Literatur-Nachrichten

Kontrollverlust

Von Evelyn LeipIch darf nicht aus der Rolle fallen. Nicht die Kontrolle verlieren. Sie dürfen keinen Verdacht schöpfen. Ich muss dem Bild entsprechen, das sie erwarten. Vorsichtig sein. Ihre Signale aufnehmen und meine Reaktionen genau ausbalancieren. 

Ich soll mich öffnen, das gehört zur Therapie. Wenn ich mich darauf einlasse, wird es mir schaden. Werde ich mir schaden. Das Rezept heißt nicht öffnen, sondern unter Verschluss halten. Mein Wissen, meine Befürchtungen, mein Ziel.

Ich muss mich konzentrieren. Ohne Pause. Den Anschein erwecken, als öffnete ich mich. Aber auch, als falle es mir schwer. Es fällt mir schwer. Es fordert viel Kraft, Konzentration, Disziplin.

Wenn es nicht so mühsam wäre, könnte es mir hier gefallen. Die Ruhe tut gut. Manchmal, wenn ich im Park spazieren gehe, vergesse ich fast, dass ich nicht freiwillig hier bin. Das heißt, ich habe der Behandlung schon zugestimmt. Ich könnte gehen. Dies ist keine geschlossene Abteilung. Dennoch ist freiwillig das falsche Wort. Ich hatte keine Wahl.

Am Anfang wollte ich alles aufklären. Ich habe mit den Ärzten gesprochen. Sie hörten mir freundlich zu. Alle hier sind freundlich. Höflich. Geduldig. Niemand ging auf meine Erklärungen ein. Inzwischen habe ich begriffen, dass mir keiner helfen wird. Ich kann mir nur selbst helfen. Und das wird mir nur gelingen, wenn ich meine Rolle perfekt spiele.

Wenn die anderen trainieren loszulassen, trainiere ich, mich nicht aufzugeben. Ich soll lernen, mit dem Denken aufzuhören, aber ich darf in meiner Konzentration nicht nachlassen.

Keiner soll wissen, dass dieser Ort mein Versteck ist. Hier bin ich sicher. Solange ich mich einfüge. Ich habe Psychologie studiert, ich weiß, wie man sich verhalten muss, damit ein bestimmter Eindruck entsteht. Es macht mir keinen Spaß zu lügen, es ist notwendig.

Seit Jahren spüre ich, wie mein Leben aus dem Gleichgewicht gerät. Ich vermutete, mein Mann interessierte sich nicht mehr für mich. Erst in den letzten Monaten wurde mir klar, dass ich falsch lag. Ich bin ihm nicht gleichgültig, ich stehe ihm im Weg.

Am Anfang wollte ich noch etwas retten. Ich schlug eine Eheberatung vor. Er antwortete, die einzige, die eine Therapie brauchte, wäre ich.

Jetzt bin ich hier. Um mich herum Menschen mit psychischen Problemen. Dass mir hier nicht geholfen werden kann, darf keiner merken. Wenn er mich nach Hause holt, bin ich ihm ausgeliefert. Es wundert mich, dass er mich hierher gebracht hat. Er hat behauptet, er mache sich Sorgen. Ich denke, er hoffte, mich aus dem Weg zu haben.

Er hat mich unterschätzt. Mir nicht zugetraut, seine Pläne zu durchschauen. Er braucht meine Unterschrift. Er möchte, dass ich eine Vollmacht unterschreibe, ich weigere mich. Das geht. Solange ich mitspiele. Obwohl die Ärzte der Ansicht sind, dass es gut für mich wäre, Verantwortung abzugeben. Noch kann mich keiner zwingen.

Ich bin froh, dass ich hier bin. In den letzten Monaten schmeckte mein Kaffee seltsam. Einmal vertauschte ich unsere Tassen, da hatte er den ganzen Tag Kopfschmerzen. Zufall? An diesem Tag entschied ich mich, in die Klinik zu gehen. Freiwillig. Sozusagen.

