Literatur-Nachrichten

Hartmut

Von Susanne WeigelPlötzlich stand er neben ihm. Sein langer schwarzer Mantel berührte das Waschbecken, in das Hartmut gerade die letzten Zahnpastareste gespuckt hatte. Es war Freitag, drei Minuten vor neun und er sah aus, wie Hartmut ihn sich immer vorgestellt hatte. Hartmut versuchte ihn zu ignorieren, indem er die Zahnbürste zurück in den grünen Becher stellte und das Waschbecken sauber machte. Es war ihm unangenehm, dass ihm jemand bei seiner täglichen Morgenputzaktion zusah. Hartmut zupfte sich an seiner gestreiften Schlafanzughose. Es war ihm besonders unangenehm, dass er zusah.

„Ich bin jetzt fertig.“

„Hast du dich schon gewaschen?“, fragte er.

„Natürlich. Kannst ja morgen etwas früher vorbeikommen, wenn dich das so brennend interessiert.“ Eigentlich wollte Hartmut das Badezimmer verlassen, doch er stand in der Badtür und rührte sich nicht.

„Ich möchte dir einen Gefallen tun, Hartmut“, sprach er und schüttelte seine schwarze Kapuze. „Ich bin nämlich nicht zu spät, sondern viel zu früh bei dir erschienen. Um genau zu sein sieben Minuten zu früh.“

„Aha“, Hartmut glättete sich mit den Händen das verstrubbelte Haar.

„Das hast du gerade zum letzten Mal gemacht“, sagte er und strich sich mit seinen blassen Fingern die Kapuze entlang. Anschließend deutet er auf die schlichte weiße Toilette, auf dessen Deckel sich ein grünes Glückskleeblatt leicht nach rechts beugte.

„Warst du heute schon–“

„Nein“, unterbrach Hartmut ihn forsch.  Mit ihm darüber zu reden, fand er unangenehm.

„Dann hast du gestern zum letzten Mal–“

„Nein, da konnte ich auch nich…Was willst du eigentlich von mir?“, fragte Hartmut aufgebracht, wagte es aber nicht, einen einzigen Schritt auf ihn zu zugehen.

„Ich will dir einen Gefallen tun“, wiederholte er und fügte hinzu, „Du wirst sterben und zwar in genau fünf Minuten.“

Hartmut ließ sich auf das Glückskleeblatt sinken.

„Du bist heute zum letzten Mal aufgestanden, hast zum letzten Mal in den Radionachrichten gehört, dass irgendein anderer gestorben ist und dabei zum letzten Mal dein Erdbeermarmeladenbrötchen gegessen.“

„Himbeere“, korrigierte Hartmut, „Himbeermarmelade. Und ich kann den Gefallen dabei nicht erkennen.“

„Du erhältst von mir die einmalige Möglichkeit, dir gut zu überlegen, was du als Letztes in deinem Leben machen möchtest.“

„Toll.“

„Ja, denn du weißt, dass es wirklich das Letzte sein wird.“, sagte er in einer langsamen, fast einschläfernden Art und Weise.

„Bin ich nicht viel zu jung, um zu sterben? Ich bin erst 48.“

„Ich weiß“, er seufzte übertrieben, als hätte er mit dieser Frage gerechnet, „Und hast du dir etwas überlegt?“

„Ja. Ich beantrage Verlängerung.“

„Bei wem?“

„Bei dir. Hast du keine Formulare dabei?“, fragte Hartmut empört, „Von mir aus kann die Bearbeitungszeit auch eins, zweiundzwanzig Jährchen dauern.“

Er schüttelte wieder seine Kapuze und schwieg.

„Wie viel Zeit zum Nachdenken habe ich?“

„Drei Minuten und 58 Sekunden.“

Hartmut rutschte nervös auf dem Glückklee hin und her.

„Woran werde ich sterben?“

„Das möchte ich dir nicht sagen.“

„Oh, das klingt aber nicht gut. Sicherlich wird es schmerzhaft werden.“

„Reg dich nicht auf, Hartmut. Denk an dein Herz.“

„Mir geht es gut. Ich spüre gar nichts. Also, ich spüre nichts Ungewöhnliches.“

„Es dauert ja auch noch drei Minuten.“

Er holte tief Luft und Hartmut glaubte gesehen zu haben, wie er die Augen verleierte.

„Jetzt bist du verärgert, weil ich meine restliche Zeit sinnlos mit dir verquatscht habe.“

Er nickte: „Ich hatte mir schon etwas anderes vorgestellt.“ Er sprach immer noch so ruhig und gelassen wie am Anfang. „Da gebe ich dir die Möglichkeit selbst zu wählen, was du als Letztes machen möchtest und anstatt dir etwas Besonderes auszusuchen, machst du nichts.“

„Das ist alles deine Schuld. Du hättest eben nicht kommen dürfen, also nicht zu früh.“,  meinte Hartmut und zerzauste sich mit der rechten Hand die frisch gelegten Haare.

