Literatur-Nachrichten

Ich war wirklich noch sehr klein

Von Rouven HehlertMein Vater war schon da, als ich eintraf. Er wandte mir Rücken zu. Durch die Fenster fiel das Mittagslicht auf ihn und Staub tanzte über seinem Kopf wie ein Schwarm hungriger Mücken.

Ich berührte seine Schulter. „Hey“, sagte ich.

Er drehte sich zu mir. Die Furchen auf seiner Stirn erinnerten an zerknittertes Papier. Er roch nach dem gleichen Rasierwasser, das er schon benutzt hatte, als ich noch ein Kind war.

"Da bist du ja", sagte er. "Ich dachte schon, du kommst nicht mehr."

"Wieso das denn?"
"Weiß nicht. Hätte doch was dazwischen kommen können. Ein Termin oder so."

"Ich hab's dir versprochen."

Er nickte. "Ist gut, setz dich erstmal." Lächelnd nahm er meine Hand und drückte sie. "Ist ne Weile her, was?" Er zwinkerte, einmal, zweimal. Dann noch einmal.

"Ja", sagte ich.

"Siehst gut aus, Junge."

Für einen Moment stand sein Mund offen und ich sah die kleinen Raucherzähne, manche gelb wie Kerzenwachs. Dann sagte er: "Soll ich uns was holen? Was möchtest du?"

"Kaffee bitte."

"Immer noch schwarz?"

"Ja. Warte." Ich zog meinen Geldbeutel hervor und reichte ihm einen Zehneuroschein. "Hier."

"Nein", sagte er und schüttelte den Kopf. "Ich lad dich ein."

"Wie du meinst."

Er stapfte zum Tresen, behäbig, wie mein Vater sich schon immer bewegt hatte. Zugenommen hatte er, sein Bauch war aufgebläht und sein Haar schütter. Sein Altern überraschte mich immer wieder.

Von der Theke aus nickte er mir zu, bevor er mit zwei dampfenden Bechern zum Tisch zurückkehrte.

"Dann erzähl' mal", sagte er. Er sah mich an, als erwarte er eine überragende Neuigkeit.

"Ja, ich weiß nicht. Was interessiert dich denn?"

"Kommst viel rum, was?", fragte mein Vater.

„Schon.“ Ich nippte am Becher.

"Macht's denn Spaß bei der Firma?"

"Ist okay. Die zahlen wirklich gut."

"Das ist wichtig", sagte er. Und dann: "Wie war dein Flug?"

"In Ordnung. Etwas lang."

"Und bei dir?"

Er trank einen Schluck Kaffee. "Nicht viel. Eigentlich alles beim Alten." Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund.

Eine Weile saßen wir da und schwiegen.

Dann griff mein Vater in seine Gesäßtasche. "Guck mal," sagte er und holte einen ledernen Geldbeutel hervor. Er zog ein Foto heraus. "Hier."

Auf dem Bild war mein Vater zu sehen. Im Unterhemd saß er auf einem Sofa und hielt einen großen Papagei auf dem Arm, der stolz die gelbe Brust vorstreckte.

„Ein Papagei?“, fragte ich. „Deiner?“

"Ja. Hab ich mir zugelegt. Ist ein tolles Ding", sagte mein Vater. Mit beiden Händen hielt er den Kaffeebecher umklammert.

"Glaub ich gern. Hübsch ist er ja. Sag mal, hatten wir früher nicht auch so einen Vogel?"

Er neigte den Kopf, als wollte er seine Antwort abwägen.

"Kann schon sein. Ist lange her."

"Das war so ein kleiner, ein Nymphensittich, glaube ich."

"Hm." Sein Zeigefinger ließ den Plastikstiel im leeren Kaffeebecher kreisen.

"Nein, ein Wellensittich, das wars", sagte ich.

Mein Vater sah auf, als hätte ich etwas Ungeheuerliches ausgesprochen. "Ist das nicht dasselbe?"

"Glaub' nicht."

Er nickte.

