Literatur-Nachrichten

Die Geschichte von der Losigkeit

Von Juliette Bensch"Regentropfen, die an dein Fenster klopfen.“ Sie wusste nicht mehr, wie das Lied weiterging. Sie hörte genau die knarzige Männerstimme, die die Zeilen sang. Dann und wann ein Knistern einer imaginären Nadel auf einer Schallplatte.

Antonia stand vor ihrer großen Fensterfront und lauschte den einzelnen Tropfen, die vor ihr auf die Scheibe knallten.

Sie ging dichter ans Fenster und lehnte sich mit ausgestreckten Armen gegen die Scheibe. Kühl klebte das Glas ihr an Brust und Stirn. Antonias Augenlider fielen ganz automatisch zu. Das Gefühl der Losigkeit war wieder da. Die Maikäfer hatten es vor einiger Zeit erst mitgenommen. In kleinen Eimerchen hatten sie die Losigkeit abtransportiert. Die Hoffnungslosigkeit. Die Trostlosigkeit. Die Sinnlosigkeit.

Es war ein warmer Abend gewesen, an dem Antonia plötzlich das Klopfen am Fenster gehört hatte. Erst nach wiederholtem Male hatte es sie irritiert. Sie hatte das Radio an diesem Abend wieder nicht ertragen können und war in ihre Bücherwelt geflüchtet. Dann stand sie auf und zog den Vorhang ein Stück zur Seite. Erst konnte sie in der Dunkelheit vor ihrer Fensterfront nichts erkennen. Dann sah sie zwei Maikäfer, die gegen die Scheibe flogen. Sie wollten zum Licht. Antonia zog die Vorhänge auf und stellte die Stehleuchte dichter ans Fenster, strahlte in den Mantel der Nacht hinein. Das Klopfen der Käfer nahm zu. Wie kleine hartnäckige Postboten erbaten sie Einlass. Antonia trat dichter an die Scheibe, lehnte sich schließlich dagegen und streckte ihre Arme weit aus. Aus den Käfern waren schnell drei oder sogar noch mehr geworden. Sie prasselten gegen Antonias Bauch und gegen die Arme. Als sie gegen ihren Kopf an die Scheibe knallten, öffnete Antonia die Augen. Sie hatte es gehört. Die Käfer hatten sie Toni genannt. Sie hatte immer gewollt, dass jemand ihr diesen Spitznamen gab. Ich bin das Licht, murmelte sie und lächelte. Ich bin die Sonne.

Antonias Augen verfolgten den einen Käfer, der in Augenhöhe über die Scheibe krabbelte. Hinter seinem Chitinpanzer stand plötzlich eine verschwommene Silhouette. Ihre Augen fokussierten. Der Käfer wurde zu einem konturlosen, braunen Insekt. Die Silhouette wurde zu einem Mann. Ihr Nachbar, der hinter dem Fenster wohnte, was ihrem genau gegenüber lag. Antonia wusste nicht genau, ob sie ihn schon mal gesehen hatte. Sie kam nicht oft raus. Sie sah auch nicht oft aus dem Fenster. Das erinnerte sie zu sehr an die Losigkeit alter Leute. In ihrer Kindheit hatte sie beobachtet, wie sie stundenlang auf ihren Fensterbrettern hingen und auf die Welt heruntersahen wie in ein Bilderbuch, das sie schon zu gut kannten. Aber Antonia hatte kein Fensterbrett. Sie hatte auch niemanden mehr, deren alte-Leute-Losigkeit sie sich abschauen konnte.

Der Mann sah sie an. Antonia schämte sich ungemein, dass sie an der Fensterscheibe hing wie Jesus am Kreuze – ohne erkenntlichen Grund. Grundlosigkeit. Noch mehr schämte sie sich aber, unter seinem Blick die Arme einzuziehen und die Vorhänge zu schließen. Also verharrte sie in ihrer Position. Sie musterten sich gegenseitig. Das Plop eines der Maikäfer gab Antonia das Gefühl, er hätte ein Kieselsteinchen an ihr Fenster geworfen, um sie zu wecken und ans Fenster zu locken.

