Literatur-Nachrichten

Kindermann

Von Emily GrunertDie Schüssel mit den Bonbons verdarb ihm die Laune. Kaum eine Handvoll waren übrig. Die meisten in gelbem Einwickelpapier. Mit Minzfüllung. Das waren die  Unbeliebten, die, die für  gewöhnlich im Gras zurückblieben. 

Henning langte mit der Linken in die Schüssel und zog ein Bonbon nach dem anderen an seinem zusammengezwirbelten Ende heraus. Ein einziges Rotes war  unter ihnen. Am Boden der Schüssel.

Henning nahm es zwischen die Finger und rollte es über seine Handfläche. Nougatfüllung. Mit Krokant. Eine kleine eingestanzte Milchkuh auf der Schokoladenhülle.

Er ließ es zurückfallen. Es machte keinerlei Geräusch.

Henning beschloss, es aufzuheben. Zumindest bis zum Nachmittag. Es war das Richtige für Noah, nicht für einen von den Kleineren. Sie würden sich darüber freuen, aber sie vergaßen zu schnell, waren noch zu jung. Noah war Hennings Liebling.

Mit einem Lächeln im Gesicht schaute Henning in Richtung Küche. Wenn er sich zurücklehnte, konnte er die Anzeige der Uhr über der Anrichte ausmachen. 13:11. Rote Schrift, blinkende Doppelpunkte. Henning schaute dabei zu, wie sie auftauchten und wieder verschwanden. Immer im selben Rhythmus. Er wünschte sich, er besäße immer noch ein Radio. Die Stille machte ihn unruhig. 

Um sich abzulenken, drehte er sich zum Fenster.

Es war kein spektakulärer Ausblick, aber Lisbeth hatte er damals gereicht. Wenn sie sich nach der Dialyse ausruhte, hatte sie gerne herunter auf den kleinen asphaltierten Platz geschaut. Sie selbst hatten nie unten gesessen, aber andere hatten es getan.

Unter den Eschen und Rosskastanien hatten Kinderwägen geparkt. Mütter gestillt. Lisbeth hatte das gefallen, aber sie war schon lange tot. In der Zwischenzeit hatte man die Eschen fällen lassen. Von innen waren sie morsch gewesen. Die Gefahr, dass sie zusammenbrachen, zu groß.

Henning hatte dabei zugesehen, wie sie mit elektrischen Sägen anrückten und eine nach der anderen niederstreckten. In den Monaten danach hatte er nur noch selten herunter geschaut.

Durch den Fensterrahmen war das Blickfeld gehörig eingeschränkt.

Man konnte den Himmel sehen. Milchig und stumpf. Die Umrisse von Hochhäusern einige Straßenzüge weiter.

Um das zu sehen, was ihn interessierte, musste Henning soweit an die Glasscheibe heranrücken, dass sein Atem unförmige Spuren auf ihr hinterließ. Seine Knie stießen gegen die Ausbuchtung des Heizkörpers. Ausgeschaltet weil Mitte Juni.

Erst nachdem sie die Eschen abgeholzt hatten, war der Spielplatz entstanden. Inmitten der Wohnbausiedlung ein Rückzugsort, so hatte es auf dem Merkblatt für die Anwohner gestanden.

Den meisten hatte das gefallen. Henning zählte sich zu ihnen.

Doch der Spielplatz war nichts besonderes. Eigentlich zu klein für die Anzahl der Kinder, selbst für die aus den direkt angrenzenden Häusern.

Es gab eine Schaukel. Einen Sandkasten. Eine Wippe.

Henning war enttäuscht gewesen, als sie den Bau abschlossen. Er glaubte nicht, dass Kinder kommen würden. Sie wollten Kletteranlagen, keine Grube, in der sie Sand hin und her wuchten konnten.

Doch wie sich zeigte, waren Kinder weniger anspruchsvoll als er erwartet hatte. Es dauerte nicht lange, bis sie im Dutzend auf dem Platz aufliefen. Die Kleinsten in den Morgenstunden, in Begleitung ihrer Mütter. Uninteressant. Später, nach Schulschluss,  kamen die Größeren. Unter ihnen auch Noah.

