Literatur-Nachrichten

Monikas Briefe

Von Sabine FrambachAm Montag in den frühen Morgenstunden wurde der friedliche, steife Körper der kleinen Lisa gefunden; der gerufene Arzt sollte lediglich den Tod feststellen. Am Körper fand er mehrere wenn auch blasse Hämatome; das schlafende Gesicht des zweimonatigen Zellhaufens gab keine Auskunft.

Die Leiche wurde zur genaueren Bestimmung der Todesursache weggetragen, die Eltern blieben mit der elfjährigen Schwester zurück. Fachkundig geöffnet und betrachtet, gab der schlafende Körper einen Hauch des verborgenen Geheimnisses preis, sie war erstickt und die Hämatome flüsterten, dass dies nicht ohne fremde Hand geschehen war. Es folgten zermürbende Wochen, die Eltern rückten in den Mittelpunkt des Interesses, hier als Opfer, deren Kindverlust mit Mitleid zu begegnen sei, dort als Kindsmörder, Satanisten, Bluttrinker, gespeist vom hartnäckigen Schweigen beider Teile, was in den letzten Tagen des Lebens ihrer kleinen Tochter geschehen war. Wo keine Klarheit herrscht, regiert der Nebel und im Nebel vermag man Alles zu erkennen.
Die elfjährige Schwester wurde eines Abends in einer Wohngruppe abgegeben, sei es, um die Eltern zu entlasten, sei es, um das Kind vor den Satanisten zu schützen. Bei ihrer Ankunft trug Monika einen wulstigen Pulli, in dem ihr Körper fast versank; in einer Plastiktüte hatte sie einige Kleidungsstücke. Ihre braunen gesprenkelten Augen schauten ruhig nach oben, nur gestört durch einzelne Haarsträhnen, die ihr ins Gesicht fielen. Den Empfang, das Zeigen ihres Bettes, die anderen Kinder ließ sie wachsam an sich vorüber gleiten und sie blieb stumm, da sie nichts zu sagen wusste. Sie hatte keine Zahnbürste, bekam aus dem großen braunen Schrank eine gereicht, keine Nachtbekleidung, für eine Nacht mochte ein Shirt reichen. Im Bett presste sie ihre Nase in das Kissen, um sich und ihre Tränen zu ersticken.

Am nächsten Tag ging eine der Erzieherinnen mit ihr einkaufen. Monika bekam eine eigene Zahnbürste, einen weichen Schlafanzug und einen Kamm, Alles in bunten Farben. Wenn sie gefragt wurde, zeigte sie stumm auf die Dinge, die sie mochte, weiterhin redete sie nicht. Die Erzieherin war freundlich, drängelte sie nicht und das Mädchen war ihr dafür dankbar. Auf dem Rückweg schlüpfte Monikas Hand in die ihrer Begleitung und obwohl das Mädchen unbeteiligt nach vorne schaute, wollte sie es so.
Die Erzieher gaben sich in den nächsten Wochen große Mühe, ihr Schweigen zu überwinden. Sie spielten Spiele, bei denen man rufen musste sie fragten beiläufig nach Kleinigkeiten, sie kitzelten sie und brachten sie zum Lachen, nicht aber zum Sprechen. Schließlich entschied man, dem Mädchen mit Wirklichkeit zu begegnen. Die Erzieherin, die das beste Zutrauen erlangt hatte, setzte sich mit Monika zusammen.
Sie sagte Monika, dass sie ganz ernst mit ihr sprechen wolle. Sie erzählte dem Mädchen, dass ihre kleine Schwester gestorben sei. In Monikas Augen sah sie ein Flackern, mehr verriet sie nicht. Sie fragte das Mädchen, ob sie wüsste, was mit ihrer kleinen Schwester geschehen sei, aber Monika reagierte nicht. Die Erzieherin berichtete, dass ihre Eltern bei der Polizei seien und befragt wurden, aber dass ihre Eltern nichts sagen würden. Und sie fragte Monika, ob ihre Eltern immer gut zu ihr gewesen seien. Monika nickte. Sie fragte, ob die Eltern auch zu ihrer Schwester lieb gewesen seien und Monika nickte wieder und begann zu weinen. Selbst unter Tränen blieb sie stumm, ihre feuchten Augen auf einen Punkt gerichtet, den kein anderer Mensch sehen konnte.