Unverfroren beobachteten sie sich dabei wie sie einander beobachteten. Schamlosigkeit. Bis plötzlich eine kaum wahrnehmbare Regung alles veränderte. Der Fremde in der Wohnung gegenüber verzog die Lippen leicht zu einem Zustand, dem der eines Lächelns ähnlich war. Es gab diese Lächeln, bei denen die Mundwinkel trotzdem irgendwie nach unten zeigten. Tonis Mutter hatte immer geschimpft, wenn sie als Kind auf diese Weise in die Kamera geschaut hatte, anstatt die Mundwinkel nach oben zu ziehen und die Lippen leicht zu öffnen, sodass man ihre Zähne sehen konnte wie bei dem Jungen auf der Kinderschokolade.

Der Fremde hatte noch seine Hand gegen seine Fensterscheibe gehoben und sich an einer Winkbewegung versucht, die seinem Lächeln in nichts nachstand. Seine Finger krümmten sich zu einer lockeren Faust und öffneten sich langsam wieder, kratzten vermutlich leicht an seiner Scheibe. Dann hatte er ein paar Maikäfer losgeschickt. Sie hatten Tonis Freudlosigkeit und Aussichtslosigkeit rechts und links von ihr abgezupft und mit ihren Eimerchen fortgetragen. Einzig die Arbeitslosigkeit klebte so fest an ihr, dass niemand sie abzubekommen schien. Am wenigsten sie selbst.

Antonia lächelte zurück, bevor sich beide wieder hinter ihre Vorhänge verzogen. Wenn sie ihm draußen begegnen würde, würde sie Hallo sagen. Sie würde einen lässigen Kommentar zum Wetter abgeben, ihn in einen lockeren Small Talk verwickeln. Er würde ihr nicht anmerken, dass sie anders war. Sie würde ihn kennenlernen. Ihm erklären, was sie da am Fenster gemacht hatte. Ihn nach seinen Namen fragen. Sich als Toni vorstellen. Ohne Spur von Antriebslosigkeit.

Antonia riss die Augen auf und starrte in die trübe Suppe, die sich Außenwelt nannte. Die Regentropfen perlten an der Scheibe herunter. Das Glas war unterhalb von Antonias Nase in einem großen Halbkreis beschlagen. Dahinter sah sie zwei dunkle Schatten. Sie zog die Arme an und stieß sich so kraftvoll von der Scheibe ab, dass sie fast rückwärts fiel. Dann rannte sie hinaus und stieg in die Gummistiefel, die im Flur standen. Als sie beim Öffnen ihrer Wohnungstür mit den Schuhen aneckte, wurde ein deutlicher Kratzer in die dicke Staubschicht gezogen. Sie rannte die Treppe herunter und die Stiefel fielen ihr fast von den Füßen, weil sie so groß waren.

Antonia riss die Haustür auf und spürte sie endlich. Die Tropfen fielen auf ihren Scheitel, auf die Schultern und das Schlüsselbein. Sie rollten herunter wie ein Achterbahnwaggon nach der Gipfelfahrt. Rutschten die Arme hinab und kullerten in die Spalte zwischen ihren Brüsten. Wie eine Tollkühne, wie eine Trunkene torkelte sie über die Wiese zwischen den zwei Häusern. Sie sah die zwei dunklen Gestalten vor dem gegenüberliegenden Wohnungsaufgang. Antonia verharrte in ihrem flotten Schritt, schämte sich plötzlich der unangebrachten Gummistiefel. Die beiden hatten sie bereits kommen sehen und schauten erwartungsvoll zu ihr herüber. Sie huschte weiter, bis sie unter dem Vordach anhielt. Viel zu dicht stand sie an den beiden Fremden. Dichter noch als sie Leuten in der Supermarktschlange kam.

Die Frau trug ein schlichtes, schwarzes Kleid, an dessen Ausschnitt ein blütenweißer Rüschenkragen hervorlugte.

„Ich habe davon gehört. Ich wollte Ihnen mein Beileid aussprechen“, sagte Antonia und wusste nicht, welchen Ton sie dabei anschlagen musste.

