Literatur-Nachrichten

Notwendige Eingriffe

Von Jürgen FlenkerAn die AZ-VersicherungAbt. SchadenssachbearbeitungSehr geehrte Damen und Herren,  betrübt und in tiefer Verzweiflung wende ich mich heute an Sie.

Mein Anliegen mag Ihnen auf den ersten Blick abwegig erscheinen, und doch hoffe ich als langjähriger Versicherungsnehmer ihrer Gesellschaft auf Ihre Kulanz in einer Sache, die sich zu einem wirklichen Dilemma ausgewachsen hat.

Gestatten Sie mir, zur Schilderung des Sachverhalts etwas weiter auszuholen. Vor mehreren Jahren verbrachten meine Frau und ich unseren Sommerurlaub auf einer Ferieninsel im Mittelmeer. Wir genossen unsere Zeit, und zweifellos hätten wir erholt und entspannt die Heimreise angetreten, wenn nicht am letzten Tag unseres Aufenthaltes in unserer Hotel-Anlage eine jener sogenannten „Miss-Wahlen“, genauer gesagt, eine Wahl zur „Miss bzw. Mrs. Swimmingpool“ stattgefunden hätte. Meinen eindringlichen Warnungen zum Trotz bestand meine Frau darauf, an dieser Wahl teilzunehmen und bereitete sich mit viel Eifer und Freude darauf vor.

Als es dann zur Wahl ging – ich saß inmitten einer Schar unangenehm gaffender und schon reichlich betrunkener Männer – sah ich meine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Schon als sich die Damen hinter der Bühne versammelt hatten, waren von Seiten der Konkurrentinnen ein paar spitze Bemerkungen in Richtung meiner Frau gefallen, und nur mit viel gutem Zureden war es mir gelungen, sie zum Weitermachen zu ermutigen. Das allerdings war nur der Anfang. Was danach kam, war weitaus schlimmer, ja im Grunde ist es selbst mit dem Wort „Fiasko“ nur unzureichend beschrieben. Meine Frau betrat ein wenig zittrig den Laufsteg, bei ihrem Anblick kehrte momentlang eine absolute Stille im Publikum ein, diese Stille ging alsbald in ein beredtes Raunen und schließlich in offenes Gelächter über, flankiert von einer Reihe anzüglicher Sprüche, deren Wortlaut ich an dieser Stelle nicht wiederholen möchte.

Noch heute habe ich den Ton im Ohr, mit dem meine Frau, von Weinkrämpfen geschüttelt, auf dem Laufsteg zusammenbrach. Von dort fiel sie, halb aus Schwäche, halb aus Verzweiflung (die hochhackigen Schuhe taten ihr Übriges), der Länge nach in den Pool, sodass ich ihr nachspringen musste und sie, die nur noch ein zitterndes und triefendes Nervenbündel war, unter dem lauten Gejohle und Gepfeife der Betrunkenen in unser Zimmer führen musste.

Nichts ist seitdem wie es war. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass diese Erlebnisse meine Frau in eine existenzielle Krise geführt haben. Langwierige therapeutische Behandlungen, zum Teil bis heute andauernd, waren die Folge. Regressforderungen unsererseits an die Adresse des Reiseveranstalters zogen jahrelange zermürbende Prozesse nach sich, die für uns letztlich alle erfolglos blieben.

Angesichts dieser Situation sah meine Frau ihre letzte Rettung in der plastischen Chirurgie und entschloss sich, einige Korrekturen an ihrem Körper vornehmen zu lassen. Ihre Eingaben bei der zuständigen Krankenkasse wurden jedoch, trotz Beibringung ausführlicher psychologischer Gutachten, sämtlich abschlägig beschieden und aufgrund der finanziellen Misere, die aufgrund der Prozessflut zu jener Zeit bei uns herrschte, schied die Inanspruchnahme eines privaten Instituts für ästhetische Chirurgie ebenfalls aus.

So entschlossen wir uns nach reiflicher Überlegung zu einem letzten und radikalen Schritt. Ich begann mich in die komplizierte Materie der Schönheitschirurgie einzuarbeiten, besuchte medizinische Vorlesungen, studierte Fachbücher, probierte an Modellpuppen und sogar an einem toten Schwein, welches mir ein befreundeter Landwirt zur Verfügung gestellt hatte. Ich setzte mich mit den Grundlagen der Anästhesie auseinander, ja selbst von dem Besuch einer Autopsie ließ ich mich nicht schrecken. Nach und nach besorgte ich mir das notwendige Handwerkszeug, baute am Ende sogar unsere Küche in einen antiseptischen Operationstrakt um und, kurz und gut, nach rund einem Jahr theoretischer und praktischer Studien fühlte ich mich in der Lage, die notwendigen Eingriffe selbst durchzuführen. Ich wusste, meine Frau setzte ihr ganzes Vertrauen in mich, und im Bewusstsein dieser Verantwortung begab ich mich schließlich eines Morgens ans Werk.

Nun, ich selbst bin mit dem Ergebnis meiner Arbeit keineswegs unzufrieden. Bedauerlicherweise jedoch sah sich meine Frau nach dem Erwachen aus der Narkose außerstande, meine Meinung zu teilen. Zugegebenermaßen sind einige Schnitte nicht zur vollen Zufriedenheit gelungen, zumal jene, die an exponierter Stelle, etwa im Bereich der Nase und der Wangenknochen erfolgt sind. Auch wollten ein paar Narben am Bauch und an den Oberschenkeln zunächst nicht ordnungsgemäß verheilen und haben inzwischen unschöne wulstige Ränder ausgebildet. Trotz allem blicke ich nicht ohne Stolz auf mein Werk – schließlich muss ich mich ja immer noch als medizinischen Laien bezeichnen. Gleichwohl sind gewisse Nachbesserungen unumgänglich, soll das psychische Gleichgewicht meiner Frau dauerhaft wiederhergestellt werden.

Und hier komme ich nun also zum eigentlichen Zweck meines Schreibens: Wäre es möglich, die geschilderten Ereignisse in ihrer Folge als Versicherungsschaden geltend zu machen? Die notwendigen operativen Nachbesserungen könnten dann von professioneller Seite erfolgen, da meine Frau weitere Eingriffe von meiner Hand ablehnt.

In der Anlage füge ich einen Kostenvoranschlag für die entstandenen Schäden sowie eine Sammlung von Fotografien meiner Frau im Vorher-Nachher-Zustand bei.

In der Hoffnung auf eine zügige Bearbeitung verbleibe ich

Mit freundlichen Grüßen

Hans-Hubert Hopf (Glücksheim)

 

P.S.: Gerne ist meine Frau bereit, sich einer gutachterlichen Bemusterung zu unterziehen. Wir bitten in diesem Fall jedoch um Hausbesuche, da sie sich augenblicklich noch außerstande sieht, die Wohnung zu verlassen.

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