Literatur-Nachrichten

Australien, 1947

Von Blanca Ehms Ein Mischling zu sein bedeutet meistens, das Resultat einer Vergewaltigung zu sein, die von einem weißen Mann an einer schwarzen Aborigine-Frau verübt wurde. Ich denke, im Grunde weiß das jeder, aber darüber geredet wird nicht. Es ist sogar verboten darüber zu reden, und manchmal habe ich das Gefühl, dass es verboten ist, auch nur daran zu denken.

Was im Gegensatz dazu nicht verschwiegen wird ist die Tatsache, dass wir alle Mischlinge sind. Wir, also alle Kinder, die in diesem Heim leben. Die Nonnen sagen es uns fast jeden Tag: Wir sind Mischlinge. Unsere Seelen sind schon verloren.

Jeden Tag wird für unser Seelenheil gebetet. Dass Gott uns doch erhöre, und so gnädig sei, uns zu sich zu nehmen. Aber eigentlich ist die Hoffnung für umsonst, sagt Schwester Fiona manchmal. Wir sind noch zu schwarz, zu heidnisch in unserem Inneren; aber für unsere Kinder gäbe es Hoffnung, denn diese werden nur zu einem Viertel Aborigine-Blut in sich tragen. Das ist der Plan der schlauen Männer, die den Beruf der Anthropologen ausüben. Nach drei Generationen der Vereinigung mit Menschen weißer Hautfarbe seien unsere schwarzen Wurzeln entschwunden und ihre Kraft entmachtet. Das haben wir im Unterricht gelernt.

 Am Morgen lag drei Liegen weiter rechts neben mir ein neues Mädchen. Es war wohl in der Nacht gebracht wurden und sah furchtbar verängstigt und müde aus, als es durch den grässlich lauten, hohlen Schlag der Suppenkelle auf eine Pfanne geweckt wurde. Mehr als sieben Jahre zählte es sicher nicht, süße gekringelte schwarze Locken umrandeten den Kopf und seine Nase war sehr Aborigine-mäßig ausgeprägt: flach und breit. Genau wie bei mir.

Beim Morgengottesdienst beobachtete ich, wie es langsam auf die Knie ging und die ganze Zeit die Augen offen hielt und verstohlen die kahlen Holzwände der Kirche und den einfachen Steinaltar anschaute. Nichts an ihm bewegte sich dabei; nicht der Kopf , nicht die gefalteten Hände, nicht die Lippen, nur die Pupillen. Ich hoffte für es, dass die Nonnen es nicht sähen.

Beim Frühstück aß das Mädchen genau zwei Löffel Haferschleim. Vielleicht hatte es zu viele tote Käfer darin gefunden, meinte später eines der anderen Mädchen, doch ich glaube, es hatte einfach zu viel Angst und zu viel Traurigkeit in sich, um zu essen. Als Schwester Edith kurz wegsah, tauschte ihre Tischnachbarin schnell mit ihr den Teller und zwang sich den zerkochten Brei selbst hinein. Der Dank war ein kurzes, leichtes Lächeln.

 Kurz vor Unterrichtende verkündete Schwester Fiona, dass am nächsten Tag der Fotograph zu uns ins Heim käme um eine Aufnahme für die Wohltätigkeitszeitung zu machen. Wir wurden ermahnt, früh am Morgen die Haare besonders gut zu kämmen und streng nach hinten zu binden, die Röcke zu bügeln und glatt zu streichen und unsere Schürzen heute noch gründlich zu waschen.

Ein Fotographentermin- das war etwas sehr Besonderes und kam selten vor. Ich hatte bereits zwei erlebt. Von jeder Aufnahme bekam auch das Heim eine, und diese wurde in dem Gang zwischen unserem Hausteil und dem der Nonnen eingerahmt aufgehängt. Wenn wir daran vorbei gingen, warf ich stets einen Blick auf mein abgebildetes Ich. Schon vom ersten zum zweiten Bild konnte man einen starken Unterschied erkennen- wie würde es wohl mit diesem Bild im Vergleich zum letzten sein? Ich war ein gutes Stück gewachsen in den letzten zwei Jahren und wusste von den morgendlichen Blicken in den vergilbten Spiegel des Waschraumes, dass auch mein Gesicht voller und irgendwie ernster geworden war. Doch auf einer Fotographie sah man doch sehr anders aus als in einem Spiegelbild.