Die Frau sah einen kurzen Moment zu dem Mann an ihrer Seite, der in einem schwarzen Anzug steckte, der nicht besonders teuer aussah. „Guten Tag“, sagte die Frau zu Antonia und erst da fiel ihr auf, dass sie die Begrüßungsfloskel vergessen hatte. Jetzt konnte sie sie auch nicht mehr hinterherschieben. „Vielen Dank. Sie kannten sich? Sie hätten natürlich mit zur Beerdigung kommen können.“

„Nein, so nah standen wir uns nicht.“ Antonia wusste nicht einmal seinen Namen. „Wie gesagt“, sie stützte ihre Hände auf ihrem unteren Rücken ab und spürte die Regentropfen, die vom Vordach fielen, „ich wollte Ihnen nur mein Beileid aussprechen.“ Wieso fiel Antonia keine andere Formulierung ein? Hätte sie herzlich sagen sollen?

„Das ist gut gemeint“, sagte die Frau und Antonia bemerkte, was für eine angenehm warme Stimme sie hatte, „aber ich habe ihn selbst kaum gekannt. Mein Name muss noch als Kontakt in seinen Unterlagen gestanden haben, von der Zeit im Heim. Das ist mittlerweile Jahre her.“

„Ah.“ Antonia spreizte die Hände ab und ließ das Wasser in die Handflächen prasseln, als ob sie es sammeln wollte.

„Er ist wohl“, sie zögerte, „seit Jahren kaum noch aus dem Haus gegangen. Er war krank.“ Es schien als fehlte da etwas. Als wartete sie auf ein Signal von Antonia, dass sie weiterreden sollte. Aber Antonia wollte nichts mehr hören.

„Ich kannte ihn eigentlich auch kaum“, sagte sie und stütze ihre nassen Hände auf ihr Gesäß. Sie nickte unentschlossen, wusste nicht, wie sie sich davonstehlen konnte.

„In Ordnung. Ich danke Ihnen. Alles Gute für Sie“, sagte die Frau mit einem bitteren Lächeln.

Antonia ging zurück in den Regen. Drehte sich noch einmal um und sah die beiden in der Haustür verschwinden. Langsam ging sie zurück zu ihrem eigenen Hauseingang. Sie blieb mitten im Regen stehen, als sie hörte, wie sich ein Transporter näherte und an der Stirnseite des Häuserblocks parkte. Zwei Möbelpacker stiegen aus und rannten durch den Regen zum Eingang. Antonia wartete, während sich die letzten trockenen Stellen ihrer Kleidung vollsogen. Sie sah die Männer schließlich dort, wo sie sie erwartet hatte: hinter seinem Fenster. Statt ihren Hausflur zu betreten, schlug sie einen Bogen und rannte in den nahgelegenen Park. Sie hatte nicht ruhig zusehen können, wie die Wohnung gegenüber von ihrem Fenster zerlegt wurde. Im Park traf sie auf niemanden außer einem Mann mit Regenschirm und Hund. Auch sich selbst suchte sie vergebens.

Als sie sich zurück getraut hatte, war der Transporter verschwunden. Sie trabte die Stufen bis zu ihrer Wohnung hoch und ging direkt ins Bad. Ihre Gummistiefel hinterließen eine Schlammspur auf den weißen Fliesen. Sie stieg aus einem der Schuhe, nahm ihn in die Hand und kippte ihn langsam über der Badewanne aus. Ein paar graue Tropfen fielen in den Abfluss und mischten sich mit den wenigen klaren Tropfen, die von ihrem Haarschopf über die Stirn nach unten fielen. Auch das war eine Art, die Losigkeit loszuwerden, stellte Antonia fest. Sie musste noch viele andere Wege für sich entdecken.

Der Staub war von den Gummistiefeln heruntergewaschen. Als sie den einen Schuh an die Seite stellte, blieb ein feuchter Grashalm an ihren Fingern kleben. Antonia zog den zweiten Schuh aus und leerte ihn über der Badewanne. In diesem Moment fiel es ihr wieder ein. „Regentropfen, die an dein Fenster klopfen – Das merke dir: die sind ein Gruß von mir.

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