Literatur-Nachrichten

Farbe und Papier

Von Annick RietzDie Musik im Hintergrund säuselte etwas von Freiheit, Glück und Liebe, die Farbe auf dem Papier schrie nach mehr. Ich hatte nicht viel geschafft, in der Zeit. Aber es war mir egal. Nicht wichtig. Ich drehte den roten Fineliner zwischen den Fingern und schaute auf meine Hände. Wie sie sich bewegten, nur mir gehorchten. Ich nahm den Stift fest in die Hand und setzte ihn an meinen linken Handrücken.

Die kleine Spitze fühlte sich kalt an. Die rote Farbe verteilte sich langsam in den Fasern meiner Haut, setzte sich in jede kleine Vertiefung. Ich vergaß, den Stift rechtzeitig abzusetzen. Die Farbe hatte sich bis zu meinen Knöcheln ausgebreitet und arbeitete sich zu meinem Handinneren vor. Ich ließ den Stift los und presste meine Hand auf das Papier. Dann betrachtete ich mein Werk. Ich war nicht zufrieden. Zu wenige Gefühle. Zu viel rot? Ich zerknüllte das Papier, das rote Papier, und wischte mir damit über die angemalte Hand. Die feinen Fasern verwischten.

Ich nahm meinen Rucksack, stopfte das Papier und den Stift lieblos hinein und stand auf. Mir war schwindelig, wie immer, wenn ich zu lange gesessen hatte und achtlos aufsprang. Mein rechter Schuh war offen, der Schnürsenkel peitschte gegen meine Wade, als ich von der Erhöhung sprang. Das Kopfsteinpflaster fing mich unsanft auf, wie jedes Mal. Eine weitere Schürfwunde auf meinem Knie. Die Haut brannte, auch wenn sie nur etwas gerötet war. Nicht wichtig. Ich rappelte mich auf, schulterte meinen Rucksack und ging die Straße entlang. Dabei sah ich auf meine Hände. Ich fixierte sie, sodass der Boden unter ihnen nur so dahinglitt. Ich schloss die Augen immer mehr, sodass ich nur noch verschiedenfarbige Punkte wahrnahm. Braun-grau, der Boden. Weiß, meine von der Sonne angestrahlten Hände. Rot, die Verfärbung auf meiner Haut.

Ich sah erst wieder auf, als ich an der Stelle vorbei war. Meine Hände zitterten. Ich fuhr mir durch die tiefschwarzen, kurzen Haare, spürte das Loch an meinem Ohr, an dem ich das Piercing getragen hatte. Meine Hände waren kalt, trotz der Sonne. Ich griff nach hinten, in meinen halboffenen Rucksack, und zog ein langes, schwarzes Lederband heraus. Dann überquerte ich die Straße und hielt vor dem Stopp-Schild. Die rote Farbe war ausgeblichen; im Sommer stand es nachmittags ununterbrochen in der Sonne. Ich starrte es lange an. Dann wickelte ich das Lederband zwei Mal um den Pfahl und knotete es zusammen. Bald würde kein Platz mehr sein. Bald würde das Grau des Pfahles unter dem Schwarz des Leders verdeckt sein. Ich lächelte traurig und ließ meine Fingerspitzen im Vorbeigehen durch die ledrigen Fransen gleiten. Meine Füße trugen mich den Straßenrand entlang, immer weiter weg. Der staubige Untergrund rieb an den Sohlen meiner Schuhe, ich ließ den Kopf in den Nacken fallen und starrte in den Himmel. Die Wolken sahen viel zu weich aus. Die Sonne blendete, ich kniff die Augen zusammen. So unendlich. Konnte das sein? Ich hörte ein Motorengeräusch hinter mir und schreckte auf. Ein schwarzes Auto kam die Straße entlang, genau auf mich zu. Mein Herz begann zu rasen, meine rechte Hand krallte sich in den Riemen meines Rucksackes. Ich schluckte. Dann senkte ich den Blick auf meine Füße und ging langsam weiter. Langsam, ganz langsam. Schnell war nicht gut.

„Hallo Lukas! Soll ich dich ein Stück mitnehmen?“ Ich hörte den Motor ruhig neben mir brummen, als wäre er eine friedliche, schnurrende Katze. Doch ich wusste, dass es nicht so war.

„Lukas?“ Ich lief weiter, ganz langsam, den Blick noch immer auf den Boden gerichtet. Wie ich diesen Namen hasste. Das Auto fuhr neben mir her, ganz langsam und schnurrend. Leise Musik drang aus dem Autoradio durch das heruntergekurbelte Fenster an mein Ohr. Schnelle Musik.

