Literatur-Nachrichten

Der Bote

Ilija MatuskoIch kam gerade aus der Postgasse und ging in die Maingruberstraße, vorbei am alten Postamt, ein mit dunklen Schindeln bedachtes Gebäude, das der schiefen Kopfsteinstraße in meinem Rücken ihren Namen gab, als mir Benthofer, mit dem ich fast an der Biege zur Reuterstraße zusammenstieß und der mein Erdkundelehrer bis zur zehnten Klasse gewesen war, beinahe ausdruckslos den Tod von Hilmer mitteilte. Ein Draht sei gespannt worden, sagte er.

Ob ich es schon gehört habe, wollte er wissen, nachdem wir uns auf eine verkrampft höfliche Art begrüßt hatten. Ich verneinte. Sein Blick in die Gasse markierte einen unterschwelligen Fluchtgedanken. Lediglich die
gemeinsame Schulzeit hielt ihn hier fest, im Übrigen auch mich, der nun im Netz seines Zögerns verharren musste, um irgendeine Neuigkeit zu erfahren. Der botenmäßige Widerwille, mir den Tod von Hilmer
mitzuteilen, ringte mit dem jeder pädagogischen Person gebotenem Anstand, das Richtige zu tun und mir den unangenehmen Vorfall also zu schildern. Sein richtungsloses Gesicht, offenkundig beschwert, für einen
Augenblick wie hinter Glas, eingerahmt von der unerträglichen Hitze der Kleinstadt. Benthofer sah einigen Autos hinterher, als gäbe es darin Hilfe zu entdecken. Die Farben der Blechdächer waren in der Sonne nicht zu erkennen, lediglich ein blendendes Funkeln zog wie ein Blitzgewitter an uns vorbei. Es war entsetzlich heiß und schwül, Tropfen für Tropfen liefen kleine Ameisen auf meinem Körper herum. Hilmer sei gestorben, sagte Benthofer ohne mimische Begleitung, wegen eines Drahtes.

Hilmer, ein Lehrer an der Hauptschule in den Fächern Mathematik und Physik, sei gerade auf dem Weg vom Hauptschulgebäude über den Schererweg Richtung Gymnasium gewesen, dieses kleine abfallende Stück,
ich nickte, mit dem Fahrrad, wie immer mit dem Fahrrad, und dabei zu Tode gestürzt. Blind in einen Draht hineingefahren und zu Tode gestürzt. Ich hielt mir die Hand vor dem Mund, weil ich wußte, das würde die Kette seiner Worte nicht zerreißen. Unterhalb seines ordentlichen Schnurrbartes glänzten die wie aus Marmor geschnitzten Zähne. Seine ärmellose, mit leeren Taschen übersäte Weste vermittelte den Eindruck eines Menschen, der seine Unbeholfenheit hinter einer Mauer aus Hilfsmitteln versteckte. Noch vor wenigen Tagen sei er Hilmer begegnet, sagte Benthofer. Ich strengte mich an, die Betroffenheit zu zeigen, die seine glasigen Augen verlangten, und schüttelte den Kopf, damit er weitererzählte. Hilmer habe nichtsahnend die Hauptschule verlassen, sagte Benthofer, vermutlich vorbildlich den nächsttägigen Stundenplan im Kopf, und sei wenige Minuten später einfach tot auf der Erde gelegen. Dann wurde Benthofer plötzlich lebendig, redete schneller, zerschnitt den Luftraum vor sich mit schlagartigen Bewegungen und war jetzt ganz bei den Ereignissen am Schererweg.

Er erzählte mehr als ich hören wollte. Bei der wortlosen Schilderung des Sturzes ließ er seine flache Hand nach unten fahren, in einer schnellen Bewegung, die ein Objekt auf einem Steilstück darstellen sollte. Dann wieder sein zögerndes Stillhalten, der stumme Ausdruck einer Todeserfahrung im Gesicht. Es schien, als müsste jeder Gesprächsanschluss mühselig aus dem lähmenden Abgrund seines Grauens herausgefischt
werden. Einfach tot, wiederholte Benthofer, sichtlich vom Gefühl einer entsetzlichen Willkür eingenommen. Ich tat bestürzt, wie verlangt, hatte aber das undeutliche Gefühl, nicht angemessen zu reagieren. Ich wußte
nicht, wie man eine vollkommene Gefühllosigkeit kaschiert und glaubwürdig Anteilnahme mimt. Dann hüllte uns der sanfte Straßenlärm wieder in Schweigen. Sie hätten einen Draht gespannt, sagte er.

