Literatur-Nachrichten

Der perfekte Mann

Von Sabine GriesbachNachts mag ich meinen Mann am liebsten. Nachts, wenn seine Atemzüge gleichmäßig die Bettdecke bewegen, gehe ich leise an meinen Schminktisch. Mein Mann steht morgens um fünf Uhr dreißig auf, jeden Morgen, auch Sam-, Sonn- und Feiertags. Eine Stunde Joggen, danach isst er Müsli.

Er geht unter die Dusche, zieht einen seiner grauen Bankeranzüge an. Mir macht er eine Tasse Kaffee extra stark, und stellt sie auf meinen Nachttisch. Geschätzte Tageszeit kurz vor sieben morgens, es sei mir verziehen, dass ich dem Wecker keinen Blick gönne. Ich träume gerade von einem romantischen Abendessen bei Kerzenschein die Entscheidung über die Anzahl der Gänge steht noch aus.

Mein Mann sagt, ich sei zu fett und es wundere ihn auch nicht. Er versteht das. Ich bin ja den ganzen Tag zu Hause.

Andere Frauen haben laut Statistik 1,4 Kinder und Ehemann zu versorgen. Ich habe nur ihn, Easy Living – ein leichtes Leben. Ich bin ein Morgenmuffel, mein Mann ein Arbeitstier wir ergänzen uns, wie heiße Schokolade mit Sahne. Das hieße ich bin die Sahne, weil Sahne fett und cremig ist und mein Mann die Schokolade. Ha! Mein Mann und Schokolade, das geht gar nicht. Ich liebe Schokolade. In jeder Variation, außer mit Nüssen. Nusskuchen, Walnuss-Eis und Erdnuss-Flips viel geliebtes Hüftgold. Köstlich Schokolade, die im Mund schmilzt und die ich mit der Zunge gegen den Gaumen drücke und spüre, wie sie Millimeter um Millimeter nachgibt, bis meine Geschmacksknospen auf Haut stoßen und es sie nach mehr verlangt.

In diesem Moment völliger Hingabe, was hat da eine Haselnuss zu suchen. Da ich, die kakaohaltige Masse ungern weiterschenke und meine bessere Hälfte für gesunde Ernährung ist, löse ich mit einem Messer, all die Störenfriede aus ihrem braunen Bett und mische sie unter die Nüsse für sein Müsli.

Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, warum ich meinen Mann vor Jahren darum gebeten habe mir Kaffee ans Bett zu bringen. War es der Gedanke, eine liebevolle Geste von ihm zu sehen? War es die Hoffnung, der Duft von frischen kolumbianischen Kaffeebohnen würde mich schneller wach werden lassen? Unter uns, das Röstaroma lässt mich wunderbar entspannen und in den Tiefschlaf hinab sinken.

Gegen neun Uhr stehe ich dann auf, ein goldbrauner Dreikorn-Toast mit Erdnussbutter wird um dem Gesundheitsaspekt Rechnung zu tragen mit einer in Scheiben geschnittenen Banane dekoriert. Dann werfe ich die Waschmaschine, die Geschirrspülmaschine und den Staubsauger an. Wenn ich mit dem Saugen fertig bin, warte ich bis zehn Uhr dreißig. Meine Schwiegermutter ist ein pünktlicher Mensch und wenn sie, in Anführungszeichen, Kleinigkeiten hat, mit denen sie ihren Sohn nicht belästigen kann, ruft sie mich an. Aber, sie tut es nicht jeden Tag. Und wie sehr ich erst das Hemdenbügeln liebe, die Menschheit fliegt zum Mond, entziffert die DNA und ich quäle mich zwischen Kragen und Knopfleiste. Warum habe ich mir einen Banker ausgesucht?

Wir waren Teenager, jeweils nicht des Anderen erste große Liebe, zu unserer eigenen Überraschung sind wir bis heute zusammen.

Ich gehe in den Keller um den Inhalt der Waschmaschine in den Trockner zu werfen, dann in die Küche die Spülmaschine ausräumen. Was bleibt zu tun? Den Kühlschrank müsste ich mal wieder auswischen.

