Romane
04.09.2012Porträt Martin Suter
Bestsellerautor und Freizeitbauer
Wer hatte nicht schon einmal den Wunsch, die Zeit zurückzudrehen, um Geschehenes ungeschehen machen zu können? Was würde Peter Taler – Held in Martin Suters neuem Roman „Die Zeit, die Zeit“ – darum geben, jenen Tag noch einmal erleben zu dürfen, als seine Frau Laura draußen vor der Tür stand und Sturm läutete, weil sie wieder einmal den Schlüssel vergessen hatte. Zur Strafe lässt Taler sie warten, bevor er sich ganz langsam erhebt. Zu spät. Ein Heckenschütze hat Laura tödlich getroffen. Nach dem Attentat scheint Talers Leben stehen zu bleiben. Meistens trinkt er Bier und starrt aus dem Fenster, wo er Merkwürdiges entdeckt: Sein Nachbar Knupp, ein zurückgezogen lebender pensionierter Lehrer, dessen Frau vor 20 Jahren gestorben ist, arbeitet unentwegt im Garten, gräbt, pflanzt, schneidet und misst aus. Knupp erklärt sich bereit, Taler bei der Suche nach dem Mörder seiner Frau zu helfen, wenn dieser ihm seinerseits bei der Umsetzung eines verrückt erscheinenden Plans zur Hand geht: Knupp will die Zeit überlisten und so seine Frau wieder lebendig machen.
Schon als kleiner Junge habe ihn die Frage beschäftigt, ob es wohl möglich sei, in die Vergangenheit zu reisen, erinnert sich Martin Suter und lächelt. Zum Gespräch im eleganten Verlegerzimmer des Zürcher Diogenes Verlags trinkt er Pfefferminztee. Ein stilvolles Ambiente für einen Mann, der für seinen Stil gerühmt wird – und zwar nicht nur für den seiner ebenso spannenden wie sprachlich geschliffenen Bücher.
Anzug, weißes Hemd, edle, rahmengenähte Lederschuhe, eine Omega am Handgelenk – selbst beim Pressetermin demonstriert der 64-jährige Schweizer Grandezza, die für ihn ganz selbstverständlich ist. „Schon als kleiner Junge habe ich gern Anzug und Krawatte getragen.“ Für seinen Roman habe er sich überlegt, wie wohl ein alter Primarlehrer im Ruhestand vorgehen würde, um zu einem früheren Punkt in seinem Leben zurückzukehren. „Notwendig dafür ist die Annahme, dass es die Zeit gar nicht gibt – schwer vorstellbar, aber gar nicht so abwegig“, sagt Suter. Schon seit Jahrtausenden rätseln Physiker und Philosophen schließlich über das Mysterium der Zeit – und haben bis heute keine überzeugende Antwort gefunden. Suter beschäftigte sich mit einigen Theorien und entwickelte daraus die Grundidee für seinen Roman.
„Ich recherchiere immer sehr gezielt und hüte mich davor, zu viele Informationen zu sammeln; das belastet einen beim Schreiben nur.“ Was es heißt, vor einem Berg von Material zu stehen, weiß Suter, seit er in den späten 1970er Jahren als Reporter für die Zeitschrift „GEO“ unterwegs war. Er wurde um die halbe Welt geschickt, brachte eine Story über Cowboys in Wyoming und Texas mit, reiste nach Nigeria und auf den Berg Athos. „Das war spannend, aber auch eine unnatürliche Art des Reisens, weil ich jeden Tag etwas erleben musste.“
Suter grinst und streicht sich die dunklen, nach hinten gekämmten Haare glatt. Nicht nur mit diesen Aufträgen verdiente er damals gutes Geld – pro Reportage gab es 8 000 Mark plus Spesen –, Suter war auch Creative Director bei einer renommierten Werbeagentur. 1991 zog er sich aus dem Werbegeschäft zurück, um als freier Autor zu arbeiten: Drehbücher, Theaterstücke, Journalismus und ab 1992 die fast schon legendäre wöchentliche Kolumne „Business Class“ für die „Weltwoche“. Dann 1997, mit 49 Jahren, „Small World“, Suters erster Roman und gleich der erste Bestseller. Im Spätstart in die Belletristik sieht er keinen Nachteil: „Wenn ich schon mit Mitte 20 Romane geschrieben hätte, hätte ich viele Dinge wohl nicht gemacht und erlebt. Und wahrscheinlich wären die Bücher auch schlecht geworden, weil ich damals noch sehr verliebt war in Wortspiele und Sprachkapriolen.“
Seither arbeitet Suter, der in Zürich geboren und aufgewachsen ist, „wie ein Büroangestellter, acht Stunden am Tag“. „Ich schreibe relativ langsam, formuliere jeden Satz ein paar Mal um und versuche herauszufinden, wie weit man das Geschriebene eindampfen kann.“ Ergebnis seiner Sprach-Destillation sind kurze Sätze und knappe, treffende Formulierungen – der typische Suter-Stil, der seine Romane so geschmeidig und angenehm lesbar macht.
Heute leben er und seine Frau, die Modedesignerin Margrith Nay Suter, und ihre sieben Jahre alte Adoptivtochter abwechselnd auf Ibiza und in Guatemala, wo das Mädchen zur Schule geht. Auch wenn es so aussieht, hat Suter seiner geliebten Schweiz keineswegs den Rücken gekehrt. „Es haben sich für uns einfach nur die Gelegenheiten ergeben, in diese Länder zu gehen.“ Bald könnte aber Schluss sein mit der Pendelei und die Schweiz alter und neuer Wohnsitz werden. „Die Kriminalitätsrate in Guatemala ist erschreckend gestiegen, die Drogenszene bekommt immer größeren Einfluss – man fühlt sich einfach nicht mehr sicher.“
Noch genießen sie allerdings das Leben auf dem Anwesen in Mittelamerika, das früher eine Plantage war. 100 Kilo Kaffee ernten sie noch heute jedes Jahr, und auch auf Ibiza übt sich der Bestsellerautor auf dem Vier-Hektar-Grundstück als Freizeitbauer, hilft regelmäßig bei der Wein- und Olivenernte.
Zum perfekten Glück wird den Suters aber immer jemand fehlen: ihr Adoptivsohn Toni, der 2009 im Alter von drei Jahren beim Essen erstickte. „Natürlich fragt man sich, wie das Unglück hätte verhindert werden können. Mein Buch ist aber kein Versuch, das irgendwie zu bewältigen. Das geht nicht und man sollte es auch nicht versuchen.“ Im wirklichen Leben lässt sich Geschehenes niemals ungeschehen machen.
Zur Person
Martin Suter, geboren 1948 in Zürich, arbeitete bis 1991 als Werbetexter und Creative Director und machte sich anschließend als freier Autor selbstständig. Seine Romane, wie „Small World“, „Lila, lila“ oder „Der Teufel von Mailand“, waren auch international große Erfolge. 2011 erschienen die ersten beiden Bände seiner Krimiserie um den Lebemann und Hochstapler Allmen. Suter lebt mit seiner Familie in Spanien und Guatemala.
Eckart Baier