Da Monika nicht sprach, durfte sie malen und sowohl der eingesetzte Kinderpsychologe als auch die Polizei interessierten sich für ihre Bilder. Das Motiv blieb im Wesentlichen gleich, sie malte drei Figuren, eine in der Mitte und etwas kleiner, alle hielten sich mit kreisrunden Händen aneinander fest. Darüber kritzelte sie die Worte MUTTI und VATI und ihren eigenen Namen, MONIKA. Die Figuren standen auf einer grünen Wiese, je nach ihrer Laune und Ausdauer war diese noch mit bunten Blumen gefüllt. Auf der rechten Seite stand ein Haus und aus dem Schornstein stieg Rauch auf. Der Psychologe sagte, dass möglicherweise ein Missbrauch vorläge, da Monika sich selber immer vor das Haus malte, niemals hinein, sie meide offenbar die intime Atmosphäre. Sie skizziere eine friedvolle Familie, die sie möglicherweise nie erfahren habe. Der rauchende Schornstein sei ein klassisches Phallussymbol.

Eines dieser Bilder schenkte sie der Erzieherin und diese blickte lange darauf. „Vater, Mutter und du, eine Familie“, sagte sie. Monika nickte. „Für mich sehen sie glücklich aus“, meinte sie und Monika nickte wieder. „Ist das euer Haus?“ fragte sie und Monika bejahte auch dies mit einem eifrigen Nicken. „Wo ist auf dem Bild deine kleine Schwester?“ wurde sie gefragt und Monika zögerte ein wenig, blickte dann suchend auf ihre eigene Zeichnung und deutete schließlich auf die Mitte der großen Figur. „Im Bauch deiner Mutter?“ Sie nickte. „Und da war noch Alles in Ordnung“, sagte die Erzieherin und Monika musste weinen.
Nach langen Debatten durfte Monika ihre Eltern sehen. Sie sollten nicht alleine bleiben, der Psychologe war ebenso anwesend wie ein Polizist und ihre Erzieherin, mit der Monika den Raum betrat. Ihre Mutter sprang auf und griff nach dem Mädchen, drückte sie und strich ihr über das Haar. Monika drückte ein wenig zurück, sah sich dann um. Ihr Vater breitete die Arme aus und Monika flog auf ihn zu, er fing sie auf, hob sie durch die Leichtigkeit der Luft und ließ sie auf seinem Schoß sitzen. Der Psychologe notierte etwas auf seinem Schreibblock. Die Eltern versuchten, mit Monika zu reden, aber auch bei ihnen blieb sie still. Sie nickte, schüttelte den Kopf, wischte sich die braune Strähne aus dem Gesicht, lachte, aber sie sprach kein Wort. Nach zwanzig Minuten war das Treffen vorbei. Monika ging strahlend an der bekannten Hand wieder hinaus, Fragezeichen hinter sich zurücklassend. Abends fand Monika einen zusammengefalteten Zettel auf ihrem Kissen. Sie lugte um sich, um ihn dann vorsichtig zu öffnen.