Die direkte Verbindung zwischen den Schulgebäuden war der unsauber asphaltierte, mit dunklen Teerpfützen nachgebesserte Schererweg, an Wiesen und Apfelbäumen vorbei, in Richtung Gymnasium abfallend, und zu Hilmers Unglück mit zunehmendem Gefälle. Man fuhr also wie auf der Oberfläche einer Kugel los, immer schneller, während der Weg steiler wurde, raste bis zum Scheitelpunkt, an dem man in die Kugel hineinsprang, jetzt noch schneller, rollte dann in der Krümmung weiter, um unten mit Karacho anzukommen und den Schwung mit über einen weiteren, kleinen Hügel am Ende zu retten. Selbst Hilmer hätte mehrere Stunden gebraucht, um die genauen Beschleunigungs-Geschwindigkeitsaspekte seines eigenen tödlichen Unfalls zu rekonstruieren. Ich kannte Hilmer nur aus Anekdoten und erst jetzt, nach seinem Tod, konnte ich die hochgewachsene Gestalt einem Namen zuordnen. Hilmer war auf der Hauptschule, ich auf dem Gymnasium. Sonst bewegte sich beim Namen Hilmer in mir zunächst nichts.

Hilmer sei ein guter Lehrer gewesen, sagte Benthofer. Er fummelte nervös an seiner Stirn herum, deren Furchen in der Sonne kleine Schatten bildeten, und sah besorgt aus, als hätte er zuviel von sich preisgegeben. In seinen Augen schimmerte immer noch das Meer des Entsetzens, in das es keinen Anker zu werfen gab. Er schüttelte ratlos den Kopf und wünschte mir ‚Alles Gute’ zum Abschied, so als hätte sich durch die Ereignisse am Schererhügel unser beider Leben auf einmal verkürzt. Zwei Jugendliche hätten den Draht über den Schererweg gespannt, hatte Benthofer noch gesagt, bevor er in die Reuterstraße verschwand, so schnell, wie er gekommen war und ohne zu wissen, was seine Worte in mir anrichteten.
Aber ich bin mir sicher, sie waren gut gemeint.

Ein Tag nach Benthofers Todesnachricht ging ich über den Schererweg. Die Sonne brannte aus einem monoton blauen Himmel senkrecht auf die Erde und warf beinahe kugelförmige Apfelbaumschatten in die Wiese. Die stillstehende Hitze, glänzend in der Entfernung, lehnte sich wie ein heißer Klotz gegen jeden meiner Schritte. Vom Weg stieg der Duft aufgeheizten Asphalts und verdorrter Gräser auf. Alles schien mit

Helligkeit überschüttet und kraftlos. Unten warf ich einen ersten prüfenden Blick auf Zaun und Boden. In schwarzen Flecken glaubte ich Blut zu entdecken, die verwitterten Zaunpflöcken suchte ich nach Einritzungen ins holzige Fleisch ab. Plötzlich tauchte oben, vor der Volumensansammlung der Hauptschule, ein Fahrradfahrer auf und fuhr los. Er glitt den Hügel hinab, über die Bergkuppe, die ihn anfangs zur Hälfte teilte und nach und nach freiließ, kam auf mich zu, sah mir dabei durchgehend in die Augen. Ziemlich weit unten wurde er vom Rad gerissen und knallte vor mir auf den Boden. Der Haufen rutschte seitlich über den Asphalt und kam erst am narbigen Rand zum Stehen. Einen Augenblick später konnte ich an der
Stelle lediglich einen Windhauch im Gras ausmachen. Da war niemand. Durch die ausgebliebene Katastrophe einigermaßen befremdet ging ich nach Hause, den deutlichen Entschluss im Kopf, den Schererweg vorübergehend zu meiden.

