Literatur-Nachrichten

Brueghel und Pollock

Den Älteren kennt man als Autor, den Jüngeren als Illustrator: Die Brüder Andreas und Dirk Steinhöfel arbeiten beide für das Kinderbuch. Und halten zusammen gegen den Rest der Welt. Ein Besuch im hessischen Biedenkopf.

Behäbig scheint die Burg die unter ihr liegende Kleinstadt zu schützen: ein idyllischer Blick, den Andreas Steinhöfel auf seiner Terrasse vom Frühstückstisch aus genießen kann. „Eine hübsche Kulisse, aber dahinter gibt’s auch Grausamkeiten – die Dunkelseite“, warnt der Schriftsteller. „Als Taxifahrer erlebst du hier alle menschlichen Abgründe“, ergänzt sein jüngerer Bruder Dirk trocken.

In diesem Metier kennen sich die beiden aus: Als sie zehn und zwölf Jahre alt waren, gründete ihr Vater ein Taxiunternehmen, die Mutter gab ihren Job als Sekretärin auf: ein Familienbetrieb. „Wir waren die Zentrale und wurden nachts vom Telefonklingeln geweckt; mich hat es schulisch nicht umgehauen, Dirk ist als Einserschüler abgesackt – er war zu müde“, erinnert sich Andreas. „Letztlich war es die totale Selbstausbeutung – obwohl ...“, die beiden grinsen sich an, „als Freischaffende stehen wir vor ähnlichen Problemen.“

Kritisch analysieren die zwei Brüder (es gibt noch einen jüngeren, Björn) beim gemeinsamen Frühstück ihre Kindheit, vergleichen ihre Sicht aufs Leben, ihre Charakterzüge. „Dirk ist viel renitenter; sobald es um Fairness und Gerechtigkeit ging, hat er sich mit Autoritäten angelegt, und ich war immer wieder der Nutznießer“, gesteht Andreas. „Andy ist viel diplomatischer“, erwidert Dirk, „der geborene Konfliktschlich­ter.“

Während sich beim jüngeren Bruder schon früh handwerkliche Fähigkeiten zeigten, „hat es bei mir nur zur Strickliesel gereicht“, meint Andreas lakonisch. „Die Kunstlehrerin hat gesagt: ,Andi, das kannst du nicht‘, und ich hab’s geglaubt.“ Dirk widerspricht: „Er zeichnet gut, ständig scribbelt er.“ Allerdings sei­en die Temperamente in der Tat höchst unterschiedlich: „Ich bin der Brueghel, ein solider Handwerker, er ist der Action-Painter Pollock.“

Mit 16 trat Dirk die Flucht aus der Schule an, machte eine Lehre als Bürokaufmann, fuhr mit 17 Taxi. Andreas bekam für seine Aufsätze eine Vier – der Deutschlehrer ­bemängelte ein Übermaß an Fantasie –, versteckte sich in der Welt der Bücher, las querbeet, Was-ist-was, Heftchenromane, Fan­tasy. In der Oberstufe sei er dann aufgeblüht wie eine Frühlingsprimel, entdeckte Böll, Orwell und andere Autoren: „Ich hab’ gelesen, aber nie richtig gelernt.“ Dirk dagegen war in der Welt der Musik unterwegs. „Ich lese eher wenig, diese Nische war besetzt“, sagt er selbst. „Der lesende Mensch“, grätscht Andreas dazwischen, „ist keineswegs der bessere Mensch.“

Während Andreas Biologie und Englisch in Marburg studierte, Drehbuchseminare besuchte, holte Dirk sein Abitur nach, machte an der Staatlichen Fachschule für Porzellan und Keramik in Selb eine Ausbildung als Porzellanmaler und studierte dort Gestaltung und Entwurf. Dann arbeitete er im Marketing und in der Werbung: „Ich war ein klassischer Wohlstandssingle.“

Kein Zustand, den er sich dauerhaft wünschte. Das Zeichnen hatte er nie aufgegeben, bemühte sich um Verlagskontakte, und als er für Carlsen eine Probeillustration anfertigte, las Andreas den Text: „Der war grässlich, und ich hab’ gesagt: Das geht besser – so was schreibe ich ja mit links.“

Dieses Großmaul, dachte Dirk und sagte: „Mach’ doch! Siehste mal, wie es ist, ’ne Absage zu kriegen!“ So schrieb Andreas parallel zu seiner Magisterarbeit „Dirk und ich“, eine „Wunschkindheit“. Die Wirklichkeit sah anders aus: Der Vater misshandelte sie, es gab viele Konflikte. Und später, „als Jugendlicher schwul zu sein in Biedenkopf, das ist kein Zuckerschlecken“, sagen die Brüder, die damals nicht ahnten, dass auch der andere schwul war. „Die behütete Kindheit gibt es nicht“, meint Andreas nachdenklich und schenkt Kaffee nach, „die wünschen sich Lektoren, die mir bei Texten sagen: Das ist doch ein bisschen heftig, und: Das würden Eltern doch nie sagen ... Aber das Leben nimmt keine Rücksicht.“