 

Hennings Haltung bereitete ihm Schmerzen. Halb sitzend, halb stehend, die Knie angewinkelt, aber den Hintern von der Sitzfläche erhoben, hielt er sich. Er musste sich mit den Händen am Fensterrahmen abstützen, um nicht zur Seite wegzukippen. Er hatte das Fenster pünktlich um Viertel vor zwei geöffnet. Feuchte Luft strömte unnachgiebig von draußen ins Innere. Ein leichter Wind, kaum mehr als er Brise, warf von Zeit zu Zeit feine Regenfäden auf seine nackten Unterarme. Nur wenige Sonnenstrahlen kämpften sich durch die dichte Wolkendecke und kletterten die Fassade hinauf. Henning lächelte, wenn das Licht ihm die Haut erwärmte.

Er schloss die Augen und im selben Moment hörte er die schlurfenden Schritte. Die Turnschuhe, die sich kaum hoben und senkten und das Gras unter den Sohlen in die Erde drückten.

Hennings Lächeln wurde breiter.

Er lehnte sich soweit nach vorne, dass der Fensterrahmen sich deutlich spürbar gegen seinen Bauch drückte. Der Wind blähte sein kurzärmeliges Hemd auf und bog die ergrauten Härchen auf seiner faltigen Haut.

Er kannte sie alle. Die meisten mit Namen und von jedem das Gesicht.

Das kleine Mädchen, das seinen Turnbeutel vor der Brust umfasste. Den Jungen, der sich zielstrebig auf die Schaukel zubewegte und dabei seinen Ranzen von den Schultern rutschen ließ. Die blassblonden Schwestern, die sich mit den Fingern der einen Hand zu einem Paar zusammenfügten und mit der anderen die Überreste ihrer Schulbrote aßen. Nur das weiche Innere. Die Krusten ließen sie im Mülleimer verschwinden, bevor sie die Tupperdosen wieder bei ihrer Mutter abgaben.

Und ganz zum Schluss kam Noah.

Den Kopf gesenkt, sodass Henning nur den schwarzen Haarschopf ausmachen konnte. Die Hände bis zu den Handgelenken vergraben in ausgebeulten Hosentaschen.

„Hallo, Kinder.“

Henning rief nicht laut. Sie kannten ihn. Trotzdem wollte er sie nicht erschrecken. Die beiden Schwestern schirmten mit den Unterarmen die Gesichter ab, damit die Sonne ihnen nicht in die Augen fiel. Dann winkten sie, wie nur Kinder es können, mit ausladenden Bewegungen, als wollten sie ihm etwas zuwerfen.

„Hallo.“

Sie blieben einen Moment stehen, dann ließen sie sich in den Sandkasten fallen. Ein anderer wühlte ein großes, buntes Buch aus dem Inneren seines Rucksacks und ließ sich ungelenk auf einer Bank nieder. Sein Ausdruck war konzentriert, mit dem Zeigefinger fuhr er die Zeilen nach. Die Zunge befeuchtete die Lippen, wenn er umblätterte.

Sie alle waren beschäftigt.

Alle. Nur Noah nicht.

Henning sah zu, wie Noah unentschlossen zur Wippe schlenderte. Sie betrachtete. Mit den Fingerspitzen berührte und dann kehrtmachte.

Am Ende ließ er sich neben dem Mädchen mit dem Turnbeutel auf der Schaukel nieder.

Er machte keinerlei Anstalten die Sitzfläche anzustoßen. Seine Füße ruhten bedächtig auf der Erde, während das Mädchen neben ihm peitschende Bahnen durch die Luft zog.

Noah schien davon wenig beeindruckt.

„Hey, Noah. Alles klar bei dir?“

Der Junge hob den Kopf und Henning lächelte ihm mit geschlossenem Mund zu. Seine Zähne waren schief und gelb, zwar noch die eigenen, aber er wusste, dass die Kinder sie nicht mochten.

„Alles gut.“

Seine Stimme klang rau und verschleimt. Der Junge schien es zu merken, er räusperte sich in die hohle Kinderhand. Henning fand, seine Stimme klang ungenutzt.

„Bist du sicher?“

Er beugte sich soweit nach vorne wie er konnte, ohne fürchten zu müssen, dass er vornüber kippte.

Der Junge sah ihn nicht an. Er nickte dem Boden zu.

Es folgte eine Pause.

