Literatur-Nachrichten

Karpfen blau

Von Utta Kaiser-PlessowNoch siebenundzwanzig Kilometer. Kathrin setzt den Blinker. An der Ausfahrt verlässt sie die Autobahn. Bald ist sie zu Hause. Nach - wie lange ist das jetzt her? - fast einem dreiviertel Jahr. Das ist länger, als sie beabsichtigt hatte. 

Aber der Abschluss des Semesters, die Klausuren und die Prüfung, das alles hat gedauert. Dann musste sie das Zimmer räumen und sich von den Freunden verabschieden.

Ein neuer Lebensabschnitt liegt vor ihr. Sie freut sich, die Eltern wiederzusehen. Für eine Übergangszeit wird sie bei ihnen wohnen, bis nach den Sommerferien in Freiburg ihre Referendarzeit am Gymnasium beginnt.  Ganz besonders freut sie sich darauf, Heinrich wiederzusehen. Ihren Heinrich, einen prächtigen wohlgenährten Karpfen mit glänzenden Schuppen. Kathrin liebt ihn. Vor dem Zubettgehen wird sie ihn heute Abend besuchen und eine Runde im See schwimmen. Warm genug ist es.

Zu ihrem zwölften Geburtstag hatte ihr Oma Anna einen Goldfisch geschenkt. Kathrin taufte ihn deshalb Anna. Tag und Nacht schwamm Anna unermüdlich in dem runden Glas herum. Kathrin meinte der Fisch sei traurig und fühle sich einsam. Auf dem alljährlichen Frühjahrsmarkt im Nachbarort, bei dem es fast alles zu kaufen gab, erstand sie für zwei Euro einen Fisch. Der sah fast so aus wie ihr Goldfisch. Allerdings etwas dunkler, mit grau schwarzem Rücken und goldfarbenen Seiten. Heinrich nannte sie ihn. Im Goldfischglas schwamm er mit Anna munter umeinander. Aber er wurde immer größer. Heinrich wuchs, fraß Anna das ganze Futter weg und beanspruchte viel zu viel Platz. Kathrin packte Heinrich daher in einen Eimer und fuhr mit dem Rad zum Altwassersee. Der Fluss macht an dieser Stelle eine Biegung. Durch die Kanalisierung ist ein Seitenarm abgetrennt, der nur bei Hochwasser noch mit dem Fluss verbunden ist. Die übrige Zeit des Jahres bildet er einen stillen grünglänzenden See, ein Paradies für allerlei Getier. Lang und schwer hängen die Äste der Weiden bis hinab auf das Wasser. Selbst an heißen Sommertagen ist es hier schattig und kühl. Von Kind an ist es Kathrins Lieblingsplatz zum Lesen, Baden und Träumen. Dorthin brachte sie den Eimer und hielt  ihn ins Wasser.

„So Heinrich, jetzt bist du frei, hast viel Platz und kannst herumschwimmen wie du willst. Pass nur auf, dass dich der Fischreiher nicht erwischt. Ich werde dich auch oft besuchen.“

Der Fisch sah sie mit runden blanken Augen an, so als ob er jedes Wort verstünde. Dann drehte er sich einmal um sich selbst, wedelte mit den Flossen und verschwand im goldgrünen Dämmer.