Früher habe ich ihn geliebt. Irgendwann hat er sich verändert. Ich wollte es zuerst nicht glauben. Dann begann ich, ihn zu beobachten. Ich sah ihn mit anderen Augen. Ich durchsuchte seine Taschen. Ich habe Psychologie studiert, ich sehe, wenn ein Mensch sich verändert.

Dass ich mein Studium nicht abschloss, lag nicht an mangelnder Eignung. Ich wurde gebraucht. Als meine Mutter starb, brauchte meine Vater meine Hilfe. Dass ich krank wurde, hatte nichts mit meiner Psyche zu tun. Mein Mann stellt das völlig falsch dar. Ich habe ihm vertraut. Ich habe ihm Dinge über mich anvertraut. Das gehört zu einer Beziehung. Dass ich damals überfordert war und zu Medikamenten griff, um weiter meiner Verantwortung gerecht werden zu können, nutzt er nun aus. Ich bin nicht labil, im Gegenteil. Ich bin auch nicht abhängig von Tabletten, und ich brauche niemanden, der mich kontrolliert, indem er vorgibt, mir helfen zu wollen.

Als mein Vater starb, übernahmen wir gemeinsam die Firma. Mein Mann erbte ein paar Anteile, die Kontrolle liegt bei mir. Ich wollte die Firma modernisieren. Ich hatte Pläne. Mein Mann bremste. Als mein Vater noch lebte, war er ein guter Mitarbeiter, jetzt wurde er zu einem Hindernis.

Nach einer Weile warf er mir vor, ich hätte mich verändert. Das stimmte nicht. Ich trug Verantwortung und ich trug schwer an ihr. Er veränderte sich. Bis er so den Sinn für die Realität verlor, dass er mich in diese Klinik brachte.

Er besucht mich jeden Tag. Er kommt, um mich nach Hause zu holen. Auch wenn er das nicht sagt. Er versucht die Ärzte zu überzeugen, dass mir nichts fehlt, aber damit kommt er nicht durch. Er hat gedacht, wenn ich hier bin, kann er in der Firma machen, was er will.

Er leidet unter Kontrollzwang. Ich kenne die Symptome. Es ist nicht selten, dass jemand, der ein psychisches Problem hat, dieses Problem auf Angehörige projiziert. Er hat meinen Zusammenbruch ganz subtil herbeigeführt.

Ich verhalte mich so, dass man nicht merken kann, dass mir nichts fehlt. Ich spiele ihr Spiel mit und sie wissen nicht, dass ich die Regeln mache.

Er hat die Leitung der Firma übernommen, noch braucht er meine Unterschrift, wenn er etwas verändern will. Ich möchte nicht nach Hause. Ich habe Angst, dass er mir etwas antut. Er sagt mir, dass wir so nicht weitermachen können, dass ich mit meinen Manövern die Firma in den Ruin treibe. Das stimmt nicht. Mit mir wird die Firma besser, größer. Das gefällt ihm nicht. Er will die Kontrolle übernehmen und dabei bin ich ihm im Weg.

Die letzten Monate waren anstrengend. Ich brauchte meine Konzentration am Tag, meinen Schlaf bei Nacht. Dass ich dafür zu Medikamenten griff, kann mir keiner übel nehmen. Als mein Arzt mir nichts mehr verschreiben wollte, half ich mir mit Kaffee und Alkohol. Ich hatte das immer unter Kontrolle. Schließlich trage ich die Verantwortung für viele hundert Mitarbeiter. Verantwortung verpflichtet.

Mein Mann hat mich gebeten, meinen Tablettenkonsum einzuschränken. Auch mein Glas Wein am Abend hat ihn gestört. Ich habe das naiv als Sorge um meine Gesundheit gesehen. Bis ich merkte, welch perfiden Plan er verfolgte. Er begann mich auszuspionieren, er suchte nach Möglichkeiten, mich aus der Geschäftsleitung zu drängen.

