Literatur-Nachrichten

"Das ist wie hinter dem Postschalter"

(Halb-) nackt Männern das Geld aus der Tasche zu ziehen, ist ein Knochenjob, sagt Tabledancerin und Kulturwissenschaftlerin Funny van Money. Spaß macht es ihr trotzdem. Ein Buch hat sie auch darüber geschrieben.

Als es kein Bafög mehr gab, haben Sie mit Tabledance Ihr Studium finanziert: lieber das Falsche im Falschen als Büroarbeit hinter „Richtigfassaden“. Was meinen Sie damit?
Im Tabledance ist die Lüge offensichtlich. Die Fassade ist so überzeichnet, dass sie sich beim ersten Hinschauen entlarvt. Und die Verwertung des Einzelnen tritt klar zu Tage. Da unterscheidet sich Tabledance von vielen anderen Bereichen der modernen Arbeitswelt. Ich beobachte eine starke Überforderung des Einzelnen, die aber nicht zugegeben wird. Ständige Verfügbarkeit und starke Optimierungsbereitschaft, ein ausgeprägter Leistungswille und Selbstausbeutung bis zur Selbstaufgabe sind gute Voraussetzungen wenn man es „zu etwas bringen will“. Wir tun so, als ob wir dem gewachsen sind und das auch noch gerne machen. Dabei leben wir unter einem brutalen Verwertungsdiktat. Im Tabledance ist der Begriff „Humankapital“ immerhin leicht fassbar. Es tritt in Form von mir, die sich nackt an der Stange anbietet, konfrontativ nach außen. Das ist mir sympathisch.

Bei einigen Kunden, von denen Sie erzählen, wäre mir eher zum Heulen zumute – was hat Ihnen daran Spaß gemacht, solche Typen auch noch zu becircen?
Ich würde auch keine Typen becircen wollen, bei denen mir zum Heulen zumute ist. Ich glaube, es geht um die Frage, was subjektiv als unangenehm empfunden wird. Meine Toleranzschwelle ist recht hoch, ich habe ein großes Talent, das Gute im Menschen zu sehen. Im Buch beschreibe ich außerdem mein erklärtes Ziel, mein humanistisches Menschenbild mit der professionellen Animation zu verbinden. Ich finde, dass das ganz gut geklappt hat. Tabledance-Gäste sind auch nur responding humans!

Sie haben bis Dienstag oder sogar Mittwoch gebraucht, bis Sie sich von den Arbeitsnächten am Wochenende erholt haben. Das Geldverdienen war Ihr hauptsächliches Motiv, schreiben Sie. Hat sich das dann tatsächlich gelohnt – oder ging es doch auch um anderes als um Geld?
Es ging auch darum, meine Lust an der Kulturbeobachtung zu befriedigen. Ich habe Kulturwissenschaften mit einem Schwerpunkt auf „Kulturwissenschaft der Jetztzeit“ studiert. Ethnologische Methoden gehören hier zum Forschungsrepertoire, an dessen Ende ein Kulturjournalismus stehen kann, der es sich zur Aufgabe macht, Kultur von Tag zu Tag zu beobachten und zu analysieren. Es geht darum, die Regeln zu verstehen, über die sich die jeweilige Kultur herstellt. In dem Feld, in dem die Kulturtechnik Tabledance gepflegt wird, sind das zum Beispiel Regeln für die Hierarchien und Netzwerke, für den Umgang miteinander, für das Sprechen, für die Kleidung, für die eigene Performance, für das Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit und natürlich für den Umgang mit Sexualität im weiteren Sinne. Das alles lässt sich nicht aus der Distanz herausfinden. Ich habe eine Form der teilnehmenden Beobachtung gewählt, die ein vollständiges Eintauchen ins Feld erlaubt und bei der man sich gleichermaßen selbst im Blick behält. Dabei ist kein wissenschaftlicher Text entstanden, sondern eher eine Mischung aus Kulturjournalismus und Abenteuerroman. Ein Text am Rand zur entfesselten Gonzo-Schrift. Ich hab mir alle Freiheiten genommen, am wenigsten aber war ich daran interessiert, eine betroffene Rotlicht-Reportage zu verfassen oder in ein milieuromantisches Geschichtenerzählen zu kippen. Ich denke, das hat geklappt, und im Vergleich zu anderen Studentenjobs hab ich dort auch ganz gutes Geld verdient.

Viele glauben, dass die erkaufte sexuelle Nähe negative Auswirkungen auf die Psyche hat. Wie kommt es, dass Sie das so anders sehen?
Im Tabledance gilt gemeinhin die Regel „Nicht anfassen“. Verkauft werden sexuelle Versprechen, von denen klar ist, dass sie nicht eingelöst werden. Zehn Minuten in der Private Dance Lounge nackt für jemand zu tanzen ist für mich vom Dienstleistungsgedanken nah an dem von der Dame hinter dem Postschalter. Die größere Herausforderung besteht in meinen Augen im Umgang mit der persönlichen Nähe, die entstehen kann, wenn man über Stunden hinweg den Gast mit Gesprächen zum Champagnertrinken animiert, was ja genauso Teil der Arbeit im Tabledance ist. Im Allgemeinen hängt die psychische Tabledance-Verträglichkeit wohl stark von der jeweiligen Disposition ab. Wie hat das Vice Magazin letztens getitelt? „Du musst viel durchgemacht haben, wenn du behauptest, die Pornobranche hätte dein Leben gerettet.“ Das ist lustig, und vielleicht ist auch was dran.