Statt einer Absage erhielt Andreas allerdings die Aufforderung, mehr solcher Geschichten zu schreiben: „Fair ist das nicht vom Schicksal“, sagt er, und Dirk ergänzt: „Er war der Nutznießer meines Mutes. Und schon immer das Glückskind.“ Getrübt haben solche Erfahrungen das brüderliche Verhältnis keineswegs. Das Leben hat sie zusammengeschweißt und man spürt: Hier sind zwei, denen der Rest der Welt nichts anhaben kann, weil einer für den andern da ist. „Ich habe einen Verantwortungstick“, meint Andreas, „ich bin für meine Brüder da und wo immer es hakt, werde ich sie unterstützen.“

Andreas, der nach dem ersten Schulpraktikum als angehender Lehrer Angst bekommen hatte „wegen der großen Verantwortung gegen­über den Schülern“, jobbte als Fahrer bei einer Filmproduktion, schrieb für Carlsen Geschichten, redigierte Comics, übersetzte aus dem Englischen. Eines Tages sei er ganz mutig in die Frankfurter Buchhandlung Eselsohr reingestiefelt: „Wollen Sie eine Lesung mit mir machen?“ Sein Glück war, dass Monika Osberghaus dort gerade ein Praktikum machte – und dass sie Kritiken in der „FAZ“ schrieb. In Stein­höfels Fall positive. Er wurde bekannt, schrieb sich in die erste Phalanx des deutschen Kinder- und Jugendbuchs.

Mit seinem Freund, einem Medizinstudenten, ging er 1991 nach Hamburg. Nach dem Scheitern der Beziehung zog er nach Berlin, und als sein Freund, Kult-DJ Gianni Vitiello, starb, wieder nach Biedenkopf: Er übernahm das alte Forsthaus. „Ich hatte immer Heimweh“, gesteht er, „ich hab’ in mir einfach eine große Liebe zur Natur ... In Kreuzberg würde ich nur in der Wohnung sitzen, hier habe ich einen Garten, Freunde, Bekannte und ein viel unkomplizierteres Sozial­leben als in der Großstadt.“

Auch Dirk kehrte nach Biedenkopf zurück. Nachdem er 2002 für Andreas’ Roman „Der mechanische Prinz“ das Cover gestaltet hatte, ging er „auf Ochsentour“ und klopfte bei den Verlagen mit seiner Mappe an. Den Spruch „Ach, Sie sind der Bruder von Andreas!“ konnte er bald nicht mehr hören – und freute sich riesig, als ­Autorin Isabel Abedi ein Cover von ihm wollte.

In seinen Bildern arbeitet der Cineast mit unterschiedlichen Kameraperspektiven und Zooms, viele technische Finessen brachte er sich selbst bei. Ab 2007 konnte er mit seinen Werken Erfolge verbuchen, etwa mit Covern zu Kai Meyers Wellenläufer-Trilogie oder mit 128 illustrierten Seiten zu Shelleys Gedicht „Die Wolke“, das Andreas übersetzt hatte. Im Oktober erscheint das 88-seitige Gutenachtpoem „Jakob und der große Wagen“ bei Oetinger, mit eigenem Text und Bildern. Weitere Projekte sind in der Pipeline.

Die Brüder freuen sich gemeinsam über Erfolge, geben sich Anre­gun­­gen, üben Kritik. Beruflich sorgen sie dafür, dass ihre Wege sich kreuzen: Während Andreas in der deutschen Schule in New York Lesungen absolvierte, machte Dirk dort Workshops. „Ich dachte, ich probier’ das mit dem Schreiben, bis ich 40 bin, dann kann ich ja immer noch was anderes machen“, erzählt Andreas, „nun bleib ich wohl dabei.“ Scheint so, als hätten da gleich zwei ihre Berufung gefunden.

Zur Person
Andreas Steinhöfel, geboren 1962, studierte in Marburg Biologie und Englisch auf Lehramt, dann Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. 1991 erschien sein Debüt „Dirk und ich“. Er ist als Übersetzer tätig und schrieb Drehbücher für den „Käpt’n Blaubär Club“ und „Löwenzahn“. Die bekanntesten seiner 19 erschienenen Kinderbücher: „Die Mitte der Welt“, „Defender“, „Der mechanische Prinz“ und die Rico-Oskar-Trilogie.
Dirk Steinhöfel, geboren 1964, studierte nach einer Lehre als Bürokaufmann Gestaltung und Entwurf an der Fachschule für Porzellan und Keramik in Selb, war Juniorchef im elterlichen Taxiunternehmen und arbeitete in den Bereichen Marketing und Werbung. Seit 2000 gestaltet er für verschiedene Verlage Buchcover und Illustrationen. Im Oktober erscheint bei Oetinger „Jakob und der große Wagen“, mit seinen Bildern und eigenem Text.

Stefan Hauck

Titel

  1. Beschützer der Diebe
    • VerlagKosmos
    • Preis 8,95 €
    • ISBN 978-3-440-13110-7

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  2. Jakob und der große Wagen
    • VerlagOetinger
    • Preis 16,95 €
    • ISBN 978-3-7891-7150-5

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