 So gut herausgeputzt, wie es uns möglich gewesen war, erschienen wir pünktlich zu Unterrichtsbeginn im Schulgebäude. Wir wurden von Schwester Fiona sofort in Zweierreihe auf den freien staubigen Platz im Hof geführt. Trotz der frühen Tageszeit stach uns die Sonne schon heiß und erbarmungslos in die Nacken. Der Fotograph hatte das Gestell und die Kamera bereits aufgebaut und die Heimleiterin, Oberschwester Dorothee, erwartete uns in steifer Haltung auf einem Klappstuhl. Wir stellten uns um sie herum, der Fotograph rückte uns mit winkenden Handzeichen ein wenig zurecht. Er redete uns zu, ein möglichst freundliches und lächelndes Gesicht zu machen. So wären die Leser der Zeitung wohl am meisten angetan von diesem Heim und seinem Zweck. Uns gefiele es doch hier, nicht wahr? Er erwartete keine Antwort. Wir lächelten alle, nur Oberschwester Dorothee saß mit verkniffenen Lippen zwischen uns. Sie wollte wohl die Last ihrer Arbeit zur Schau tragen, die sie hier in gehorsamer Demut ertrug. Der Fotograph hob den Finger und vorn aus der Kamera kam ein kurzes, helles Leuchten. Wir blieben steif stehen, rührten uns nicht, bis er uns ein Zeichen gab. Das war es nun, das Ende dieses großen Ereignisses. „Zurück in den Unterricht.“ Rief Schwester Fiona sogleich, die ein Stück neben uns gewartet hatte, bis die Fotographie aufgenommen war. Im selben Moment kam auch schon die nächste Klasse aus der Tür des Schulgebäudes heraus. Wir beeilten uns, die Zweierreihe wieder zu bilden und uns hinter Schwester Fiona zu stellen. In straffem Schritt marschierten die etwas Jüngeren auf uns zu, eine Staubwolke um ihre Füße aufwirbelnd. Gesprochen wurde nicht. Als ich die Reihe kurz beobachtete, fiel mir das neue Mädchen unter ihnen auf. Seine schönen dunklen Locken waren unter eine weiße Haube gesteckt wurden, und es lief mit gesenktem Kopf neben einer viel größeren Klassenkameradin, die es mit einem Seitenblick musterte.

Schwester Fiona setzte sich in Bewegung, und wir verloren keine Sekunde ihr zu folgen. Mit einem Mal jedoch schrie jemand- vielleicht war es Schwester Fiona selbst, ich weiß es nicht -: „Eine Schlange!“ Einige kreischten auf, andere zeigten entsetzt in eine Richtung. Ich folgte ihren Fingern mit meinem Blick, und entdeckte ebenfalls das zwar nicht sehr große, aber gefährlich aussehende, schwarz-rot gemusterte Reptil, das sich in eleganten, schnellen Bewegungen auf uns zuschlängelte. Ich war mir sicher, es war eine Giftschlange. Es gibt sehr viele giftige Schlangenarten in Australien; die Chance eine nicht giftige anzutreffen ist gering. Zudem hatte sie dieses einprägsame und warnende Muster.

Ich schaute kurz zu der Nonne der jüngeren Klasse. Sie schien selbst vor dem kleinen Tier riesige Angst zu haben und reagierte nicht, als einige ihrer Mädchen anfingen, aus der Zweierreihe auszubrechen und zurückzuweichen. Die Schlange war keine fünf Meter mehr entfernt. Auch unserer Reihe zersplitterte, einige rannten sogar ein Stück weg. Erschrockene Laute waren zu hören.

Langsam löste sich mit einem Mal jemand aus der Gruppe und schritt mit behutsamen, aber festen Schritten auf das Reptil zu, was das näherkommende Wesen sofort bemerkte, sich auf der Stelle aufrichtete und gefährlich in seine Richtung leise zischte. Alle waren mucksmäuschenstill. Das neue Mädchen fing leise an zu singen- eine seltsame Melodie mit seltsamen Lauten. So etwas hatte ich noch nie gehört.