Danach sah ich Hilmer immer wieder stürzen, auch ohne am Schererweg gehen zu müssen. Jedes Mal anders. Mal flog er über den Lenker und kam mit dem Kopf zuerst auf, wobei dieser dem Asphalt mal standhielt, mal übertrieben aufplatzte. In einer schnellen Bewegung oder getränkt in Zeitlupe. Mal wurde er durch den Draht nach hinten gezogen und brach sich unscheinbar das Genick. Mal fuhr er weit oben in den Draht, stürzte und kugelte noch weit den Berg hinunter. Mal durchbrach er die Drahtlinie, kam dennoch ins Straucheln und fiel seitlich, viel weiter unten, viel weniger spektakulär. Je nachdem wo und auf welcher Höhe ich den Draht platzierte.

Der Schererweg ein matter, silberner Schlauch, der sich zum Horizont erstreckt. Der Morgentau hängt geduldig zwischen den Grashalmen und wartet auf die über das Land ziehende Sonne. Der Draht hoch gespannt, ein funkelnder Faden, der die helle Wiese mit dem dunklen Jenseits verbindet. Hilmer rauscht heran. Mit dem Geräusch eines sich öffnenden Reissverschlusses wird sein Kopf sauber vom Rumpf getrennt.

Der kopflose Rest rollt unbeirrt den Schererweg hinunter, nimmt unten souverän die erste Kurve und kippt dann seitlich, während der Schädel ins Gras rollt und an einem Holzpfosten zum Stehen kommt. Das Rot des
Blutes, das sich an zwei Stellen ins Grün des Grases mischt.

Ich ging eines Abends wieder über den Schererweg, trotz meiner Absicht, den Hügel zu meiden. In der graublauen Dämmerung war der Draht zwischen den Holzpfosten fast nicht zu erkennen. Nur hin und
wieder strahlte das dünne Eisen ein blitzendes Licht ab und glänzte kurz im Dunkeln. Der Geruch nach alten Äpfeln hing zwischen den beiden Wiesenhälften, im Gras faulten sie ungesehen vor sich hin. Das Gras war
seit Hilmers Sturz nicht gemäht worden, so wie das Zimmer eines Verstorbenen eine Weile unangetastet bleibt.

Auf Hilmers Beerdigung hielt unser Direktor, Haberl, ein feister Mann mit Glatze und üblem Mundgeruch, irgendeine Rede. Es ging auch um die beiden Hauptschüler, die mit ein paar Handgriffen eine Stolperfalle
am Schererhügel stehen ließen, die zur tödlichen Falle geworden war. Sie hatten es sicher nicht böse gemeint. Hinter Haberl ragte der spitze Kirchturm wie direkt aus der Erde getrieben in den Himmel und versuchte vergeblich, die Wolkendecke zu durchstoßen. Ein heftiger Wind wühlte in den Frisuren der Menschen, die sich noch weit nach hinten zwischen die Gräber verteilten. Benthofer stand ziemlich weit vorne, in sich gekehrt und völlig ruhig. Ich weiß nicht, warum ich da war. Ich kannte Hilmer nicht.

Ein monoton grauer Wolkenhimmel saugt alle Farben aus der Schererwiese. Ein tristes Gemälde in Grau und Grün. Hilmer kommt die Kuppe herunter, seine fahrigen Gedanken hängen wie unbrauchbare Fetzen
über dem stumpfen Gefühl der Sinnlosigkeit, ein Gefühl, das ihn seit Jahren mehr und mehr aushölt. Es muss aufhören, endlich aufhören. Er sieht einen in der Sonne blitzenden Draht auftauchen, ein Zeichen, ein Wink des Schicksals. Hilmer schließt die Augen und rollt einfach weiter.

2 Kommentar/e

1. carmen 22.09.2012 20:43h 
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Der Anfang eines Krimis?
Einige Metaphern würde ich mir sparen.
Kann man mehr draus machen.
Lässt viel Spielraum für die Phantasie des Lesers.
Ehemalige Schüler die es "Gut gemeint" haben mit ihrem Ex-Lehrer reden da, weil er ja sonst nur ein sinnloses Dasein geführt hätte ...?!
Es ist was es ist: Eine gut erzählte kleine Geschichte.

2. dudn 07.10.2012 15:06h 
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ringen. ringte. geringen?

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