Kathrin hielt ihr Versprechen. Sie ging oft zum See. Immer wenn sie ‚Heinrich’ rief, kam der Fisch angeschwommen. Manchmal streckte er den Kopf aus dem Wasser, öffnete das Maul und machte glucksende Schnappgeräusche. Sie wusste inzwischen, er war kein Goldfisch sondern ein Karpfen. Wenn Kathrin ihm kleingeschnittene Schinkenstückchen mitbrachte, fraß er ihr die sogar aus der Hand. Konnte ein Fisch zahm sein? Wahrscheinlich doch, Heinrich war der Beweis. Wenn sie im See badete schwamm er neben, über und unter ihr, glitschte an Armen, Beinen und am Bauch entlang. Die ersten Male empfand sie es als eher unangenehm. Aber mit der Zeit gewöhnte sie sich an die Berührung mit der kühlen Fischhaut. Ja, sie mochte es sogar. Sie verspürte  dann ein leichtes Schauern. Sie dachte an das Märchen vom Fischer und seiner Frau, das vom goldenen Fisch und die Geschichte vom Knaben auf dem Delphin. Ihr fiel auch der  Froschkönig ein. Sie stellte sich vor, der Fisch wäre  in Wirklichkeit ein verzauberter Prinz, den sie erlösen musste. Aber wie das gehen sollte wusste sie nicht. Sie konnte den Karpfen schlecht küssen oder gegen eine Wand werfen. Denn Anfassen ging nicht, sie hatte es schon versucht, er rutschte ihr immer wieder weg. Eines Tages verlor sie beim Schwimmen ihr Bikini-Oberteil. Da knabberte Heinrich auf einmal an ihren Brustwarzen. Erst war sie erschrocken, empfand es als ungewöhnlich aber nicht unangenehm. Danach gewöhnte sie sich an, nackt zu schwimmen. Sie hatte den Eindruck, Heinrich spielte mit ihr. Er umkreiste sie, stupste, knabberte und weidete ihren Körper auf und ab. Kleine Stromstöße durchzuckten sie dabei, ein wohliges Kribbeln. Sie genoss dieses Gefühl und war sich sicher, dass Heinrich sie liebte, so, wie sie ihn auch liebte. Daran änderte auch ein Bericht über  Kangalfische nichts, den sie  beim Zahnarzt in einer Illustrierten las. Diese karpfenähnlichen Fische leben in der südlichen Türkei, in der Region Kangal. Die Gewässer sind nährstoffarm und ohne Plankton. Bei Menschen, die an Schuppenflechte oder anderen Hautkrankheiten leiden, knabbern sie die kranken Hautstellen ab. Auf diese Weise versorgen sie  sich mit Eiweiß. Für Heinrich konnte das keine Rolle spielen. Kathrins Haut war glatt wie die eines Babys. Es gab keine Hautschuppen, um Heinrichs Eiweißbedarf zu decken. Außerdem bot der Altwassersee eine üppige Vegetation mit ausreichender Population an Larven und Insekten. Nein es war Liebe, unzweifelhaft Liebe.

Da ist schon das Ortseingangsschild. Kathrin verringert die Geschwindigkeit und umfährt die Hauptstrasse. Unweit des Ortsendes, etwas zurückgesetzt, liegt hinter den Alleebäumen ihr Elternhaus. Kathrin biegt in die Einfahrt. Noch ehe sie  den Motor abgestellt hat öffnet sich die Eingangstür und ihre Mutter, gefolgt vom Vater, kommt herausgelaufen.

 „Hallo Kathrin, wie schön dass du da bist. Und ganz, ganz herzlich gratulieren wir zum bestandenen Examen.“ 

Hinter den Eltern kommen Patentante Helene und ihr Mann, Onkel  Hans, der Bruder ihres Vaters, zum Vorschein. Alle nehmen Kathrin in den Arm, gratulieren ihr und reden durcheinander. Zu Hause. Es ist wie immer.

„So, lasst uns erst mal Kaffee trinken“, sagt die Mutter.

„Ich habe im Garten gedeckt, der Käsekuchen ist noch handwarm. Deine Sachen kannst du später auspacken, da läuft nichts weg.“

Kathrin genießt es, gemütlich bei Kaffee und Kuchen zusammenzusitzen. Aber beim dritten Stück Käsekuchen streikt sie.

„Völlig richtig“, sagt Onkel Hans. „Lass dir noch Platz für heute Abend.“

„Was gibt es denn?“ fragt Kathrin.

Die Mutter lächelt geheimnisvoll.

„Etwas ganz Besonderes. Ein Festmenü extra für dich, von Hans zubereitet, lass dich überraschen.“

„Da bin ich aber gespannt. Nach all dem Mensa Fraß und viel McDonald`s mal was Richtiges.“

Kathrin freut sich. Ihr Onkel ist ein talentierter und begeisterter Hobby Koch. Schon oft hat er die Familie verwöhnt.