„Was hättest du denn gemacht, wenn ich nicht zu früh aufgetaucht wäre?“

Hartmut erhob sich: „Nach dem Zähneputzen gehe ich immer zum Briefkasten.“

„Im Schlafanzug?“

„Warum denn nicht? Ich hole doch nur die Post hoch“, Hartmut schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Mist!“

„Geht’s schon los?“, fragte er.

„Das Preisausschreiben“, Hartmut stemmte die Hände in die Hüften und lief aufgebracht im schmalen Bad hin und her, „Heute werden die Gewinner des Preisausschreibens „Paradiesisches Deutschland“ in der Zeitung bekannt gegeben. Ich habe da mitgemacht und bestimmt gewonnen.“

„Meinst du?“

„Ja, ich habe noch nie etwas gewonnen. Es wird Zeit.“

„Was hättest du denn gewonnen?“

„Eine Reise. Ich weiß nicht mehr wohin. Ostsee. Vielleicht auch Nordsee. Südsee sicherlich nicht.“

„Nun wirst du eben eine andere Reise antreten“, er breitete schwungvoll seinen dunklen Mantel aus.

„Wärst du bloß nicht zu früh hier aufgetaucht, dann wüsste ich jetzt, ob ich gewonnen habe.“

Er zog den Mantel wieder enger an sich und sprach: „In fünf Minuten hättest du es doch sowieso nicht geschafft, die Zeitung heraufzuholen. Du wohnst in der fünften Etage und trägst total unbequeme Hausschlappen von Lidl.“

„Ich schaffe es in vier Minuten runter und wieder rauf. In meinen Hauschlappen. Ein Sonderangebot von Penny. Und so unbequem sind die gar nicht. Jedenfalls habe ich dann noch eine Minute Zeit, auf der letzten Seite der Zeitung die Gewinnernamen zu lesen.“

„Niemals.“

„Wollen wir wetten?“

„Von mir aus.“

„Um was wetten wir?“, fragte Hartmut lächelnd.

„Um das Recht.“

„Nur ums Recht?“, Hartmut war enttäuscht.

„Du erhältst von mir genau fünf Minuten. Ab jetzt.“ Er trat aus der Badtür in den Flur.

Der Weg war frei. Hartmut zögerte kurz. Dann rannte er los. In der zweiten Etage wäre er fast die Treppe herunter gefallen. Völlig außer Atem stand er schließlich vor den Briefkästen im Hausflur und zögerte wieder. Sollte er wirklich Rechnungen und die Tageszeitung in den fünften Stock schleppen und dann sterben? Hartmut überlegte ernsthaft. Dann rannte er nach draußen. Er lief, als wüsste er wohin. Er lief hinter das Haus auf die Wiese.

Es war Ende April. Hartmut liebte diese Zeit. Einige Butterblumen hatten sich schon in Pusteblumen verwandelt. Ein paar Schirmchen flogen davon, als er mit seinem wehenden schwarzen Mantel auf der Wiese erschien.

„Hast du wirklich geglaubt, du könntest mir entkommen?“

Hartmut schüttelte den Kopf und pflückte eine Pustblume: „Das möchte ich zum letzten Mal machen.“

„Du willst deinen letzten Atem gegen eine Blume aushauchen? Interessant. Und gleichzeitig todsterbenslangweilig.“

„Das habe ich schon immer gern gemacht, als Kind, als Jugendlicher und als Erwachsener.“

Hartmut setzte zum Pusten an und hielt kurz inne. Er drehte seinen Kopf zu ihm und sah  direkt in seine Kapuze hinein: „Bitte sag mir woran ich sterben werde.“

„An einem Herzinfarkt. In genau 32 Sekunden beginnt dein Ende.“ Hartmut pustete. Die Schirmchen flogen ihm entgegen und kitzelten ihn an der Nase. Er lachte.

„Noch 20 Sekunden. Leider kommt deine Frau erst in zwei Stunden nach Hause. Man wird dich also nicht rechtzeitig in der Wohnung finden.“

Ein Schirmchen verhakte sich in seiner Kapuze.

„Aber ich bin draußen und nicht in der Wohnung“, stellte Hartmut nüchtern fest und ließ den kahlen Stil der Pusteblume aus seiner Hand zurück auf die Wiese fallen.

„Das gilt nicht!“, brüllte er plötzlich, wobei sich sein Mantel wie die schattenhaften Schwingen eines Greifvogels über die Wiese erhob.

„Wieso nicht?“

„Weil du damit die gesamt Ordnung durcheinander bringst.“

„Ordnung ist eben nur das halbe Leben.“

„Du gehst sofort in deine Wohnung zurück, Hartmut!“

„Nein, ich lasse mich jetzt von meinem Leben überraschen und das solltest du auch tun.“ Just in dieser Sekunde griff sich Hartmut an sein Herz und sank auf die Knie.

„Überraschen lassen“, murmelte er und nahm seine Kapuze ab, „Das wäre das erste Mal.“

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld