Kolumnen
02.11.2012Dunkelkammer – Die Krimikolumne
Gestrandet am Rande des Ozarks
Den amerikanischen Autor Daniel Woodrell können deutsche Krimileser seit 1994 kennen, als sein Debütroman „Cajun-Blues“ erschien – mit achtjähriger Verspätung zum amerikanischen Original. Jahrelang war Woodrell nur unter Fans eine Größe. Berühmt wurde der 1953 geborene Autor als Verfasser der Romanvorlage zu dem mehrfach ausgezeichneten Film „Winter’s Bone“, der 2011 für den Oscar nominiert wurde.
Verspätet, aber nicht zu spät, halten wir jetzt „Der Tod von Sweet Mister“ in der Hand. Das amerikanische Original erschien 2001, fünf oder sechs Jahre, nachdem Woodrell wieder in die Ozarks zurückgekehrt war. Die Ozarks sind ein Hochland im Zentrum der USA, ein Rückzugsgebiet par excellence. Aus „Winters Knochen“ kennen wir ihre abgelegenen Täler, in denen das einzige halbwegs ertragbringende Produkt Methamphetamin ist und die einzigen religiösen Riten aus Derivaten von Gewalt und Schweigen bestehen.
Am Rande dieses Hinterwalds liegt die fiktive Kleinstadt West Table, ein Konglomerat mit den üblichen Zutaten amerika-nischer Zivilisation: Tankstelle, Fast-Food-Restaurant, Kneipe und Friedhof. Dort hausen der 13-jährige Shug und seine wunderschöne, aber allzu sehr dem Träumen und dem vornehm „Tee“ genannten Alk-Mix verfallene Mutter Glenda. Für die Miete halten sie den örtlichen Friedhof sauber, einer der vielen kleinen Dienste, die Shug anstelle seiner unpässlichen Mutter leistet. Doch Shugs Leiden heißt Red.
Red ist ein kleiner Dieb, Einbrecher und Sadist.
Weil Glenda, die irgendwie ohne Mann nicht lebensfähig ist, ihm verfallen ist, ist es auch Shug. Shug ist zu dick und zu groß für sein Alter, was ihm nicht nur die stiefväterliche Anrede „Fettsack“ einbringt, sondern ihn auch nicht gerade geeignet macht, um an Regenrohren hochzuklettern. Weil Red und sein Einbrecherkumpel Basil fürchten, wieder in den Knast zu kommen, ziehen sie es vor, Shug Medikamente aus Arztpraxen und aus Zimmern todkranker Jugendlicher klauen zu lassen. Mit 13 ist man auch in den USA noch nicht strafmündig.
Shug hasst Red. Das liegt nicht nur daran, dass dieser ihn bis aufs Blut quält. Shug hasst ihn, weil er seiner Mutter Gewalt antut. Sie wirft sich zwischen Red und ihren kleinen „Sweet Mister“, und Shug muss ertragen, was Red dann anstelle von ihm mit ihr treibt. Entweder Red bringt Shug um oder … Das ist die Ausgangskonstellation dieser am Rande der Ozarks gestrandeten Zwangsfamilie. Atemlos macht nicht nur die rasende Zuspitzung des Konflikts. Mehr noch ist es Woodrells ungemein lakonische, zwischen Gewalt und Liebessehnsucht manövrierende Sprachkunst – kongenial ins Deutsche übertragen von Peter Torberg.
Anfang November wird außerdem Woodrells „Bayou-Trilogie“ um Detective René Shade in einem Band bei Heyne erscheinen (Titel: „Im Süden“). 650 Seiten härtester, witziger, bösartiger Stoff mit einem Vorwort von Krimiautor Frank Göhre: „Eine Kampfansage an das Establishment, an die Dummschwätzer und Schönredner.“
Tobias Gohlis ist Sprecher der KrimiZeit-Bestenliste.
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Woodrell, Daniel Der Tod von Sweet Mister Roman Liebeskind - gebunden, 16,90 Euro ISBN: 978-3-935890-95-3 Bestellen |
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