"Ich kann mich auch nur dunkel erinnern. Der Käfig stand irgendwo im Wohnzimmer, oder? Neben diesem riesigen Schrank."

„So groß war der Schrank gar nicht.“

„Ja, aber daneben stand der Käfig. Ich bin mir ganz sicher.“

"Woran du dich erinnerst."

Plötzlich rutschte ihm der Pappbecher unter den Fingern weg, kippte um und ein kleiner Rest Kaffee tropfte auf den Tisch.

"So ein Mist", sagte mein Vater. "Zum Glück war der schon  leer." Er verzog die Mundwinkel nach unten.

"Der Vogel ist weggeflogen, oder?", fragte ich.

"Kann sein."

"Doch, ich hab's noch vor Augen. Wir haben das Küchenfenster aufgemacht, obwohl er nicht im Käfig war. Dann ist er einfach raus geflogen. Komisch, wie sowas manchmal passiert."

"Ja." Mein Vater ergriff den Pappbecher und stand abrupt auf. "Ich bring den mal weg."

Ich sah ihm zu, wie er zum Mülleimer am Eingang des Cafés stapfte und den Becher durch den Klappdeckel warf. Er drehte sich um und wies auf den Ausgang. Ich stand auf und ging zu ihm. Er sah auf seine Schuhe. "Ist es okay, wenn ich nicht mit zum Gleis komme? Bei den Treppen hab ich Probleme mit den Knien."

"Klar, das ist okay."

"Aber ein Stückchen kann ich ja noch mitkommen."

Wir verließen das Café und gingen nebeneinander in Richtung der Gleise. Ich verlangsamte meine Schritte, um meinem Vater nicht davonzulaufen. Er schnaufte bereits nach wenigen Metern.

"Mach's gut, Junge", sagte er, als wir die Treppe zum Gleis erreichten. Er packte meine Hand und schüttelte sie. "Pass auf dich auf.“ Mit der anderen klopfte er auf meine Schulter.

"Du auch", sagte ich. „Vielleicht kann ich nächste Woche kurz vorbeischauen.“

„Das wär schön.“

Als ich gehen wollte, hielt er meine Hand fest.

"Hör mal", sagte er. "Der Vogel, der ist nicht weggeflogen. Wir haben dir das so erzählt. Du warst ja noch sehr klein damals, weißt du?" Die Sätze klangen auswendig gelernt, als hätte er sie lange im Kopf zurechtlegen müssen, als hätte er die einzelnen Worte hin- und her verschoben, ohne eine passendere Anordnung zu finden.

"Aha", sagte ich.

Er räusperte sich. "Du kannst dich bestimmt nicht mehr daran erinnern. Du warst doch höchstens drei. Der Vogel saß oft auf dem Boden herum, wenn wir ihn aus dem Käfig gelassen haben. Manchmal hast du versucht, ihn zu fangen." Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als hätte er ein kleines Tier verschluckt. Ich warf einen Blick auf die Uhr.

"Einmal hockte er dicht am Türrahmen. Ich glaube, es war die Wohnzimmertür. Sicher bin ich mir aber nicht. Sie war nicht sehr weit geöffnet und du bist auf den Vogel zugetapst und irgendwie gestolpert. Auf jeden Fall bist du gegen die Tür geknallt. Deine Mutter saß auf dem Sofa, aber es war zu spät. Die Tür hat ihn zerdrückt. Später haben wir dann gesagt, er ist weggeflogen. Du hast ihn ja auf Fotos gesehen und gefragt, weißt du?"

Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Vielleicht habe ich gelächelt.

"Kann ich verstehen, dass ihr mir das nicht erzählt habt“, sagte ich dann. „Ich war wirklich noch sehr klein."

Mein Vater blickte mich an und schüttelte den Kopf. Seine Augen waren ruhig und traurig. Ich sah, wie einsam er war.

"Ist doch lange her", sagte ich. "Ich muss los. Ich melde mich."

Ich hob die Hand zum Abschied.

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