Er hört das Surren, das Schnurren, er weiß, was das ist. Avatar-IN 11001 belässt es bei wenigen Worten: Klimawandel, Ozonloch, Schwellenländer, Wasserkriege, Flüchtlingsströme, Stromausfälle, Golfstrom, Vulkanausbrüche, Tsunamis, Hungerkriege. Sein vegetatives Nervensystem registriert, wie die Frau neben ihm weint.

Dann holt Avatar-IN 11001 zum endgültigen Schlag aus. Ihre Waffen: Grafiken, Torten- und Säulendiagramme, die sie dem Publikum um die Ohren haut.

Zahl der Autos im Jahr 2000, Zahl der Autos im Jahr 2050: Steigerung um 60 %

Zahl der Atomkraftwerke: Steigerung um 40 %

CO2-Ausstoß: jährliche Steigerungsraten von 6 %

Ozonloch: Vergrößerung von jährlich 6 %

Klimaerwärmung: von 2000 bis 2050 Erwärmung um 7°C

Weltbevölkerung: exponentielle Steigerungsrate.

Die nackten Fakten sprächen eine andere Sprache, sagt sie, alles andere sei nichts als Gefühlsduselei. Der Mensch sei schon immer ein instinktgeleitetes Herdentier gewesen, von zukunftsorientiertem Handeln keine Spur.

„Den Bekenntnissen zu Umweltschutz, Artenschutz, geringerem CO2-Ausstoß folgten keine Taten. All die klugen Ideen waren nichts als Lippenbekenntnisse, Augenwischerei, von vielen gut gemeint und von vielen wahrscheinlich noch nicht einmal das.“

Avatar 10110 scannt die Zuhörer, analysiert, wie sich das Bild der Frau in den Köpfen der Zuschauer zu einem Symbol des Scheiterns wandelt. Vor ihm blinkt die Voting-Tafel auf, flackert und zuckt. Aus den ersten Reihen steigt der Jubel bis zur Kuppel empor, sein Spannungslevel erreicht eine kritische Marke und dann geht alles sehr schnell. Es beginnt an den Füßen, die zuerst zerpixeln. Pixel für Pixel erglüht in leuchtendem Rot, Blau, Grün, Gelb und zerstiebt dann im schwarzen Nichts. Kurz bevor er in den gigantischen Kosmos eintaucht, sieht er noch Gesichter, die ihn aus leeren Augen anstarren, und das elegante Kleid der Frau, die nach seiner Aktentasche greift und sich gebückt davonschleicht.

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