Literatur-Nachrichten

"Wir müssen für die Freiheit kämpfen"

Geschichte als Unterhaltungsroman: Ken Follett macht das dunkle 20. Jahrhundert lebendig, ohne zu beschönigen. Ein Gespräch über Krieg und darüber, warum der britische Bestsellerautor ihn manchmal für notwendig hält.

Es ist fast eine Postkartenidylle der Himmel ist wolkenlos, die Sonne taucht Belchite in ein freundliches, warmes Licht. Tatsächlich aber ist der kleine Ort, der eine Autostunde von Saragossa entfernt mitten im Nirgendwo liegt, ein Mahnmal. Er wurde im Spanischen Bürgerkrieg zerstört, und Franco verhinderte den Wiederaufbau an derselben Stelle. Die Ruinen sollten daran erinnern, dass die sozialistischen Einwohner auf der aus seiner Sicht falschen Seite gestanden haben. Und heute erinnern die Ruinen daran, wie furchtbar, wie zerstörerisch der Krieg war.

Belchite ist einer der Orte, die in Ken Folletts neuem Roman eine Rolle spielen, dem zweiten Band seiner Trilogie über das 20. Jahrhundert. Der erste Band "Sturz der Titanen" erzählt von der Russischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg. In detaillierten, genau recherchierten Geschichten mit zahlreichen fiktiven Figuren, aber auch mit authentischen historischen Persönlichkeiten Geschichte, spannend dargeboten als Unterhaltungsroman, aber ohne das dunkle 20. Jahrhundert zu beschönigen und aufzuhellen. Jetzt ist die Fortsetzung erschienen. Der zweite Band setzt 1933 mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland ein, erzählt vom Spanischen Bürgerkrieg, von Hitlers und Stalins Terror, vom Zweiten Weltkrieg, von Pearl Harbour und Hiroshima.Wir haben Ken Follett in Belchite getroffen und mit ihm über diesen Roman gesprochen. Und sind einem britischen Gentleman begegnet, der bei 30 Grad im Schatten auch mal zum Sonnenhut greift und das Hemd locker über die Hose hängen lässt. Der ein größeres Vermögen mit seinen Büchern verdient hat und sich immer noch aus tiefster Überzeugung für die britische Labour-Partei engagiert. Der humorvoll von sich spricht und sehr engagiert über politische Themen: Geschichte und Politik, die Fragen nach dem, was uns bestimmt und was wir tun sollen, sind für ihn enorm wichtig.

Der zweite Band Ihrer Trilogie über das20. Jahrhundert ist in den 1930er und 1940er Jahren angesiedelt, dabei spielt der Spanische Bürgerkrieg eine wichtige Rolle. Warum haben Sie sich in diesem Kontext vor allem auf Belchite konzentriert?

Ken Follett: Der Kampf um diesen Ort zeigt die Stärken und Schwächen beider Seiten sowie die Konflikte der Regierungsseite, nicht zuletzt zwischen Kommunisten und Anarchisten. Außerdem war dieser Kampf ein Wendepunkt die Republikaner verloren immer mehr an Boden. In gewisser Weise steht Belchite für den gesamten Spanischen Bürgerkrieg, und alles, was ich über ihn erzählen wollte, konnte ich hier bündeln.

Der Spanische Bürgerkrieg hat viele junge Männer aus Europa und Amerika angezogen. Wären Sie auch dabei gewesen, wenn Sie früher geboren wären?

Wahrscheinlich hätte dieser Krieg, den ich als einen Krieg für Frieden und Demokratie sehe, mich ebenso angezogen wie sie ich war als junger Mann sehr politisch und idealistisch. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich tapfer genug gewesen wäre.

Für viele scheint dieser Krieg vor allem ein Abenteuer gewesen zu sein, zumindest bevor sie in den Schützengräben lagen.

Das war er sicherlich auch. Zum Beispiel für junge Minenarbeiter aus Wales Arbeiter sind damals unter normalen Umständen nicht in andere Länder gereist, und der Krieg war für sie eine Gelegenheit dazu. Aber es gab auch noch einen anderen wichtigen Grund dafür, in diesen Krieg zu ziehen. Er fand zu einer Zeit statt, als viele Männer arbeitslos waren. Wenn man keinen Job hat und auch keine Aussicht darauf, einen zu bekommen, kann es attraktiv sein, anderswo hinzugehen und zu kämpfen.

Sie erzählen, dass viele der Freiwilligen von Russen terrorisiert und auch ermordet wurden. War das tatsächlich so?

Ja. Die Sowjetunion hatte den KGB nach Spanien geschickt, und jeder, der ihre Ideologie infrage stellte, kam ins Gefängnis und wurde gefoltert. Einige der Freiwilligen starben dann auch dort und nicht auf den Schlachtfeldern. Die Sowjets haben ihr System in Spanien eingeführt und versucht, ihre Methoden der spanischen Regierung aufzudrücken.

Warum war das möglich?

Die spanische Regierung hatte nicht genügend Waffen und die Einzigen, die ihnen Waffen verkauften, waren die Sowjets. Dafür haben sie Bedingungen gestellt, und die Spanier haben getan, was ihnen von den Politkommissaren aufgetragen wurde.

Sie zeigen die dunklen Seiten des sowjetischen Systems sehr deutlich. Wie aber sehen Sie den Kommunismus Sie haben ja in den 1960er Jahren studiert, als er für viele sehr attraktiv war?

