Literatur-Nachrichten

Freitags

Von Jan LohDarf ich?“ „Klar.“ „Da war irgendwas ganz Besonderes in der Soße!“ „Kreuzkümmel“, sagte ich. 

Laura nahm meinen Teller in beide Hände, als hielte sie ein Buch. Für einen Moment schien sie in den Soßenspuren zu lesen, die von den braun glänzenden Tropfen hinterlassen wurden.
Sie wusch das Porzellan mit der Zunge blank, lehnte sich zurück, schmatzte hörbar dem Kreuzkümmel nach.
„Schmeckt bisschen so, wie Schweiß riecht.“ Ihr Lachen krachte heraus, wie so oft, wenn sie an meinem Gesichtsausdruck ablesen konnte, dass ihre Worte mich irritiert hatten.
„Wir passen gut zusammen“, sagte sie. „Ich esse gerne und du kochst gerne, das passt. Und guck, wie gut wir hier zusammenpassen.“ Laura stand auf, legte ihren Kopf in die Kuhle zwischen meiner Schulter und meinem Schlüsselbein. „Siehst du, passt ganz genau!“

Laura hatte mich entdeckt. Als ich einen Döner aß; hektisch kauend, den Blick in künftigen Tagen.
Sie nickte mir zu, holte mich zurück in die Gegenwart.
Ich fragte mich, was ihrem Blick die Kraft gab. Wie sie dastand, mit ihren roten Haaren, als hätte sie überhaupt keine Augenbrauen und keine Wimpern. Sie versenkte ihr bleiches Gesicht in einem Berg aus Fleisch und Salat, verdrehte die Augäpfel, nickte, Wangen und Lippen mit Soße beschmiert.
So sah ich Laura zum ersten Mal, schmatzend und mit Knoblauchjoghurt in den Mundwinkeln.
Ich hatte sofort diesen Verdacht, als läge ein Geheimnis hinter ihrer Schlichtheit. Ich konnte es nicht in Worte fassen, aber vom ersten Augenblick hab ich sie erkannt.
Erst nach dem letzten Bissen wischte sie die Soße von ihrem Gesicht. Ich glaube, da war es schon passiert mit mir.
„Das ist der beste Döner, ich komme jeden Freitag.“ Das waren ihre ersten Worte.
Am nächsten Freitag folgte ich dem Gefühl in meinem Bauch, einem Gemisch aus Hunger und Aufregung. Ich traf Laura vor dem Drehspieß, bestellte einen Dönerteller mit Pommes, trotz des Fettes, trotz der schlechten Kohlenhydrate und ich glaube, ich wollte Laura schon damals etwas Neues zeigen, wie den Kreuzkümmel später.
„Kann ich die?“ Sie zeigte auf die restlichen Pommes. Das war das erste Mal, dass sie meinen Teller ableckte. Da kannten wir uns noch gar nicht. Man leckt doch keine fremden Teller ab, Laura, damit bricht man Herzen.

Wir gingen in meine Wohnung, einige Freitage später. Laura durchstreifte die Räume, roch an den Zimmerpflanzen, schrappte mit den Fingerspitzen über Buchrücken, besah die Hüllen meiner Schallplatten, formte dabei stumme Worte.

„Das ist gemütlich hier“, sagte sie und rollte sich in der Ecke meiner Couch zusammen wie ein vollgefressener Kater.
Ich glaube, Laura schlief noch während meiner Antwort ein. Für eine Person sei die Wohnung okay, aber die Küche zu klein. „Ich koche nämlich gerne“, sagte ich.
Weil sie nicht antwortete, betrachtete ich ihr Gesicht. Laura hatte ihren Kopf auf die Arme gebettet, die Beine an den Oberkörper gezogen, lag da in ihrem Kartoffelsackpulli, als hätte sie noch nie in einen Spiegel gesehen.
Ich fühlte mich gut, als ich ihr damals beim Schlafen zusah. Aber vielleicht ging es ja bloß um mich, und ich wollte ihr Held sein, von ihr bewundert werden, mich selbst zum Strahlen bringen neben ihren Schwächen.
Ist das nicht egal, weil ich für Laura wirklich nur Gutes wollte, ist es da nicht egal, aus welchem Grund?


