Literatur-Nachrichten

Aus der Bahn geworfen

Von Jan Fritz GeigerAuch an diesem Arbeitstag war es wieder spät geworden. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, dass es jetzt regelmäßig so war. Mehr Arbeit für weniger Geld und mehr Fahrzeit.

Ein schlechter Tausch, gegenüber der Stelle als Elektroinstallateur bei einem regionalen Energieversorger, die er bis vor einem Jahr gehabt hatte. Wenn nicht die Fusion gekommen wäre, bei der er hätte gehen müssen. Zu wenige Punkte auf der Liste, trotz Ehe und zwei kleinen Kindern. Im letzten Moment war er noch bei einem kleinen Handwerksbetrieb untergekommen den er als Subunternehmer kannte und der jemanden wie ihn ganz kurzfristig brauchte. Der Lohn reichte zwar gerade um über die Runden zu kommen und das frisch erworbene Haus abzuzahlen, für mehr aber auch nicht, vor allem nicht mehr für das zweite Auto. Fünf Stationen mit den stadtbahnähnlich verkehrenden Regionalzügen, mittendrin am Hauptbahnhof umsteigen, die letzten Meter zum Betrieb zu Fuß, nach Hause zwei Bushaltestellen, bei passenden Wetter auch mit dem Fahrrad. Anstelle der Autoschlüssel nur noch eine selbstbezahlte Monatskarte in abgegriffener Plastikhülle. Bei seinem früheren Arbeitgeber hatte es noch Jobtickets gegeben.

Die Haltestelle Deichgrafenwall lag im ehemaligen Hafengebiet der Stadt, in dem sich eine Vielzahl neuer Unternehmen und Gebäude mit komfortablen Innenstadtwohnungen  angesiedelt hatten. Das Bahngelände, das früher wohl viel Güterverkehr aufgenommen hatte, war deutlich verkleinert, im noch betriebenen Teil war eine durchgreifende Modernisierung begonnen worden aber unvollendet geblieben. Auf dem immer noch mit roten Bändern abgesperrten Aushubflächen wuchsen nunmehr Sträucher und Gras. Niemand kümmerte sich darum. Auf dem nur noch einzigen Bahnsteig abgewandten und dem verbretterten funktionslos gewordenen alten Bahnhofsgebäude brach gegenüberliegenden Sandfläche parkten mittlerweile Autos.

Der Herbst war in diesem Jahr früh gekommen, ohne dass man von vorhergehendem Sommer eigentlich hatte sprechen können. Am Himmel Wolken wie ein zu kurz geratenes Tuch durch dessen Lücken schräges Sonnenlicht der immer stärker bemerkbaren Abenddämmerung fiel. Auf dem Sand zwischen den neuen, hellen Platten Spuren des letzten abgezogenen Regenschauers vom Nachmittag. Der Wind schien Spuren ersten bevorstehenden Frostes zu erhalten.

Außer ihm auf dem Bahnsteig schienen nur zwei weitere Männer und eine Frau zu warten, während der ältere Mann aufmerksam seine Umgebung zu beobachten schien, war das Gesicht des jüngeren bis auf einen Haarschopf ständig hinter einer aufgefalteten Zeitung verschwunden. Am äußeren Bahnsteigende stand noch eine Gruppe von drei Jugendlichen, die dadurch auffielen, dass man Stimmen hörte, laut genug, um sich nicht im monotonen Hintergrundgeräusch des Autoverkehrs auf der nahen Straße, die der Station den Namen gab, aufzulösen.

Einer der Jugendlichen hielt eine grellfarbig bedruckte Papiertüte in der rechten Hand, aus der ein Stück Pizza herausstand, dass er förmlich hinunterzuschlingen schien. Auch der ältere Mann schien das zu registrieren und einen Moment meinte er, so etwas wie Missbilligung darin zu sehen, aber vielleicht bildete er sich das nur ein. Die Frau auf dem Bahnsteig sah erst teilnahmslos auf das Gleis, dann auf die nicht angeschlossene Uhr am Bahnsteigmast, die bewegungslos auf „12 Uhr“ stand, um dann schließlich auf ihre eigene Armbanduhr unter dem Jackenärmel zu schauen. Danach resigniertes Seufzen. Es dauerte noch, bis der Zug kommen würde. Nachdem sie den Jackenärmel wieder vorgezogen hatte, kramte sie aus ihrer Handtasche einen in eine Serviette eingepackten ungeschälten Apfel heraus, von dem sie mit einem krachenden Geräusch genussvoll abbiss.

Der Jugendliche mit dem Pizzastück ließ nun die leere Papiertüte mit einigen krümeligen Essensresten achtlos zu Boden fallen. Ein Windstoß ergriff das zerknüllte Papier und wehte es weiter auf dem Bahnsteig entlang. Dem älteren Mann auf dem Bahnsteig fiel das auf, er schaute auf den Jugendlichen, dann auf die sich annähernde mit auffälliger Werbeschrift und einem Ausschnitt für „10 Bonuspunkte“ versehende Verpackung, dann auf den Papierkorb, der in der Nähe der Gruppe der Jugendlichen stand. Man meinte, er überlegte hinzugehen und etwas zu sagen.