Kathrin packt aus und verstaut alles in ihrem ehemaligen Kinderzimmer. Vor dem Duschen kramt sie noch etwas in alten Sachen. Auf dem Regal die üblichen Jungmädchenbücher , alle Bände Harry Potter, ein Zoologiebuch und ein Bildband über Fische. Als sie ihn durchblättert fallen Fotos heraus, die sie selbst von Heinrich gemacht, oder besser versucht hat zu machen. Es ist Geäst zu sehen, kräuseliges Wasser und bei genauem Hinschauen der Schatten eines Fischkörpers. Auf einem einzigen Foto hat sie ihn ganz gut erwischt. Darauf ist ein Stück vom  Kopf zu sehen. Das kreisrunde Auge mit der großen blauschwarzen Iris - nennt man das beim Fisch auch so? - und dem gelblichen Ring darum herum, der Bart und der Ansatz der Brustflosse.

 

Frisch geduscht mit weißer Bluse und sauberer Jeans betritt Kathrin das Wohnzimmer. Der Tisch ist festlich gedeckt, Kerzen, schimmerndes Silber und das gute Maria Weiß Porzellan von Rosenthal.

„Erst einmal trinken wir ein Glas Prosecco auf deinen Erfolg“, sagt der Vater und alle prosten ihr zu. Die Mutter bringt die Suppe. Klare Brühe mit reichlich Wurzelgemüse, dazu warmes Baguette. Im Schein der Kerzen sieht Kathrin gerührt in die Gesichter ihrer Lieben. Wie sie sich freuen, und was sie sich  für Mühe gemacht haben. Alles für sie. Es ist doch schön, Familie zu haben. Und nun der Clou. Die Tür öffnet sich zu Onkel Hans großem Auftritt. In beiden Händen hält er eine große Platte und stellt sie mitten auf den Tisch. Auf einem Bett aus Lauchgemüse, umkränzt mit Petersilie und Zitronenscheiben, prangt ein Fisch.

„Hier dein Leibgericht, Karpfen blau.“

Kathrin wird unruhig. Onkel Hans beträufelt den Fisch mit flüssiger Butter und macht sich daran, ihn zu zerteilen.

„Sieht er nicht prächtig aus? Ich habe ihn eigenhändig aus dem Altwassersee gefangen“, sagt er stolz. „Drei Tage schwamm er dann in der Badewanne mit frischem Wasser um den Geschmack zu verbessern. Frischeren Fisch kann es nicht geben.“

Kathrin ist entsetzt, gerät in Panik. Starrt in das blinde tote Auge, auf den gekochten Leib.

„Heinrich“ schreit sie, „Heinrich.“

Tränen stürzen ihr aus den Augen, vermischen sich mit der Buttersoße, tropfen auf die Salzkartoffeln. Heinrich, oh Gott, sie haben ihn gemordet, vielleicht hat er noch gelebt als ich angekommen bin. Statt ihn zu retten habe ich im Garten Kaffee getrunken und Käsekuchen gegessen.

„Ach Heinrich, mein Heinrich.“

Sie schluchzt hemmungslos und schlägt die Hände vors Gesicht.

 Es  kracht heftig. Das kommt von draußen. Der Vater stürzt hinaus. Nach einiger Zeit kommt er mit einem jungen Mann zurück, der bleich und zitternd in den Sessel sinkt. Der Vater bringt ihm einen Kognak und legt ihm die Hand auf die Schulter.

„Trinken Sie erst einmal und beruhigen Sie sich.“

Zur Familie gewandt sagt er,  „es war ein Unfall. Der junge Mann ist gegen einen Baum gefahren. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt.“ 

„Mir geht es schon viel besser. Ich danke Ihnen. Darf ich mich vorstellen, Heinrich, Stefan Heinrich.“

Kathrin zuckt zusammen.

1 Kommentar/e

1. irmgard 07.11.2012 09:48h 
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Gefällt mir!!! Irmgard

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