Natürlich habe ich Angst. Natürlich schlafe ich schlecht. Natürlich bin ich nervös und zucke manchmal scheinbar grundlos zusammen. Ich muss mich schützen. Ich muss meine Mitarbeiter schützen.

Er streute Informationen in der Firma aus. Über meinen Alkoholkonsum, meine mangelnde Belastbarkeit, die psychologische Behandlung, in die ich mich begeben hatte, weil ich Hilfe bei der Bewältigung unserer Eheprobleme suchte. Probleme, an denen er Schuld war.

Ich mache eine Verhaltenstherapie. Ich soll lernen, meinen Verfolgungswahn abzulegen, Situationen realistisch einzuschätzen.

Ich bin die einzige, die die Realität sieht. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ärzte von meinem Mann bezahlt oder anderweitig manipuliert werden, oder ob sie einfach falsch in ihren Einschätzungen liegen. Auch Ärzte machen Fehler, auch Psychologen können belogen werden. Sie glauben mir nicht, weil es so unglaublich ist. Sie sehen diesen Juristen in seinem feinen Anzug, sie hören seine ruhige Stimme, sie fallen auf ihn herein. Ich kann ihnen das nicht einmal übel nehmen, auch ich habe viele Jahre gebraucht, um hinter seine Fassade zu blicken.

Die Behandlungen halten mich von der Arbeit ab. Ich muss mich um die Firma kümmern. Ich sitze in Gesprächsrunden und versuche mich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Ich muss soweit mitspielen, dass die Therapeuten keinen Verdacht schöpfen.

Am Anfang war es leicht. Ich konnte nervöser sein, als ich war, und dann Schritt für Schritt Besserung vorspielen. Inzwischen ist es schwer geworden. Manchmal muss ich mich sehr zusammenreißen. Aber ich lerne.

Meinen Mann hätte ich mir allerdings besser aussuchen müssen. Dass seine freundliche Art gespielt war, dass er in Wirklichkeit ein Kontrollfreak ist, der niemanden neben sich duldet, wurde mir viel zu spät klar.

Als ich ihn kennen lernte, hat er mir mit seiner ruhigen Art imponiert. Ich glaubte, ich könnte ihm vertrauen. Vielleicht habe ich im Studium nicht genug aufgepasst.

Nachdem mein Vater starb, fing er an, sein wahres Gesicht zu zeigen. Ich wollte die Firma umformen, ich wollte sie modernisieren, er hat nur blockiert. Warnen müsse er mich, hat er gesagt, zurückhalten, um Schaden von der Firma abzuwenden.

Sie erlauben mir nicht, meinen Computer zu benutzen, aber ich habe Papier und Stifte. Wenn ich mitarbeite, bekomme ich vielleicht meinen Computer zurück.

Ich sollte mit meinem Anwalt sprechen. Ich wollte einen Termin ausmachen, aber ich habe Angst, dass mir das als Schwäche ausgelegt wird. Ich werde darüber nachdenken. Nachher, wenn wir kreatives Werken haben um zu lernen uns zu entspannen. Ich werde ein wenig malen, dabei werde ich mir eine Strategie zurechtlegen. Eine Strategie, wie ich es schaffe, den Intrigen meines Mannes gegenzusteuern. Ich bin gut im strategischen Planen.

Man hat mir etwas zu Essen gebracht. Ich soll heute allein auf meinem Zimmer essen. Gestern Abend hatte ich eine Diskussion mit einigen Mitpatienten. Sie haben mich beobachtet und ich glaube, sie sind gar keine Patienten. Ich habe sie darauf angesprochen. Jetzt muss ich allein essen. Das ist gut. Dann kann ich besser kontrollieren, ob mit dem Essen alles in Ordnung ist.

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