„Weg von ihr!“ Befahl die Nonne ihrer Klasse in barschem Tonfall und hätte die Neue sicher am liebsten weggezerrt, wäre die Schlange nicht so nah gewesen. „Weg von ihr habe ich gesagt!“ Ihre Stimme rutschte einen Tonfall höher, doch das Mädchen beachtete sie nicht einmal, sondern hockte sich vor das Tier hin und sang weiter. Auf seinem Gesicht sah man vollste Konzentration.

„Ich hole einen Knüppel!“ Rief eine tiefe Stimme hinter uns hektisch. Wir drehten uns mehr überrascht als erschrocken um und sahen den Fotografen unkoordiniert in eine Richtung stürzen. Die Schlange hatte seinen Ausruf auch gehört, sich blitzschnell umgedreht und wollte wieder in unsere Richtung zugeschlängelt kommen. Da stand das Mädchen auf, weitersingend, ging einen Schritt auf das Reptil zu um und erlangte so dessen Aufmerksamkeit wieder. Dann erhob es seine Stimme, sang nun laut und aus voller Kehle. Vor allem aber erschien es mir, sang es mit vollem Herzen und ganzer Seele. Es drehte seinen Rücken der Schlange zu und ging weg von uns, Schritt für Schritt auf das noch weit entfernte Tor unseres Geländes zu. Das Tier folgte ihm, immer im Tempo mithaltend, etwa einen Meter hinter seinen Fersen.

„Du bleibst hier!“ Schrie mit einem Mal die Nonne, doch weder das Mädchen noch die Schlange zuckte, noch bewegte sich irgendjemand von uns. Alle schauten mit angehaltenem Atem zu, wie die Schlangenflüsterin das giftige Reptil vor das Eingangstor brachte und dort mit einem Arm leicht in eine Richtung weg von uns wies. Dann kam sie wieder auf uns zu, ohne das Tier.

„Sie bekommt jetzt bestimmt eine Belohnung, sie hat uns ja alle gerettet.“ Meinte jemand leise hinter mir. Doch wenn ich in die Gesichter der beiden Nonnen sah, glaubte ich ganz und gar nicht an eine Belohnung.

„So tief also sitzt der böse, heidnische Glaube noch in dir!“ Waren die ersten wütenden Worte, als das Mädchen in Hörweite war. Es blieb verwundert stehen. Als es den Ausdruck auf dem Gesicht der Nonne sah, kam in seine großen Augen sofort wieder dieser schrecklich verängstigte Blick. Zurecht- denn dieser Ausdruck ließ das Schlimmste ahnen. Mit einem Mal hatte die Schwester wieder das übliche herrische Verhalten, das Leben war in sie zurückgekehrt, da die Schlange nun fort war. „Du da!“ Bestürzt bemerkte ich, dass sie auf mich zeigte. „Bring sie mit. Wir werden ihr diesen gotteslästerlichen Unfug austreiben, ein für alle Mal!“

Ich musste das Mädchen in die übliche kleine, dunkle Kammer bringen, wagte auf dem Weg dorthin nicht einmal, ihm für das Wegführen der Schlange zu danken. Ich musste es festhalten, als das graue Bügeleisenkabel, durch die Hand der Nonne geführt, wieder und wieder auf die dunkle Haut klatschte. Ich hörte die Beschimpfungen von uns Mischlingen mit an. Ich sah die stummen Tränen, die die kleinen Wangen herunterliefen. Ich konnte nichts tun.

 Als ich taumelnd auf den Flur heraustrat, wo ein anderes Mädchen stand um die Bestrafte zu ihrer Liege zu führen, kam die Nonne hinter mir ebenfalls aus der Tür. „Gottes Wege müssen manchmal grausam sein.“ Sagte sie. „Aber denke daran, nur so kann sie errettet werden. Das ist alles gut gemeint.“

1 Kommentar/e

1. Karen Erbs 15.10.2012 13:08h 
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Liebe Blanca!
Eine tolle Geschichte! Mach bloß so weiter! Ich möchte von dir noch mehr lesen in Zukunft. Es war schön, dich auf der Buchmesse kennenzulernen. LG Karen

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