Literatur-Nachrichten

Intensives Kratzen am schönen Schein

Dominique Manotti schaut gnadenlos genau hinter die Kulissen der Politik. Ihre Thriller sind keine leichte Kost, aber erhellend für den Leser, sagt Buchjournal-Kolumnist Tobias Gohlis.

Polit-Thriller gehören zum Spannends­ten, was es zu lesen gibt. Selbst die schwächeren bestärken den skeptischen Staatsbürger in der Vermutung, dass es in der Politik eher nicht um hehre Werte oder die Einhaltung der Gesetze geht, sondern um Macht und Machterhalt und dass die Gesetze dafür instrumentalisiert werden. Und die guten legen den seismischen Finger an die Verwerfungen der Zeit.
Die französische Historikerin Dominique Manotti hat auch hierzulande mit außergewöhnlichen Krimis immer mehr Leser fasziniert. Zuletzt erschien von ihr 2011 mit „Einschlägig bekannt“ ein beklemmender Thriller aus den Banlieues von Paris. „Der Roman Noir stellt das Verbrechen ins Zentrum der Erzählung – das Verbrechen als Krise, als Bruch, als Moment, in dem sich die tiefen Strukturen offenbaren und in dem die Oberfläche aus Wohlanständigkeit und Konvention explodiert“, begründete sie kürzlich den Boom an politischer Kriminalliteratur. Gleich mit zwei Titeln kratzt sie in diesem Herbst am schönen Schein.
In „Die ehrenwerte Gesellschaft“ lässt sie gemeinsam mit dem Autor DOA (das Pseudonym ist eine Reverenz vor dem Film Noir „Death On Arrival“) den französischen Präsidentschaftswahlkampf 2007 in die Luft fliegen. Drei Öko-Aktivisten werden beim Hackerangriff auf den Computer eines Sicherheitsbeamten der französischen Atomenergiebehörde CEA unfreiwillig Zeugen eines Einbruchs und Mordes. Ihr USB-Stick, auf dem brisante Daten über die ­geplante Privatisierung der staatlichen Atom­industrie und eine Aufzeichnung des Mordes gespeichert sind, wird zum allseits umkämpften Objekt.
Polizei, Justiz, Geheimdienste, Parteien, Presse: Alle sind auf der einen oder anderen Seite in die Jagd nach dem Stick verwickelt. Die Wahrheit, das Leben, die Liebe – alles wird in den Strudel des Machtkampfes gerissen und ihm nach Bedarf geopfert. Ein gnadenlos skeptischer Blick hinter die Kulissen der (nicht nur französischen) Politik.

An deren Ursprünge im Mythos der Selbstbefreiung und -reinigung Frankreichs durch die Résistance geht Domi­nique Manotti zurück in „Das schwarze Korps“. Darin erzählt sie vom einsamen Kampf des gaullistischen Agenten Domecq. Während die alliierten Truppen gen Paris vorrücken, versuchen deutsche und französische Nazis, Kollaborateure, Unternehmer und Politiker, ihre Beute in Sicherheit zu bringen, eine günstige Ausgangsposition für die Zeit nach der Befreiung zu erreichen und möglichst viele Konkurrenten auszustechen. Beide Romane verlangen vom Leser Anstrengung bei der Verfolgung der Figuren, ihrer Verstrickungen und Intrigen. Belohnt wird das durch Erhellung.

 

Tobias Gohlis© Marco Grundt

Zur Person
Tobias Gohlis ist freier Journalist und Sprecher der KrimiZeit-Bestenliste

 

Titel

  1. Die ehrenwerte Gesellschaft
    • VerlagAssoziation A
    • Preis 14,00 €
    • ISBN 978-3-86241-419-2

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  2. Das schwarze Korps
    • VerlagArgument Hamburg
    • Preis 17,90 €
    • ISBN 978-3-86754-206-7

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