Ihnen macht Tabledance Spaß. Empfinden andere Frauen, die Sie getroffen haben, das ebenso?
Gegen Ende meines Buches taucht ein Menschenhändler auf, der mich fragt, was der Job psychisch mit mir macht. Während er besoffen einschläft, schiebt Funny auf einer Art Rechenschieber die verschiedenen Einflussparameter hin und her, die verantwortlich dafür sein können, wie wohl oder unwohl man sich als Tänzerin in dem Job fühlt. Das sind eine ganze Menge. Angefangen vom Alter, der Biografie, dem Verdienstdruck, über den sozialen und beruflichen Ausgleich hin zu den Arbeitsbedingungen im jeweiligen Laden und viele Faktoren mehr. Ihre Ausprägung und Kombination  spielen wohl die entscheidende Rolle. In verschiedenen Tänzerinnenporträts versuche ich zu zeigen, wie viel oder wie wenig Spaß die Arbeit unterschiedlichen Frauen machen kann. Grundsätzlich aber gilt festzuhalten: Tabledance ist ein Knochenjob. Für mich waren mein Studium und mein soziales Umfeld der entscheidende Ausgleich. Sie haben mich immer wieder befähigt, die Perspektiven und Betrachtungsdistanzen zu verschieben. Humor ist das Schlüsselwort! Ich könnte mir vorstellen, dass der abhanden kommen kann, wenn man Tabledance Jahr für Jahr als Hauptberuf betreibt.

Sie sehen Sexarbeit, anders als zum Beispiel viele Feministinnen, nicht als Form der Erniedrigung und als eine der schlimmsten Formen der Ausbeutung, sondern als Freiheit. Warum nicht?
Mittlerweile gibt es ja ganz unterschiedliche feministische Sichtweisen zum Thema Sexarbeit. Um ein Beispiel aus der Pornografie anzuführen: 2009 wurde in Berlin zum ersten Mal der „feministische Pornofilmpreis“ verliehen. Ausgesuchte Pornofilme werden von Frauen mit dem sogenannten „PorYes“ Gütesiegel ausgezeichnet, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen. Die PorNo-Kampagne von vor 25 Jahren nahm mit Sicherheit keine unberechtigte Kritik vor. Doch nach diesen ganzen Debatten können wir uns heute auf eine neue, sexpositive Verhandlung und Darstellung weiblicher Lust konzentrieren. Das finde ich hervorragend, das macht viel mehr Spaß. Sexarbeit muss weder Erniedrigung noch Ausbeutung bedeuten. Ein Beispiel aus dem Bereich Tabledance ist der Strip Club „The Lusty Lady“ in San Francisco. Dort gründeten die Angestellten schon im Jahr 2000 eine Workers Union, eine Art Betriebsrat, der die Arbeitsbedingungen für die Tänzerinnen im Blick behält. Solche Strategien finde ich sinnvoller, als die Sache per se zu verteufeln. Ansonsten kann ich nur sagen, dass Tabledance, wie ich ihn erfahren habe, für mich tatsächlich auch Freiheit bedeutet. Finanzielle Freiheit, moralische Freiheit, Freiheit von Etiketten und Konventionen. Allerdings nur, wenn ich im Laden bin, die Stigmatisierung passiert draußen. Ach so, und Freiheit von Klamotten natürlich auch.

Sie haben Ihr Studium abgeschlossen. Haben Sie dann auch den Tabledance aufgegeben?
Nein, aber ich habe auch nichts dagegen, mal eine Pause von der Nachtschicht zu machen, wie im Moment. Über Jahre weg ernsthaft zu studieren und jedes Wochenende Tabledance zu machen, war sehr anstrengend, das sucht man sich nicht aus im Sinne von: ich will das unbedingt. Aber unter den damals gegebenen Umständen würde ich es wieder so machen, und ich kann es mir auch vorstellen, zukünftig wieder im Tabledance zu arbeiten, weil ich den Job mag.

Warum bleiben Sie hinter Ihrem Pseudonym verborgen?
Das ist kein Pseudonym, sondern eher ein Künstlername. Für mich stellt sich die Frage nach dem echten Namen nicht so sehr. Mich interessiert seit jeher das Spiel mit Rollen und Identitäten mehr, als diese ewig unerfüllte Sehnsucht nach „Eigentlichkeit“. „Funny van Money“ passt gut, um meine Rolle im Tabledance zu beschreiben. Funny ist sowohl „lustig“ als auch „seltsam“ und selbstverständlich immer wieder „possierlich“. Außerdem verdient sie in den Augen vieler Leute ihr „Funny Money“, also ihr „Falschgeld“, in einem „Funny Business“, was mit „zweifelhafte und zwielichtige Geschäfte“ übersetzt werden kann. Eigentlich gehört sie auf die Funny Farm.

Womit verdienen Sie heute Ihr Geld?
Mit Kulturbeobachtung, wie immer.


Zur Person
Funny van Money studierte Literatur, Medien, Kunst, Politik und Tabledance auf Umwegen. Die Kulturwissenschaftlerin lebt in Berlin und im Voralpenland.

Sabine Schmidt

Titel

  1. This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey
    • VerlagHanser Berlin
    • Preis 16,90 €
    • ISBN 978-3-446-24033-9

    bestellen

  2. This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey
    • VerlagHörbucHHamburg
    • Preis 19,99 €
    • ISBN 978-3-89903-392-2

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1 Kommentar/e

1. Adam Prancz 06.07.2013 17:21h http://www.vipbudapesthostess.com Adam Prancz

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