Literatur-Nachrichten

Doppelt gut gemeint

Von Annegret Koerdt Nach der Magenentleerung war der Fall klar. Das Opfer war an einer Blausäurevergiftung gestorben. Bereits der starke Bittermandelgeruch des Mageninhalts ließ diese Schlussfolgerung zu. Da war der Cyanidnachweis durch die chemische Analyse nur noch reine Formsache.

Aufgrund dieser Erkenntnis wollte Hauptkommissar Bauer nochmals mit der Zeugin sprechen, die die Polizei am Tag zuvor alarmiert hatte. In der dritten Etage angekommen, drückte er ein wenig außer Atem den Klingelknopf von Elsbeth Winterfeld und wartete einige Sekunden.

Das Licht im Spion verdunkelte sich kurz, das Geräusch eines Schlüssels kündigte das Öffnen der Tür an. Eine blasse, junge Frau schaute misstrauisch durch den schmalen Türspalt. Bauer zeigte seine Dienstmarke und teilte sein Anliegen mit. Die Frau stellte sich als Haushaltshilfe von Elsbeth Winterfeld
vor und gab den Weg in die Wohnung frei. Der Beamte folgte der schlanken, fast ausgezehrt wirkenden Person die schlauchförmige Diele entlang. Der Geruch von Zwiebeln und Kohl dominierte die Wohnung und Bauer hätte am liebsten alle Fenster aufgerissen.

Am Küchentisch schaute eine zierliche, alte Frau mit wachen Augen von ihrer Malzeit auf und zog erwartungsvoll die spärlichen Brauen in die Höhe.

»Frau Winterfeld, die Polizei ist da«, sagte die hagere Frau, zog sich dabei eine hellblaue Strickjacke über, nahm eine cremefarbene Schultertasche vom Boden und verabschiedete sich eilig. »Ich bin dann morgen wieder so um die gleiche Zeit da, in Ordnung?«

»Gerne, meine Liebe«, sagte die alte Dame lächelnd, »und nehmen Sie meinen Schirm. Es regnet draußen.«

Die blassblonde Frau schenkte der Seniorin ein dankendes Lächeln und nickte dem Beamten zurückhaltend zu.

»Ach, wenn ich Jolanda nicht hätte. Sie wäscht, putzt und bügelt für mich, kauft für mich ein. Sie ist wirklich eine große Entlastung. Nur kochen, das mache ich noch selbst. Irgendeine Aufgabe muss der Mensch ja haben. Aber was rede ich. Nehmen Sie doch Platz.«

Sie deutete auf den freien Stuhl am Tisch und der Kommissar setzte sich. Erwartungsvoll legte Sie ihr Besteck auf den leergegessenen Teller, gefasst auf Bauers Fragen.

»Frau Winterfeld, wie Sie sicherlich bereits erfahren haben, ist Ihre Nachbarin Gudrun Freimut gestern tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden.«

»Ja. Einfach schrecklich, sowas. Ich hatte ehrlich gesagt schonmit dem Schlimmsten gerechnet, als ich die 110 wählte.«

»Und weswegen?«

»Frau Freimut hätte ihren Hund niemals allein in der Wohnung gelassen. Und so wie Paulchen gebellt hat, musste irgendetwas passiert sein. Sie war doch noch so jung. Erst sechsundsechzig. Ich hoffe, sie hatte einen schnellen und schmerzlosen Tod.«

Den schien Gudrun Freimut tatsächlich gehabt zu haben. So wie der Rechtsmediziner es Bauer erklärt hatte, musste die Vergiftung bereits Sekunden später zu Hyperventilation, Atemstillstand, Bewusstlosigkeit und Herzstillstand geführt haben. Aber Bauer hatte nicht vor, die alte Dame mit unschönen Details zu belasten.

»Leider wissen wir mittlerweile, dass Ihre Nachbarin keines natürlichen Todes gestorben ist. Frau Freimut ist ermordet worden.«

Erschrocken hob Elsbeth Winterfeld ihre zittrige Hand vor die Lippen.

»Eine Packung vergifteter Weinbrandpralinen lag angefangen auf dem Wohnzimmertisch.«

Die Hand der alten Dame umschloss ihren Mund. Ihr Blick schwankte zwischen Fassungslosigkeit und Angst.

»Oh, mein Gott«, sagte sie und hielt mit der anderen Hand reflexartig ihr Herz.

»Haben Sie irgendeine Idee, von wem die Ermordete die Pralinen bekommen haben könnte?«

Verneinend schüttelte Elsbeth Winterfeld den Kopf. So heftig, als wollte sie das Unfassbare aus ihrem Hirn hinausschleudern.

