Literatur-Nachrichten

Fünfzehn

Von Ivonne KellerFünfzehn ist doch viel zu jung, hat sie gesagt. Viel zu jung für was, hab ich gefragt. Für die Sachen, die ihr vorhabt, hat sie gemeint. Was haben wir denn deiner Meinung nach vor, hab ich gefragt, und da hat sie mit ihrer Hand über die Tischplatte gewischt, wie so eine Fernsehmutti, von der Sorte mit Pferdeschwanz, die so super locker drauf sind und so tun, als hätten sie alles im Griff.

Mit so einem schräg von unten nach oben Blick hat sie mich angeguckt, als wären wir sowas wie Freundinnen und am liebsten hätte ich ihr auf ihre doofe Tischplatte drauf gespuckt, damit sie endlich was zu wischen hat. Sie kann mich mal mit ihrem mein Wille geschehe, ich weiß was gut für dich ist. Gar nichts weiß sie von mir. Wie sie mir auf den Geist geht mit ihrem Geschwätz, wenn ich aus der Schule komme, mit diesem wie war dein Tag, willst du einen Kakao, Annika, als wär ich fünf und mein größter Traum wäre es, mit meiner Mutter Plätzchen zu knabbern und zu plaudern. Ich will endlich meine Ruhe, verdammt. Endlich machen können was ich will. Heimkommen, was zu Essen nehmen, Tür zu, Facebook on, skypen, was weiß ich. Meine Freiheit eben. Ob das wohl so gut wäre, so viel am PC zu sitzen, fragt sie mindestens einmal pro Woche. Steht mit verschränkten Armen in meiner Tür, auf den Lippen den nächsten Auftrag. Früher hätten sie telefoniert. Ob diese ganze Technik nicht zu viel Raum in unserem Leben einnähme. Computer und Fernsehen gleichzeitig, das wäre doch nicht gut für die Synapsen. Da sollten wir doch mal ernsthaft drüber nachdenken. Immer dieses Scheiß Gelaber von allen, ohne Vokabeln üben lernst du keine Sprache, Du musst doch mal ordentliche Hefte führen, was soll denn aus dir werden mit einem schlechten Abi. Früher war alles besser, wo sie nicht so viel Ablenkung hatten. Da hat man sich zu Lerngruppen verabredet. Verdammte Scheiße, ich hab keinen Bock, mir das dauernd anzuhören.

Sag nicht dauernd verdammt hat sie gesagt, nicht in diesem Haus.

In diesem Haus sagt ihr andauernd verdammt, du und Papa, hab ich gesagt, und das ist noch lange nicht das Schlimmste, was ist mit Du Arsch und Du Wichser, wie kannst du mir das antun, und dem ganzen Zeug, das du letztens geschrien hast, hab ich gesagt. Da ist sie aber blass geworden. Blass wie ein Ziegenkäse und geflüstert hat sie, dass ich jetzt nicht Sachen gegen sie verwenden sollte, die echt wehtäten und dass das jetzt echt fies von mir wäre. Dass wir im Moment überhaupt gar nicht von ihr und Papa reden würden, sondern von mir und davon, dass ich mit diesem Benni nach Amsterdam fahren wollte. Diesem Benni, hat sie gesagt, hat so getan, als würde sie dich gar nicht kennen, dabei hab ich ihr schon tausendmal gesagt, dass du mein Freund bist. Müsste sie doch froh sein, dass du schon achtzehn bist und ein eigenes Auto hast. Aber für das Argument hatte sie gar kein Ohr, die Luft bei ihr war erst mal raus, wie aus einer löchrigen Luftmatratze, als sie gemerkt hat, dass ich Bescheid weiß über Papa und Marlene. Hat sich was mit bester Freundin. Braucht sie keinem für Leid zu tun. Ich tu ihr ja auch nicht leid, wenn’s mir schlecht geht. Ich hab ihr gesagt, dass du schon voll oft hier in Amsterdam warst und dich  total gut auskennst, aber sie tut so, als wär ich noch ihr kleines Baby und du sowas wie der böse Wolf. Sie meint es doch nur gut mit mir, hat sie mit ihrer piepsigen Stimme gesagt, die sie immer kriegt, wenn sie merkt, dass sie mit Argumenten nicht weiterkommt. Sie hätte da so ein paar Sachen über dich gehört und darüber, was du ständig in Amsterdam treibst. Sieht man’s mal wieder, immer geht’s drum, was die Leute reden. Von wegen, sie meint es gut mit mir. Hat sie mich mal gefragt, wie’s mir geht? Nein, Befehle und Verbote erteilen, das versteht sie drunter. Weiß alles besser, weil sie mehr Erfahrung hat. Und wenn sie mir so kommt, da kann sie echt nicht erwarten, dass ich ihr vertraue. Dass ich ihr einfach so erzähle, was wir wirklich hier wollen. Warum mir immer schlecht war in letzter Zeit. Hätte sie eigentlich selbst drauf kommen können, aber ihr geht’s immer nur um die Schule. Als ob ich schwänzen wollte, wenn mir morgens so schlecht ist, dass ich echt nicht aufstehen kann. Sie hat sich’s sowas von verschissen bei mir, immer nur räum dein Zimmer auf und mach deine Hausaufgaben und lern deine Vokabeln und mach das Katzenklo sauber und spül richtig ab und dusch nicht so viel und föhn dich nicht so lang und mach den Fernseher aus und mach den Computer zu und mach das Licht aus und pass auf deine Schwester auf. Ist doch ihr Kind, verdammt. Ständig muss ich auf Lena aufpassen, nur weil ich zufällig auch da wohne und Mama zu faul ist, sie mit zum einkaufen zu nehmen und weil sie meint, es wäre jetzt mal Zeit, was zurückzugeben. Wofür denn, hab ich gefragt, wofür denn bitteschön, war doch deine Entscheidung, mich in die Welt zu setzen, hab ich dich nicht drum gebeten. Und dann hab ich gedacht,  sie setzt wieder diese traurig bedrückte Miene auf, dieses gekränkte Gesicht, wo dann alles so absackt, die Backen hängen runter, dann sieht sie fast aus wie die Merkel, so alt und abgewohnt, wie eine Bruchbude und ich wunder mich nicht, wenn Papa sich auch mal woanders umsieht, ganz ehrlich, aber sie hat nicht so geguckt, im Gegenteil, fast hat sie die Zähne gebleckt, und dann hat sie ihren Arsch vom Stuhl gehoben und ausgeholt und mir eine geknallt, mit einer Wucht, die mich fast vom Stuhl gehauen hat.

Mein Ohr tut mir immer noch weh.

Weißt du, Benni.

Ich muss unbedingt noch mal raus hier.

Telefonieren.

 

 

1 Kommentar/e

1. carmen 29.09.2012 19:09h 
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Der Jugendkult lässt uns halt ums Verrecken keine Ruhe wie es scheint. Wenn er schon nicht in Bildern zelebriert werden kann, dann halt auf sprachlicher Ebene.
Aber ja, so sind Fünfzehnjährige halt!
Manchmal war ich mir nicht sicher wer hier spricht. War es dich Tochter - oder die Mutter.

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