Literatur-Nachrichten

„Das Leben ist ein Abenteuer“

Hinaus ins Ungewisse!“ heißt das Motto beim forum:autoren im November. Kuratorin Thea Dorn lädt dazu ein, das Fantastische, Dunkle und Abgründige in der Literatur zu entdecken.

Beim forum:autoren laden Sie das Publikum zu einer romantischen Reise ein, Motto: „Hinaus ins Ungewisse!“.  Was dürfen wir in München in diesem Jahr erwarten?
Thea Dorn: Wir laden dazu ein, das Leben wieder als das zu entdecken, was es ist: als Abenteuer. Uns wird nicht das interessieren, was das Feuilleton regelmäßig einfordert, nämlich den „welthaltigen Roman“, sondern die Art von Literatur, die sich in der Tradition der Romantik sieht: Bücher, in denen es gerade nicht darum geht, unsere Wirklichkeit abzubilden, sondern andere Räume und Welten zu öffnen.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Das Ungewisse lässt sich teilweise durchaus wörtlich verstehen, etwa wenn es in Büchern um das Reisen geht, allerdings nicht im Sinne herkömmlicher Reisebeschreibungen. Uns begegnen Texte, in denen  Ort und Raum verschwimmen, wie etwa bei Christoph Ransmayr, Vladimir Sorokin oder Marie Pohl. Es wird aber auch um religiöse und metaphysische Fragen gehen, wie sie etwa Martin Walser in seinem neuen Roman „Das dreizehnte Kapitel“ stellt. Walser wird das Festival am 15. November übrigens auch mit einer Lesung im Münchner Literaturhaus eröffnen.

Kommt das Fantastische, Dunkle, Ungewisse in der heutigen Literatur denn zu kurz?

Ich habe den Eindruck, dass dies in der deutschen Literatur in den vergangenen Jahren zurückgedrängt wurde. Sehr beliebt sind die großen Familienromane, die meist sehr deutlich an realen Familiengeschichten entlang erzählt sind. Solche Romane vermeiden den Sprung in eine andere Welt und Wirklichkeit, wie dies beispielsweise Felicitas Hoppe in ihrem neuen Roman „Hoppe“ wagt und die auch in München zu Gast sein wird. Ich bin überzeugt, dass deutsche Romane am stärk­sten sind, wenn sie die romantische Tradition des Unheimlichen, Abgründigen  ernst nehmen. 

Ist die Programmidee aus Ihrem Buch „Die deutsche Seele“ herausgewachsen?
Absolut. Während der Arbeit an diesem Buch habe ich mich noch einmal ganz neu in die deutsche Romantik verliebt. Als ich gefragt wurde, ob ich das forum:autoren kuratieren wolle, war mir sofort klar, dass die romantische Idee der Punkt sein würde, an dem ich ansetzen möchte. In diese Richtung sollte das Festival Fahrt aufnehmen.

Aber suchen Menschen in unserer unübersichtlichen, unsicheren Welt nicht nach dem Ungewissen statt im Gegenteil nach Sicherheit?
Genau dieses Thema wollen wir auch in München mit Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski und anderen unter der Überschrift „Jenseits der Sicherheit?“ diskutieren. Es geht um die Frage, wie wir in unserer, nach allen Seiten abgesicherten westlichen Welt noch mit dem Ungewissen, dem Unbekannten umgehen. Was heißt denn Sicherheit? Einerseits leben wir heute so abgesichert wie nie zuvor, andererseits bedeutet Sicherheit doch auch, dass ich mich in meinem Leben zu Hause fühle, meinen Seelenfrieden gefunden habe. Die größeren Sicherheiten im medizinischen oder sozialstaatlichen Bereich, die wir genießen, lassen uns doch immer noch trostlos und verunsichert dastehen. Vielleicht ist es deshalb besser, das Leben nicht als komplett planbar, vorhersehbar, sicherbar zu verstehen, sondern eben als ungewisses Abenteuer.

Welchen Autoren können wir in München denn noch begegnen?

Neben den bereits genannten kommen unter anderen Karen Duve, Jenny Erpenbeck, Sibylle Lewitscharoff, A. L. Kennedy und Christian Kracht. Außer den Lesungen wird es Podiumsdiskussionen geben, etwa mit dem Komponisten Wolfgang Rihm und dem Philosophen Kurt Flasch. Mit ihnen spreche ich über die bescheidene Frage „Was ist Gott?“.  Ein besonderes Ereignis wird ­sicher auch die „Lange Nacht der Nacht“ am 17. November. Die Veranstaltung hat drei Teile: eine Lesung aus Walter ­Moers’ Tex­ten zur Dunkelheit, ein Liederabend von und mit Franz Wittenbrink, bei dem es natürlich auch um die Nacht gehen wird, und schließlich die „Nach(t)lese“. Autoren werden ihre Lieblingstexte mitbringen, und ich weiß selbst noch nicht, was da auf mich und das Publikum zukommen wird. 

 

Interview: Eckart Baier

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