Da ist ein Joghurt seit zwei Tagen abgelaufen, der kann nicht wirklich schlecht sein. Meine Oma hatte immer gesagt, Essen wegzuwerfen ist eine Sünde. Wie sich das Universum wohl rächt? Aber besser, es nicht herausfordern und was für ein Geschmack Natur mit ganzen Kirschen, den kann nur meine bessere Hälfte gekauft haben. Ein echtes Bioprodukt, es schmeckt ziemlich nach Natur. Wissen sie, wie ich meine? Wenn man beim ersten Löffel die Augen schließt, und die Kühe auf der Weide sieht, deren Rippen man einzeln zählen kann - 0,1 Prozent Fett und ohne Zucker und Süßstoff. Um meine Geschmacksnerven zu retten und zwei kleine Päckchen Marmelade Schwarzkirsche und schwarze Johannisbeeren. Die aus dem Hotel, mein Mann muss öfter auf Geschäftsreise, und er weiß, wie gerne ich diese kleinen Dinger mag, dazu ein unschuldiger Klecks Mascarpone. Was soll ich sagen? Es ist eine Offenbarung. Ein Stück Fleischwurst finde ich noch und drei saure Gurken im Glas. Den Kühlschrank aufzuräumen hat auch etwas extrem Meditatives finde ich, wirkt bei mir viel besser als Yoga. Nur hinterher wird dieses befriedigende Gefühl, gleich im Ansatz empfindlich gestört.

Kennen sie das auch, wenn eine Farbe im Kühlschrank überpräsent ist? Das heißt, zu viel Licht wird von weißen Wänden reflektiert und nur von einer Milchpackung, drei Eiern, dem Zitronensaft und diversen anderen Soßen unterbrochen.

Inzwischen ist es ein Uhr und noch weitere sechs Stunden, bis ich andere Schritte im Haus höre, als meine eigenen.

In dieser Stimmung hilft nur der Gang zum Friseur. Die Kopfhaut massieren lassen, über den letzten und den nächsten Urlaub sprechen. Ohne große äußere Veränderung, aber bestens entspannt verlasse ich den Friseursalon zweieinhalb Stunden später. Im Anschluss gehe ich in den Buchlagen um die Ecke greife mir einen Lebensberater mit dem Titel „Glück“ und setze mich in die gut ausgeleuchtete Leseecke, zum Beobachten und beobachtet werden. Eigentlich ist die Kaffee- und Kuchenzeit schon um, als ich mich entschließe, dieses Stück Glück, auch Schwarzwälderkirsch genannt zu kaufen. Ich hatte ja kein Mittagessen, es sei mir gegönnt. Mein guter Wille geht so weit das Bohnengetränk schwarz und ohne Zucker zu bestellen, aber ich bereue mit dem ersten Schluck und schaufele betreten, die Sahne der Torte in die Tasse.

Auf dem Heimweg halte ich beim Supermarkt. Natürlich kaufe ich nur das Nötigste ein, für den Kühlschrank, damit er sich nicht so unnütz fühlt. Und für mich was zum Naschen, aber nur das Nötigste - nicht mehr, und was Gesundes.

Als ich nach Hause komme, öffnet mir mein Mann die Haustüre, strahlt mich an, trägt mir die Taschen in die Küche. „Na Schatz hattest du einen schönen Tag?“

„Ja, deine Mutter hat nicht angerufen“, scherze ich und freue mich, dass er drüber lachen kann.

Es ist sieben Uhr dreißig mein Mann wird noch eine Stunde zum Work-out ins Fitnessstudio fahren. Ich werde mir in der Zwischenzeit eine DVD raussuchen mit einem Film, den ich gerne mit ihm zusammen anschauen würde und nachdem ich eine Tüte Chips verdrückt habe, wird die bereits heute Morgen bestellte Pizza geliefert. Lecker eine vegetarische Familienpizza. Ich werde friedlich vor dem Fernseher einschlafen. Mein Mann wird mich ins Schlafzimmer tragen, es hat Vorteile einen sportlichen Ehemann zu haben, und nachdem er das Licht gelöscht hat, wird er in tiefen Schlaf fallen.

Ich werde erwachen, meine Nachttischlampe anknipsen zu meinem Schminktisch gehen, die Schublade öffnen und zu was greifen …? Heute wird es mich nach 60 Prozent gelüsten - Zartbitter. Stehle mich wie immer in die Küche, dieses Mal um die Schokolade zum Schmelzen zu bringen, und die frisch gekauften Erdbeeren zu holen. Im Schlafzimmer werde ich eine Kerze anzünden und die Atemzüge meines Mannes zählen. Nach siebzehn Atemzügen nehme ich eine neue Erdbeere tauche sie in die Schokolade und zerdrücke sie sanft am Gaumen, die fruchtige Süße und die warme Bitterkeit vereinen sich auf der Zunge. Sehen sie, mein Mann und ich ergänzen uns hervorragend.

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