»Ich kann Ihnen da wirklich nicht weiterhelfen«, sagte sie, fast so, als wollte sie Abbitte leisten. »Wir waren nicht miteinander befreundet, wir haben nur manchmal im Treppenhaus miteinander geplaudert, wenn wir uns zufällig begegnet sind.«

Nach ein paar weiteren obligatorischen Fragen war das Gespräch beendet und die Seniorin geleitete den Polizisten nach draußen. Als sie die Tür von innen schloss, atmete sie erschöpft aus. Auf ihren Stock gestützt ging sie ins Wohnzimmer und öffnete die eingelassene Minibar in ihrem wandbreiten Mahagonischrank. Neben dem Eierlikör und dem mittelsüßen Sherry lagen zwei Schachteln mit Weinbrandpralinen. Sie nahm eine der Schachteln in die Hand und rückte ihre Brille zurecht. Sie besah sich die Packung von allen Seiten,
konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Sie selbst mochte keinen Weinbrand, aber es wäre doch eine Schande gewesen, wenn die Pralinen bei ihr einfach so verkommen wären. Des

halb hatte sie ihrer Nachbarin eine Schachtel geschenkt. Gudrun Freimut liebte Pralinen mit Alkohol und Elsbeth hatte es doch nur gut gemeint.

Grübelnd setzte sie sich auf ihr durchgesessenes Biedermaier-Sofa und untersuchte die Schutzfolie, die längs um die Verpackung gewickelt war. Der Klebestreifen, der die beiden Kanten zusammenhielt fiel nur bei genauem Hinsehen auf. Erneut schüttelte Elsbeth den Kopf. Eine kleine Träne verirrte sich auf ihrer Wange. Sie war schon lange nicht mehr so verletzt worden.

Am nächsten Vormittag zur üblichen Zeit kam Jolanda, vollbeladen mit Tüten und Kleidung aus der Reinigung. Den Schirm, den sie am gestrigen Tag wegen des Regens mitgenommen hatte, stellte sie zurück in den Ständer.

Elsbeth wartete in der Küche auf sie.

»Jolanda, wie schön Sie zu sehen. Ich freue mich stets, wenn Sie vorbeikommen«, sagte sie mit ihrem einnehmendsten Lächeln. »Das ist jeden Tag ein ganz besonderer Lichtblick für mich.«

»Und ich komme immer gerne zu Ihnen«, gab Jolanda freundlichst zurück, während sie flink die gekauften Nahrungsmittel in der Vorratskammer und im Kühlschrank verstaute.

»Ich würde Sie heute gerne zum Essen einladen. Ich habe extra ein drei Gänge Menü vorbereitet. Bitte schlagen Sie mir diesen Wunsch nicht ab. Nachdem, was meiner Nachbarin passiert ist, habe ich das Gefühl, die kurze Zeit, die mir noch bleibt, so gut es geht nutzen zu müssen.«

Jolanda hielt beim Aufräumen für einen kurzen Moment inne, als schien sie zu überlegen. Dann lächelte sie der alten Dame einwilligend zu.

»Gerne bleibe ich zum Essen. Was gibt es denn?«

»Das ist eine Überraschung«, sagte Elsbeth und presste schelmisch ihre schmalen Lippen aufeinander.

Jolanda half ihr beim Tischdecken, aber dann musste sich die junge Frau brav an das eine Kopfende des Tisches setzen und zusehen, wie die alte Dame schwerfällig am Herd herumwerkelte.

»Hat der Kommissar Sie gestern noch lange belästigt?«, fragte Jolanda beiläufig.

»Ach, der Herr ist sehr freundlich gewesen. Hatte nur noch ein paar Fragen zu meiner Nachbarin. Stellen Sie sich vor, sie ist ermordet worden.«

»Ermordet?« wiederholte Jolanda ungläubig. »Wie das?«
»Ach, Jolanda, genug darüber«, entgegenete Elsbeth leicht gequält. »Wenden wir uns lieber erfreulicheren Dingen zu.«

Als erstes gab es eine Tomatencremesuppe mit Thymian. Elsbeth bestand darauf, Jolanda zu servieren und diese ignorierte höflich den verkleckerten Tellerrand.

»Köstlich«, staunte die junge Frau nach dem ersten Löffel.

»Warten Sie’s ab. Es kommt noch besser«, sagte die alte
Dame augenzwinkernd.Da Jolanda Vegetarierin war, folgte auf die Suppe ein
schmackhaftes Gemüseratatouille mit Kartoffelgratin.