Als ich studierte, waren die klügsten Leute Marxisten, das allein übte schon eine große Anziehungskraft aus. Aber ich war schon damals antikommunistisch eingestellt. Wahrscheinlich vor allem deshalb, weil die Kommunisten mich zu sehr an die christliche Sekte erinnerten, in der ich aufgewachsen bin ich glaube nicht an solche festgefügten Ideologien. Dennoch war mir nicht klar gewesen, wie schlimm das System nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in vielen anderen Ländern war. Das Schreiben dieses Romans hat mich dann zu einem noch leidenschaftlicheren Antikommunisten gemacht.

In den ersten beiden Bänden Ihrer Trilogie spielen Kriege eine große Rolle. Wie denken Sie darüber lehnen Sie Kriege grundsätzlich ab oder glauben Sie, dass es gute Gründe dafür geben kann?

Ich glaube heute, dass es gute Gründe dafür geben kann, auch wenn Krieg immer brutal und furchtbar ist. Und heute ist er ja noch schlimmer als in früheren Jahrhunderten, weil wir so effektive Tötungsmaschinen haben. In meinem Leben hat es einen Moment gegeben, als ich dicht an der Entscheidung zum Krieg war: Meine Frau war Mitglied im Parlament, als es darüber zu entscheiden hatte, ob Großbritannien den US-Amerikanern in den Irakkrieg folgt. Barbara und ich haben tagelang über nichts anderes gesprochen, und dann haben wir uns dafür entschieden.

Warum?

Ausschlaggebend für mich war, dass Saddam Hussein mehr als 100 000 seiner eigenen Landsleute getötet hat Kurden, Mitglieder einer Minderheit. Das haben wir schließlich aus dem 20. Jahrhundert gelernt: wie teuflisch es ist, eine Minderheit zu verfolgen und zu ermorden. Ich glaubte, dass das einen Krieg rechtfertigen würde. Ich denke aber sehr oft darüber nach: Als junger Mann war ich leidenschaftlich gegen Krieg und später, in der einzigen Situation meines Lebens, als ich ein bisschen Einfluss nehmen konnte, habe ich mich für den Krieg ausgesprochen.

War es die richtige Entscheidung?

Es war auf jeden Fall eine Entscheidung, die sich ins Schlechte gewendet hat. Und das ist ja meistens so: Krieg entwickelt sich in der Regel nicht so, wie es erwartet wird. Er ist unvorhersehbar. Militärs sagen, dass kein Kriegsplan die erste Begegnung mit dem Feind überlebt. Dennoch glaube ich, dass er manchmal richtig ist. Leider. Es klingt gut, was junge Leute sagen, und ich habe es auch gesagt: nie wieder Krieg! Aber ich befürchte, dass das zu einfach ist.

Was spricht für einen Krieg? Warum sollen Menschen ihr Leben riskieren?

Nehmen Sie zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg, den schlimmsten Krieg in der Menschheitsgeschichte mit Millionen und Abermillionen Toten. Es gab einen Zeitpunkt, als dieser Krieg hätte verhindert werden können, das war im Mai 1940. In Großbritannien gab es nach Chamberlain zwei Kandidaten für den Posten des Premierministers: Churchill, der sich schließlich durchsetzte, und der pazifistischere Halifax. Was wäre passiert, wenn er Premier geworden wäre? Er hätte vermutlich Frieden mit Deutschland haben wollen. Er hätte gesagt: Deutschland herrscht über Polen, Holland, Belgien, Frankreich, Norwegen und wir akzeptieren das. Aber was wäre mit Europa passiert? Eine Vorstellung davon gibt uns Spanien, das über Jahrzehnte faschistisch blieb: Diktatur, Massenmorde, Menschenrechte waren bedeutungslos. Das alles hätte auch Europa gedroht.

Im Zweiten Weltkrieg sind unglaublich viele Menschen gestorben, und nur der Westen ist am Ende politisch halbwegs gut herausgekommen. War es das wert?

Ich finde diese Frage berechtigt nicht zuletzt deshalb, weil die Zahl der Menschen, die im Krieg umkamen, sehr viel höher ist, als die Zahl derjenigen gewesen wäre, die von den Faschisten getötet worden wären. Ich denke trotzdem, dass wir für die Freiheit kämpfen müssen, auch wenn die Opfer dafür sehr hoch sind.

"Winter der Welt" endet 1949. Wie wird es weitergehen im dritten Band Ihrer Trilogie?

Der zweite Band endet, als auch die Sowjets über eine Atombombe verfügen und es ein Patt zwischen den Großmächten gibt. Im letzten Band geht es dann um den Kalten Krieg, und der Roman wird 1989 mit dem Fall der Mauer enden.

 

Zur Person

Ken Follett, geboren 1949 in Cardiff, Wales, hatte seinen Durchbruch als Autor 1979 mit dem Spionagethriller "Die Nadel". Es folgten etliche weitere Thriller, seinen größten Erfolg landete er aber 1990 mit dem Mittelalterroman "Die Säulen der Erde", die Fortsetzung "Die Tore der Welt" erschien 2007. Ken Follett ist in zweiter Ehe seit 25 Jahren mit Barbara Follett verheiratet. Sie war britische Parlamentsabgeordnete von 1997 bis 2010 und Gleichstellungsministerin in der Regierung Gordon Brown. Heute leitet sie Kens Londoner Büro mit 22 Mitarbeitern. Ken und Barbara Follett leben in London und Herfordshire.

 

Interview: Sabine Schmidt

Titel

  1. Winter der Welt
    • VerlagBastei Lübbe
    • Preis 29,99 €
    • ISBN 978-3-7857-2465-1

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  2. Winter der Welt
    • VerlagBastei Lübbe
    • Preis 29,99 €
    • ISBN 978-3-7857-4687-5

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