Henning beobachtete die Mädchen dabei, wie sie ihre Hände tief in den Sand drückten. Mit schaufelnden Bewegungen hoben sie die feuchte Masse vom Grund der Grube und ließen sie auf die trockenen Körner niederregnen. In wiegenden Bewegungen zogen sie Schneisen um die eigenen Körper. Kräuselnde Wellen aus Sand unter aufgeschürften Kinderknien.

Henning lehnte sich etwas zurück und griff nach der Schüssel. An seinen Unterarmen zeigten sich rote Striemen, dort wo er sich auf dem Fensterrahmen aufgestützt hatte.

Die Mädchen waren aus dem Sandkasten geklettert und strichen mit der Hand ihre Kleider glatt. Es musste halb drei sein. Zeit für Mittagessen und Hausaufgaben.

„Wartet, ich habe noch was für euch.“

Wie bereits am Vormittag griff Henning mit der Linken in die Schüssel. Die Bonbons raschelten. Die Kinder stoppten in ihren Bewegungen und sahen zu ihm hinauf.

Henning holte aus und die Bonbons segelten in kleinen Kolonien auf den Spielplatz. Im Gleichtakt schlugen sie auf Asphalt und Gras auf, wirbelten um die eigene Achse. Einige wenige sprangen noch einmal in die Luft zurück und dozten über den Platz, bevor die Kinder sie ergriffen. Sie lachten. Vor allem die Mädchen. Und krallten ihre Finger um die kleinen, gelben Kugeln am Boden.

Es schien sie nicht zu stören, dass sich unter der Schokoladenhülle eine Minzfüllung verbarg. Gierig befreiten sie die Süßigkeiten aus ihrem Folienmantel und schoben sie sich zwischen die Zähne.

Jeder für sich auf der Suche nach mehr.

Nur Noah hatte sich nicht von der Schaukel entfernt. Er sah zu Henning. Sein Gesicht ausdruckslos. Die Lider leicht über die Augen gerutscht.

Henning wartete, bis die anderen Kinder ihre Taschen vom Boden klaubten, dann griff er nach dem einen Roten am Boden der Schüssel.

Die Uhr in der Küche ließ ein befremdlich schallendes Piepen hören. Halb drei. Auf die Minute.

Die Kinder winkten erneut, als sie den Spielplatz über einen kleinen, gepflasterten Pfad verließen. Die Schwestern verabschiedeten sich mit einem „Bis morgen!“ und reckten ihm die schokoladenverschmierten Gesichter entgegen.

Henning lächelte breit. So breit, dass sich seine obere Zahnreihe entblößte.

Dann wartete er und sah zu, wie Noah sich langsam von der Schaukel erhob. Er hatte keine Tasche. Er schaute gen Boden.

„Noah.“, er prüfte, ob der Junge ihn hörte. „ Ich hab was für dich.“

Und dann flog das einzelne, rote Bonbons an der Fassade entlang hinunter. Es verfing sich nicht in einem der Büsche, sondern landete direkt vor Noahs Füßen.

„Für dich. Nougat.“

Der Junge musterte das Bonbon, machte aber keine Anstalten es aufzuheben.

„Komm schon.“

Noah zögerte, dann kniete er sich ins Gras und schloss seine Hand um das kleine, runde Ding.

„Danke,“ sagte er und stopfte es in seine Hose.

„Willst du es nicht gleich essen?“

Noah schüttelte den Kopf.

„Ich hebe es mir auf. Bis morgen, Herr Lohmann.“

„Genau, Noah. Bis morgen.“

Henning lehnte sich zurück und sah den Jungen seine ersten, schlurfenden Schritte über das Gras machen. Dann schloss er ganz allmählich das Fenster. Ein letzter Luftzug drang zu ihm durch und Henning atmete ihn begierig ein.

Morgen würde er mehr Bonbons haben. Dann würden sie länger bleiben. Vielleicht bis um drei. Henning nahm sich vor, eine ganze Tüte mit den roten Bonbons zu besorgen. Nur für Noah.

Er konnte nicht sehen, wie der Junge die eingehüllte Schokolade aus der Tasche nahm und im Vorbeigehen in einen Mülleimer warf. Die kleine, rote Kugel hob sich deutlich vom Grau des Metalls ab.

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