Das zerknüllte Papier wurde weitergeweht und landete schließlich in den Bügelfalten des Hosenbeins des jüngeren Mannes, der nicht einmal jetzt von seiner Zeitung aufsah, sondern nur den Fuß hob, so dass das Papier vom nächsten Windstoß weitergetragen wurde und auf einer Schwelle des Bahnsteiggleises landete.

Von dem Apfel der Frau war nur noch ein Gehäuse übrig. Mit einer lässigen Handbewegung warf sie das Gehäuse in Richtung eines Abfallbehälters, ein gezielter Wurf, der exakt traf. Auch die Jugendlichen waren aufmerksam geworden. Einer aus der Gruppe griff in einen Haufen Schottersteine aus einem noch mit Baustellenband abgesperrten Bereich, der wohl für das Gleisbett gelagert war, visierte den in seiner Nähe stehenden Papierkorb an und traf mit einem scheppernden Geräusch.

Wieder war es der ältere Mann, der hinsah, aber sich wieder entschloss zu schweigen. Der Zeitungsleser strich die von einem Windstoß aufgewehte Seite glatt.

Jetzt könnte er doch endlich einmal kommen, der Zug, dachte er und verspürte einen Wunsch, möglichst schnell weg zu sein, von diesem Ort, aber erwachsen sein, heißt um die Vergeblichkeit des Wünschens zu wissen.

Unwillkürlich blickte er auf den Schienenstrang. Der Jugendliche, der vorhin das Pizzastück gegessen hatte, hatte sich auch einen Schotterstein gegriffen und warf ihn auf die am Gleisrand stehende Holztafel mit einigen zerfetzten Plakaten. Durch die Wucht des Wurfs prallte der Stein nicht zurück, sondern durchschlug das Holz. Der ältere Mann auf dem Bahnsteig runzelte die Stirn und schien tief Atem zu holen.

Der dritte Jugendliche zielte über das Gleis hinüber auf eines der geparkten Autos. Der Wurf prallte an einem Pfosten ab, mit einer kleinen Fontäne ölschimmernder Regenwassertropfen blieb er in einer Pfütze liegen.

Sein Blick fiel auf einen Pfosten mit leeren Bohrlöchern, die typischen Befestigungen für eine Videokamera mit einer größeren Öffnung für die Kabel.

Mit energischen Schritten kam Bewegung in den älteren Mann. Der Zeitungsleser faltete hastig seine Lektüre zusammen und steckte sie in den neben ihm stehenden Aktenkoffer, den er jetzt aber nicht mehr abstellte, sondern in der Hand behielt.

Erleichtert tauchte er in das Kommen und Gehen des Hauptbahnhofs ein. Dort war noch viel Betrieb, ein ICE  war gerade eingetroffen. Kurze Zeit später erfuhr er es am sogenannten Servicepoint offiziell: Betriebsstörung mit Personenschaden an der Station Deichgrafenwall, Zugverkehr zwischen Hauptbahnhof und Heverstromhafen unbestimmt verspätet, näheres könne man noch nicht sagen.

Er rief seine Frau auf dem Mobiltelephon an, schimpfte auf die Deutsche Bahn sein Zug sei ausgefallen, er hätte dies aber erst auf dem Hauptbahnhof erfahren. Wo er doch einmal ausgerechnet heute einigermaßen pünktlich hätte Schluss machen können, wie er noch hinzufügte, gelogen natürlich.

Am Wochenende stand es dann in der Zeitung. Der Mann war tot, die jugendlichen Täter hatten sich gestellt, der Mann sei plötzlich auf sie losgegangen, ihnen sei die Situation dann außer Kontrolle geraten, hatten sie gesagt. Nachdem seine Familie außer Haus war, entdeckte er eine ganze Seite voller Nachrufe. Vorruheständler mit politischen Funktionen und diversen Ehrenämtern, couragierter Befürworter, des „auch für die Belange der Gemeinschaft in die Verantwortung zu nehmenden Bürgers und daher auch des fordernden Sozialstaats“, so der Oberbürgermeister. „Nicht nur gute gemeint, sondern immer auch gut getan“, hatte die örtliche Tageszeit getitelt. Eine Schlagzeile, die sich bei ihm wie eine Sperre vor aufkommendes Mitgefühl, Anteilnahme oder Solidarität schob und ihn widerwillig die Zeitung sinken ließ. Ein Knick bildete sich im weichen Papier. Eselsohr, so hatte man es zu seinen Schulzeiten genannt. Er schlug das Blatt zu Boden.

Um so einen ist es nicht schade, ging es ihm spontan durch den Kopf, der hat bekommen, was er verdient hat. Trotz des Erschreckens über sich selbst erfüllte ihn der Gedanke zugleich mit einer Art Genugtuung, ohne dass er hätte sagen können, warum es so war.

 

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