Literatur-Nachrichten

Erzähl mir was!

Von Eva ScalaLieber würde ich sie im Garten herumführen, sie vorne im Rollstuhl und ich hinten für mich allein mit ein paar Gedanken und - in Bewegung. Aber es nieselt heute, ein endloses graues Novembernieseln. So muss ich halt reden:„So viel erleb ich auch nicht. Die Arbeit und die Wochenenden – ja. Oskar ist auch viel unterwegs. Er hat ein neues Auto gekauft. Und der nächste Urlaub – der ist noch weit entfernt.“

Oskar. Sein verschlossener Blick heute morgen, der Vorwurf dahinter: Wollten wir uns nicht schon seit Tagen einen gemütlichen Abend machen!
Unauffällig runterschielen. Fast sechs!
„Und was machen die Kinder? Erzähl!“
„Michi lebt sich langsam ein. Der Übergang im Herbst war nicht so leicht für ihn. Seine liebe Lehrerin hat er verloren – ich glaube, er war in sie verliebt - und auf einmal neue Kinder und so viele neue ‚Professoren.’ Und nicht alle gleich sympathisch. Aber es wird schon, er ist ja ein kluger Kerl, da mach ich mir keine Sorgen.“

Ich rücke meinen Stuhl ein wenig vom Bett weg. Wie langsam die Zeit dahin kriecht. Eine halbe Stunde muss ich schon noch bleiben.
Zu Hause wartet Michi, hängt mit seinem roten Kopf über der Mathematikaufgabe – nächste Woche Schularbeit! Er plagt sich fürchterlich. Wann wird er die Geduld verlieren?
Aber soll ich ihr von meinen Befürchtungen erzählen? Wozu? Um sie zu beschweren?

„Und deine Arbeit? Du kommst doch viel herum in der Arbeit. In Salzburg warst du?“
“Ja, immer dieselbe Kulisse, die an dir vorbeizieht und ich hab meine Kalkulationen auf dem Schoß oder eine Zeitung und versuche die Gespräche im Abteil wegzuschalten.“
Himmel, das Protokoll ist ja auch überfällig, zwei Mahnmails waren heute morgen schon im unerbittlichen Kasten, schnell, schnell! Ich muss lernen, die Protokolle schon während der Sitzungen zu schreiben. Da kann ich mich aber nur schlecht auf das konzentrieren, was aktuell läuft, da werde ich ganz konfus. Aber Sabine macht das souverän, sie hört zu, diskutiert mit und gleichzeitig klicken ihre Finger ganz von alleine über die Tastatur. Bin ich schon zu alt? Zu langsam? Mein Akku braucht schon so lange zum Aufladen.
Dieses Stillsitzen hier, ich habe Ameisen in den Beinen, dieser erzwungene Stillstand.

„Magst nicht ein bissel spazieren gehen am Gang draußen?“
“Mein Knie tut zu weh.“
“Und die Physiotherapie, hilft die nicht?“
“Eine gute Abwechslung. Aber der Haxen, der wird nicht mehr.
Erzähl mir was!“

Sie ist hartnäckig, fängt meinen Blick ein.

„Am Samstag bin ich mit Grete am Abend noch hochgegangen zum Bergwirt.“
“Und was habt ihr dort gegessen?“
“Wir haben nichts gegessen, sind wieder umgekehrt.
Du Mama, im Aufenthaltsraum hab ich ein Plakat gesehen, dass sie heute einen Geburtstag feiern.“
“Ja, Frau Hoffmann ist 100 oder 200 geworden.“
“Willst du nicht einmal zum Geburtstag hinaus?“
“Nein.“
“Warum nicht. Du isolierst dich ja immer mehr.“
“Willst du’s wirklich wissen?“
“Klar will ich’s wissen.“
“Eigentlich wundert mich es, dass du fragst. Die Frau Wunder am Nebentisch, die unentwegt in hohen Tönen jammert, als wäre ihr eben ihr Hund gestorben. Unentwegt. Nur wenn ihr der Pfleger einen Löffel in den Mund schiebt, hört das Weh einen Moment auf, aber sie isst ja fast nichts mehr. Ich kann nicht hinschauen. Ihr verzweifeltes Gesicht!
Und die Frau Ortner, die winzigkleine Bucklige mit dem Habichtsgesicht, die ist unentwegt heiter und grüßt jeden Vorbeigehenden, hebt die Hand hebt und sagt „Ha“, hundertmal am Tag.
Ich glaube, die Frau Wunder ist wirklich unentwegt verzweifelt, vielleicht ist das ein steckengebliebenes Gefühl, und sie kommt über die eine Rille nicht mehr hinaus. Hunde wissen ja auch nicht, dass ihr Frauerl in ein paar Minuten aus dem Geschäft kommt und sind so untröstlich als wären sie ausgesetzt worden. Eine Verzweiflung, die nicht aufhört.“