Liebe Monika,
da du nicht sprichst, ich dir aber so viele Fragen stellen möchte, schreibe ich dir. Vielleicht gefällt dir das, wenn ja, kannst du mir antworten. Heute waren deine Eltern da und ich glaube, dass du dich sehr über ihren Besuch gefreut hast. Ein wenig habe ich den Eindruck bekommen, dass Vati noch wichtiger war als Mutti, oder irre ich mich?
Möchtest du die beiden bald wieder sehen?
Liebe Grüße und gute Nacht
Deine Marlis

Monika freute sich über den Brief, er war nur für sie geschrieben und das Papier glitzerte ein wenig im Dunkeln, Marlis hatte wohl etwas darauf gestäubt.
Monika schlief in dieser Nacht sehr tief und sicher. Am Morgen nach dem Frühstück kniete sie sich in einer Ecke hin und wählte einen roten Stift aus, suchte ein Blatt Papier und schrieb:

Hallo Marlis,
danke für den Brief. Es ist lustig, wenn wir uns schreiben. Ich fand es sehr schön, dass Mutti und Vati hier waren. Vati macht mehr Spaß mit mir, Mutti motzt. Aber lieb habe ich sie beide. Ich hoffe, ich kann bald nach Hause zurück.
Was wir schreiben, bleibt aber ein Geheimnis, oder?
Moni

Marlis sagte am Tag nichts über ihren Brief, aber sie hatte ihn natürlich gleich entdeckt, er war in die Tasche ihrer Jacke gesteckt worden. Beide schwiegen sich einvernehmlich darüber aus, es wurde zu ihrem Geheimnis, so wie Monika es gewollt hatte.
Marlies schrieb ihr erst vorsichtig, dann direkter, was sie dem Mädchen entlocken wollte. Hatte der Vater sie mal seltsam angefasst? Hatte er auch Geheimnisse mit ihr? Hatte er seltsame Spiele mit ihr gespielt? Und Monika antwortete, dass Vati nur viel Spaß gemacht habe, dass er sie am Bauch gekitzelt und durch das Haus gejagt, ihr Marmeladenbrot mit extra viel Marmelade geschmiert und sie kleine Maus genannt habe. Dass Mutti manchmal sauer gewesen sei, weil er ihr so viel erlaubte, aber sie sei nie lange sauer gewesen, weil Vati dann zu Mutti große Maus gesagt und sie auch gekitzelt habe.

Marlies schrieb ihr dann viele Dinge über die Schule, die sie bald wieder besuchen sollte. Sie schrieb ihr auch, dass sie nicht nach Hause dürfe, weil niemand wisse, was mit ihrer kleinen Schwester geschehen war. Solange kannst du nicht nach Hause. Wir alle haben Angst, dass dir etwas passiert.
Monika antwortete darauf einige Tage nicht und Marlis glaubte schon, in eine Sackgasse geraten zu sein, als sie schließlich die Hand an ihrer spürte und ihr wie beiläufig ein Zettel zugesteckt wurde, wieder in rot geschrieben. Monika huschte danach schnell davon und Marlis setzte sich ins Büro, um das Briefchen zu lesen.

Liebe Marlis,
mir wird nichts passieren, wenn ich nach Hause kann und ich wünsche es mir so. Ich weiß, dass dann Alles gut ist. Es wird so sein wie früher. Vati wird mit mir Spaß machen und Mutti wird nicht lange böse sein. Nach der Geburt war Mutti immer traurig und hat geweint. Lisa hat nur geheult. Vati war in ihrem Zimmer, weil Mutti zu müde war. Er hat an ihrem Bett gestanden und sie in den Arm genommen. Aber sie hat immer weiter geschrien. Er hat eine Kassette angemacht mit Musik und hat sie gestreichelt und hat ihr gesagt, dass die kleine Maus schlafen soll. Dann ist er zu Mutti gegangen und hat die Türe fest zugemacht. Aber Lisa schrie immer weiter. Da bin ich zu ihr gegangen und habe sie ganz fest zugedeckt mit einem Kissen und sie strampelte, aber dann war sie ruhig.
Das bleibt immer unser Geheimnis.
Moni

1 Kommentar/e

1. carmen 29.09.2012 18:44h 
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So etwas soll vorkommen.
Mir zu durchsichtig.

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