„Ich bin traurig“, hat sie gesagt, so hat sie angefangen, „ich bin traurig.“
„Was ist denn los?“
„Meine Gefühle sind anders, ich bin traurig, wenn ich dich sehe.“
„Wenn du mich siehst? Warum denn?“
„Ich weiß nicht. Ich bin traurig, wenn ich dich sehe und ich bin traurig, dass das so ist.“
„Laura, du singst gerne und ich liebe Musik. Das passt doch ganz ausgezeichnet“, sagte ich.
Dabei sang Laura furchtbar schief.
„Aber ich will nicht dauernd traurig sein.“
„Das kann doch nächste Woche schon wieder anders aussehen, Laura. Das ist doch ganz normal, dass man auch mal traurig ist. Weißt du überhaupt, wie weh mir das tut, wenn du so was sagst?“
„Mir tut das auch weh, wenn ich das sage, aber ich muss es doch sagen.“
„Was denkst du dir nur dabei?“
„Ich weiß nicht.“
Natürlich wusste Laura das nicht. Laura dachte, das sei eine ganz einfache Sache; ihre Gefühle waren anders.
Sie war keine große Denkerin, konnte kaum lesen, bloß Gesichter und Soßenspuren. Und schreiben schon gar nicht.
„Aber eins musst du wissen, Laura, eins sag ich dir: Du kannst jetzt nicht einfach alles beenden, das machst du mit mir nicht.“
„Vielleicht ist es nächste Woche wieder besser. Dann ist es jetzt gar nicht beendet“, sagte Laura, „das hast du selbst gesagt.“
Der Kreuzkümmel, die Küsse, dass ich mit ihr geschlafen habe, das war gut gemeint. Ich wollte ihr alles zeigen, wollte ihr helfen. Jetzt schaute ich in ihre dummen, tiefen, ehrlichen Augen, die in der Sonne glänzten wie grüne Götterspeise und fühlte mich hilflos und hungrig und ausgetrocknet im Hals.
„Ja, vielleicht. Aber vielleicht hast du auch mit deinem kopflosen Geplapper gerade alles zu Scheiße verwandelt, Laura.“
„Du hast gesagt, dass ich bitte immer ganz ehrlich sein soll“, sagte sie und das stimmte, das hatte ich gesagt.           

Es ist Freitag. Ich stehe in der Küche, hab mir Rühreier gemacht, ganz ohne Schnick Schnack, mit Pfeffer und Salz. Dazu Bauernbrot mit Butter.
Ich bin allein, denke, dass es ungerecht ist, weil ich vieles auf mich genommen habe für Laura. Am Anfang, als Laura und ich gerade frisch zusammen waren, hat mein Kumpel Jan mal gefragt, weil er dachte, Laura sei bloß ein verrücktes Experiment oder so was, da sagte er: „Was hast du eigentlich ständig mit dieser Behinderten zu schaffen?“ Da hab ich ihm gesagt, dass er sich verpissen soll. „Sie ist nicht behindert“, hab ich ihm gesagt. Er hat sich nicht mehr gemeldet seitdem.
Wie der Minuspol eines Magneten zieht Laura die positiven Menschen an. Die negativen fühlen sich von ihr abgestoßen, oder sie stößt sie ab, das kommt darauf an.

Lauras Traurigkeit sei geblieben, sagt sie. Sie sei immer noch traurig, wenn sie mich sehe. Ich war auch traurig, als ich sie wiedergesehen hab, letzten Freitag in der Dönerbude. Deshalb haben wir beschlossen, uns erstmal aus dem Weg zu gehen. Das ist besser so, bringt ja nichts, denke ich, das hat man jetzt davon, denke ich, und schlage meine Zähne ins Butterbrot.

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