„Ja, aber diese Misere hast du bisher irgendwie ertragen, es gibt ja auch ein paar Damen, die ansprechbar sind.“

„Ja, ich hab es ausgehalten, gibt ja auch noch was anderes. Aber da - wie soll ich es dir sagen? Da gibt es den Herrn an meinem Tisch...“

„Der so schrecklich keucht und spuckt?“

„Ja, aber seine Frau kommt fast jeden Tag und füttert ihn. Die ist so geduldig und lässt sich’s nicht verdrießen, wenn er schimpft. Vom ersten Löffel an schüttelt er den Kopf und keucht: genug, genug! Sie redet ihm zu und wenn er den Bissen ausspuckt, schimpft sie ein bisschen. Diese Geduld hätten die Pflegerinnen nicht und dann wäre er schon tot. Sie sagt, dass er ihr zuliebe essen soll: “Du Schlimmer“ und sie hat ihm auch einmal mit der Serviette auf die Hand geschlagen, aber irgendwie liebevoll. Wenn die zwei miteinander rangeln, siehst du weit weit zurück. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die beiden als junges Paar ausgesehen haben, ich kann sie nicht zurückverwandeln in meiner Phantasie. Aber da muss viel Feines gewesen sein zwischen ihnen. Und das sendet noch immer ein bisschen Licht und Wärme nach – bis heute.
Alle Dichter und auch im Fernsehen, dauernd reden sie über die Liebe, wie die Kinder vor Weihnachten über das Christkind. Bei den beiden war das Christkindl immer ein bisschen da. Seit ein paar Wochen isst er nämlich nur mehr im Zimmer.“

„Spürst du zu wenig Liebe von uns Mama? Gut, die Kinder kommen nicht so oft und Oskar...“

„Nein, nein, bitte versteh das nicht falsch, was ich gesagt hab, ich weiß, dass du mich lieb hast, aber du lebst auf einem anderen Planeten – klar und das ist ganz richtig so.

Aber – willst du’s noch immer wissen?“

„Warum du nicht mehr unten isst? Ja freilich.“

„Irgendwann im letzten Monat haben wir den Geburtstag von Frau Dr. Nemeth gefeiert. Du weißt – Frau Dr. Nemeth – nein? Das ist die adrette Frau mit der glatten weißen Haut, sie lächelt immer ihre Hände an. Die sind mustergültig lackiert, feine Hände. Wie ein weißes Angorahäschen sitzt sie immer da, die Augen blau wie Vergissmeinnicht und vollkommen tot, du sprichst mit ihr, niemals eine Reaktion, nur das immerwährende Lächeln.
Da haben wir also zugesehen, wie Schwester Gabi die Kerzen angezündet und ausgeblasen hat, ein Achtel Wein für jede und die ganze Geburtstagsprozedur eben und anschließend sind wir noch sitzen geblieben und ich schau zu Frau Nemeth und - da steckt ihr das leere Weinglas zwischen den Lippen, sie hält es wohl mit den Zähnen fest und lächelt ihr Lächeln mit dem Glas im Mund, die Hände artig vor sich auf dem Tischrand. Ich sag: Frau Dr.Nemeth! Aber sie reagiert natürlich nicht, sie reagiert nie und da ist mir so komisch geworden, als wäre ich schon tot.“
“Grausig und wie ist es weitergegangen?“
“Das weiß ich nicht mehr.
Weißt du, du musst mich nicht öfter besuchen kommen, wo ich nur mehr hier im Zimmer bin. Einmal in der Woche bringst du mir die Welt da draußen herein, wenn du erzählst von dir, den Kindern und was du so erlebst.“
„Aber ich komme doch gern.“