„Du brauchst doch nicht laufen. Komm, steig ein.“ Ich sah aus den Augenwinkeln, wie er sich über den Beifahrersitz beugte und die Autotür öffnete. Ich hob den Kopf, sah geradeaus, die lange, endlose Straße entlang. Mein Kopf dröhnte von der Sonne und mein Knie brannte noch immer. Aber mein Herz hatte sich beruhigt. Ich stieg ein, ließ mich auf das Polster sinken und nahm meinen Rucksack auf den Schoß. Er lächelte zufrieden. Ich wusste genau, was er dachte. Er gab Gas und wir wurden schneller. „Willst du eine?“ Er hielt mir die Zigarettenpackung hin. Ich grinste und nahm eine, obwohl ich Zigaretten hasste. Immer schon. Er gab mir Feuer und steckte sich selbst auch eine an. Ich blies den Rauch aus dem Fenster und hätte die Zigarette am liebsten gleich hinterher geworfen. Doch ich tat es nicht. Für ihn. „Und, wo kommst du her?“, fragte er, beide Hände am Lenkrad, die Zigarette zwischen den Lippen. Sie wippte albern hin und her, während er sprach. Ich zuckte mit den Schultern und schaute nach draußen, schnippte dabei die Asche auf die Fahrbahn. Ich wollte es ihm nicht zu leicht machen. All diese belanglosen Fragen, die nur zum Gesprächsaufbau dienen sollten. Dabei waren sie nicht belanglos. Nicht für mich. „Hast du wieder gemalt?“, fragte er erneut. Er gab nicht schnell auf. „Ein bisschen“, antwortete ich und sah auf seine Hände. Sein kleiner Finger zuckte unmerklich und der Daumen trommelte einen unruhigen Beat auf das Lenkrad. Er war angespannt und gab sich große Mühe, das Gespräch am Laufen zu halten. „Das ist schön! Willst du es mir zeigen?“ Er lächelte und versuchte, sympathisch zu wirken. Und doch war er so unsicher. Am liebsten hätte ich das Auto angehalten und wäre ausgestiegen. Aber ich tat es für ihn. Ich holte meinen Block aus der Tasche und suchte nach einer Zeichnung, die nicht zu persönlich war, und zeigte sie ihm. Sie bestand nur aus dunkelblauer Farbe und einem grünen Strich. Er nahm sie in seine rechte Hand, nachdem er sich die Zigarette erneut in den Mund schob, und betrachtete mein Bild ausführlich. Ich wusste, dass er versuchte, mich darin zu finden. Mich zu analysieren. Das war sein Job. Doch ich wusste, dass er daraus nicht schlüssig wurde. Er gab sie mir wieder, seine Augenbrauen waren ein Stück nach oben gerutscht. Dann fixierte er wieder die Straße. „Das ist wirklich gut, Lukas“, sagte er und es klang ehrlich. Dabei war das Bild eines der Schlechtesten, die ich je gemalt hatte. Ich stopfte das Papier wieder zurück in die Tasche.

„Lukas, ich verstehe es noch immer nicht… Vielleicht möchtest du es mir ja erklären“, sagte er, schaute mich an, wartete auf meine Aufmerksamkeit. Ich wusste genau, was er meinte. Doch ich wartete, bis er weitersprach. „Es ist sehr wichtig, dass du regelmäßig zu unseren Terminen kommst. Es soll dir helfen, und das tut es bis jetzt doch auch, nicht?“ Er schaute wieder auf die Straße, erwartete keine Antwort, war sich sicher mit dem, was er gesagt hatte. Doch es stimmte nicht. Die Therapie hatte mir noch nie gut getan. Er sprach weiter. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass du nicht an den Erfolg glaubst. Oder an meine Unterstützung.“ Wohl eher an den Sinn. Er sah mich fest an. „Lukas, die Therapie hilft dir. Du musst den Unfall begreifen und hinnehmen, dann wirst du darüber hinweg kommen. Es ist nicht leicht, aber wenn du dich öffnest, wird es dir besser gehen.“ Mein Inneres zog sich zusammen. „Und was, wenn ich es nicht hinnehmen will?“, stieß ich hervor. Er starrte mich an, mit einer Mischung aus Erstaunen, Verwirrung und Zufriedenheit. „Hh.“ Er stieß die Luft mit dem Rest Rauch aus und warf den Zigarettenstummel aus dem Fenster. Dann befeuchtete er unmerklich seine Lippen. „Lukas, dein Bruder ist tot, daran kann niemand etwas ändern. Es war ein Unfall und niemand trägt Schuld.“ Er wollte weiterreden, doch ich öffnete die Tür und sprang aus dem fahrenden Auto. Ich fiel mit voller Wucht auf den Boden, schürfte mir die Handballen und Knie auf und blieb schließlich auf der Straße liegen. Die Reifen quietschten, als er eine Vollbremsung hinlegte. Kurz darauf hörte ich die Autotür dumpf zuschlagen und seine eiligen Schritte, die sich mir näherten. Ich sprang auf, wandte mich ab und wollte rennen, doch es tat zu sehr weh. Ich erwartete, dass er zu mir kommen würde, doch seine Schritte waren verebbt. Ich drehte mich um. Er stand auf der Hälfte des Weges und hob langsam meine Zeichnungen auf, die aus meinem Rucksack gefallen waren. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er musterte meine Bilder und sah mich dann forschend an. Dann ging er langsam auf mich zu. „Lukas, wer ist diese Person? Ist das dein Bruder?“, fragte er und tippte auf das Bild. Das Bild, das ich ihm niemals hatte zeigen wollen. Ich starrte ihn an. Der pochende Schmerz drängte mich zum Reden. „Julian wollte mir immer helfen, er hat es immer gut gemeint.“ Es tat weh, über meinen verstorbenen Bruder zu reden, und doch so gut. „Er hat mir jedes Jahr ein Lederband geschenkt. Zum Geburtstag. Ich bin so wütend auf ihn! Dabei hat er es immer gut gemeint!“ Ich verzog das Gesicht vor Schmerz. Sein Blick fiel erneut auf das Bild. „Wieso hast du ihn gemalt, wie er von jemandem erschossen wird?“ Meine Augen verengten sich. Ich schwieg. „Lukas, es war ein Unfall. Das Stopp-Schild stand im Schatten und konnte daher nicht gesehen werden. Niemand hat -“ „Ich habe ihn umgebracht! Weil er wegen mir losgefahren ist! Ich wollte, dass er noch ein paar Bier besorgt!“ Sein Blick wurde ernst. „Du hast ihn nicht getötet.“ Mehr brachte er nicht heraus. Ich wischte mir über mein Gesicht. Ich wusste, dass er es gut meinte, aber das half mir nicht.

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