»Sie haben sich ja solche Mühe gemacht«, wiederholte sich Jolanda mehrfach.

Auch Elsbeth schien es zu schmecken. Mit einer gewissen Befriedigung stellte sie fest – sie konnte immer noch, wenn sie noch wollte.

»Jolanda, ich möchte mich mit Ihnen kurz nochmal über mein Testament unterhalten«, versuchte Elsbeth ein ihr selbst unangenehmes Thema anzuschneiden.

»Ich habe mich gefragt, weswegen Sie die ganze Zeit auf das Geld warten sollen, dass Ihnen sowieso einmal gehören wird. Deshalb habe ich Ihnen vorab schon mal einen Scheck ausgestellt.«

Elsbeth griff in die eingenähte Tasche ihres dunkelblauen Faltenrocks und holte ein Papier heraus. Der Betrag auf der Bankanweisung ließ Jolandas Kinnlade herunterfahren.

»Das kann ich nicht annehmen«, sagte sie, obwohl sie den Scheck bereits in der Hand hielt.

»Natürlich können Sie«, sagte Elsbeth, ging zum Kühlschrank und holte eine Flasche Sekt heraus, die sie Jolanda bat zu öffnen.

Der Korken knallte und Jolanda schüttete lachend den Sekt in zwei Kelche. Die Frauen stießen an und Elsbeth hatte wieder eine Träne im Auge.

»Da bin ich schon so alt und werde immer noch so sentimental.«

Entschieden wischte sie sich die Träne fort und ging erneut zum Kühlschrank.

»Und nun die Krönung des Ganzen. Mousse au Chocolat.«

Sie stellte Jolanda das Dessert in einer verzierten Kristall-schale vor die Nase. Eine Weinbrandpraline diente obenauf als Garnitur.

»Ich werde den Nachtisch heute Abend genießen. Für meinen kleinen Magen wäre das jetzt zu viel«, sagte Elsbeth und schaute erwartungsvoll zu ihrer Tischnachbarin.

Jolanda verzog lächelnd den Mund. Sie legte die Praline auf den äußersten Schalenrand und griff nach dem Löffel. Dann nahm sie den ersten Bissen.

Elsbeth deutete auf den Scheck.

»Ich muss ihn nur noch unterschreiben. Das mache ich, wenn Sie aufgegessen haben. Schmeckt’s?«

Jolanda schob sich eine dritte Ladung in den Mund. Irgendwas stimmte nicht mit dieser Mousse. Sie schmeckte einfach nur schrecklich.

»Da ich keine andere Schokolade im Haus hatte, habe ich die Pralinen genommen, die ich von Ihnen geschenkt bekommen habe. Deshalb diese leichte Weinbrandnote.«

Als Elsbeth die Weinbrandpralinen erwähnte, sprang Jolanda panikartig auf, um im gleichen Moment nach Luft zu ringen.

»Schmeckt die Mousse nicht?«, fragte Elsbeth ungerührt.

Jolanda hielt sich an der Tischkante fest, um ihr fehlendes Gleichgewicht wiederzuerlangen. Keuchend japste sie nach Luft und riss verzweifelt an ihrem Blusenkragen. Dann fiel sie bewusstlos in sich zusammen.

Ein zweites Mal in dieser Woche ging Elsbeth zum Telefon, um den Notruf zu wählen.

Leider war Jolanda nicht mehr zu retten gewesen und der Notarzt kümmerte sich stattdessen um die konfus wirkende Seniorin. Die Tatsache, mit der die Polizei die ältere Dame später konfrontierte, verwirrte sie noch mehr. Wie hätte Elsbeth auch ahnen können, dass ihre Haushaltshilfe sie mit Weinbrandpralinen vergiften wollte? Schließlich wäre sie unter diesen Umständen niemals auf die Idee gekommen, die Pralinen für ihre Mousse au Chocolat zu verwenden. Sie hatte es doch nur gut gemeint.

4 Kommentar/e

1. Krueger, Barbara 12.09.2012 13:27h 
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Der Plot der Geschichte ist nicht weltbewegend. Wenn die Geschichte wenigstens im Sinne von"Show, don´t tell" in einer bildhaften Sprache wiedergegeben wäre...

2. Ute 13.09.2012 14:20h 
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Och, ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Mir hat die Geschichte gefallen.

3. Ute 13.09.2012 14:56h 
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Och, ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Mir hat die Geschichte gefallen.

4. Greta 25.09.2012 18:21h 
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Ich fand die Geschichte unterhaltsam.

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