Es stimmt, ich komme nicht mit Widerwillen. Wenn ich wüsste, wie lang ich sie noch besuchen werde? Zehn Jahre, dann ist sie neunzig. Mit welcher Inbrunst käme ich, wenn ich wüsste: dreimal noch oder zwanzigmal, das wäre dann jedes Mal ganz etwas Heiliges, aber 10 Jahre und wenn sie immer mehr...“

„Weißt du, es ist schön hier, das Zimmer, die Gemeinschaftsräume, der Garten alles ist schön, nur die Menschen hier sind es nicht. Da ist jeder einzelne ein Grauen für sich – mit ganz wenigen Ausnahmen. Die kleine Frau Moser ist so eine Ausnahme, eine neunzigjährige Pippi Langstrumpf, ich glaube, sie könnte sogar noch auf einen Baum klettern, wenn man sie ließe.“

„Auch du bist noch so lebendig im Kopf und neugierig und interessiert, du schaust einen noch an und nimmst Anteil.“

„Ich nerve dich mit meinem : Erzähl mir was! Wir könnten auch still sitzen hier. Aber so weit sind wir wohl noch nicht. Weißt du, ich verrat dir was: gar so bin an der Welt da draußen gar nicht mehr interessiert, ich tu oft nur so.
Das hat schon angefangen, als ich noch mit deinem Vater wandern gegangen bin: auf einmal kamen mir alle Talformen, Wiesenhänge, Bergkuppen irgendwie ähnlich vor. Wozu in die Pyrenäen fahren, die Hohen Tauern schauen auch nicht so anders aus. Und wenn du hundertmal auf den Schneeberg gehst, entdeckst du auch immer etwas Neues. Inzwischen genügt mir schon der Garten hier unten. Eigentlich muss ich nirgends mehr hin, es ist alles da. Ich kann das nicht so ausdrücken, ich bin kein Philosoph.
Irgendwann wollte ich nicht mehr Weihnachten feiern, sechzig mal Weihnachten! Und ich habe schon zehn Jahre Montage, das musst du dir einmal vorstellen! Wart noch ein Weilchen, dann sitz ich wie der liebe Gott irgendwo im toten Weltall und schau auf die Welt mit demselben wohlwollend gleichgültigen Blick.
Ich vertreib mir großartig die Zeit. Meine Augen sind ja noch gut, gottlob, hätte ich doch meine Augen in den Knien! Schau da hinauf – ja da zwischen Fenster und Jalousie.“

“Ich sehe nichts.“

“Fein, dann sieht es vielleicht die Putzfrau auch nicht. Ein Spinnennetz, schau genau.“

“Ja, ein kleines Spinnenetz – und?“

“Stundenlang hab ich zugeschaut, leider hab ich’s nicht ganz verfolgen können, es hat ja lange gedauert, bis es fertig war. Den genauen Bauplan hab ich nicht verstanden. Aber die Spinne schon, die hat ihn im Kopf oder in den Beinen oder Gott weiß wo.
So ein verlorenes Wesen. Macht sich auf und baut sich was, lässt sich fallen ins Nichts an einem dünnen Fädchen, das es sich aus dem Leib presst. Würdest du dich das trauen?
Mit den Beinchen hat sie gesucht, sie hat immer lang gesucht, so als wäre sie blind und hätte ihr Wissen in den Beinen. Vielleicht sind Spinnen ja wirklich blind und weben im Dunkeln?

Ist die Putzfrau da, dann red ich viel, um sie abzulenken.“

“Du kannst ihr doch sagen, dass sie die Spinnwebe hängen lässt.“

“Das geht nicht, sie hat ja auch ihre Pflichten.

Aber: schon wieder hab ich geschwatzt.

Jetzt erzähl du noch was.“

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