Literatur-Nachrichten

Unabhängig lebt sich besser

"Andere Bücher braucht das Land": Unter diesem Motto, das fast wie ein Schlachtruf klingt, präsentieren zum Abschluss des Literaturfests München am kommenden Wochenende unabhängige Verlage ihre Programme.

Unabhängig lebt es sich besser – das ist eine alte, feministische Weisheit, die schon so manche Vertreterin des weiblichen Geschlechts dazu bewogen hat, ihre Tüchtigkeit außerhäuslich zu erproben. Ob eine Germanistin namens Brigitte Ebersbach sich vor 20 Jahren davon leiten ließ, sei mal dahingestellt. Als gesichert kann aber gelten, dass ihre edition ebersbach zuverlässig undogmatische Literatur für – und meistens auch von – Frauen veröffentlicht. Aktuell verheißungsvoll: die Anthologie „Wie die Liebe funktioniert“, unter anderen mit Texten von Benoîte Groult und Haruki Murakami.

In bester Gesellschaft befindet sich die edition ebersbach bei der Ausstellung "Markt der unabhängigen Verlage", die am 1. und 2. Dezember im Münchner Literaturhaus (11-19 Uhr) stattfindet, und zwar unter dem bewährt kritischen Motto „Andere Bücher braucht das Land“. In Bayerns Landeshauptstadt tummelt sich unter 30 Independent-Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auch Reprodukt – und sorgt mit dafür, dass der diesjährige Schwerpunkt der Schau, „Graphic Novels und illustrierte Bücher“, weniger männerdominiert erscheint: Im Angebot hat Reprodukt neben der coolen Grande Dame der Comic-Kunst, Claire Brétecher, nun auch Camille Jourdy, Schöpferin von „Rosalie Blum“ und damit einer reizend mysteriösen Titelheldin, attraktiv in Szenen gesetzt mit Aquarellzeichnungen.

Risikofreude scheint geradezu das Markenzeichen der Independents, Geldsorgen die Kehrseite. Unterstützend wirkt da der Kurt-Wolff-Preis, den in diesem Jahr der Heidelberger Verlag Das Wunderhorn erhält – was Manfred Metzner einen „Quantensprung in Sachen öffentlicher Wahrnehmung“ für sein Haus erhoffen lässt. Als hilfreich könnte sich dabei die Anthologie „Hotel Europa“ erweisen, in der 14 Autoren ihre nicht durchweg positiven Reiseeindrücke schildern, jetzt passend als Korrektiv zum Friedensnobelpreis: damit nicht zu viel Selbstzufriedenheit aufkommt.

Kleiner, aber feiner. Was abseits des Mainstreams erdacht wurde, muss kein Geheimtipp bleiben. Beachtliches und Beachtetes hat nicht nur der Secession Verlag mit „Glückskind“ von Steven Uhly vorgelegt: einen warmherzigen, aber eben nicht kitschigen Roman über einen Hartz-IV-Empfänger, der ein Baby aus dem Müll rettet.

Auch Jörg Sundermeier, Geschäftsführer des Verbrecher Verlags, dürfte einen Coup gelandet haben: Die Aufsatzsammlung „Ich hatte die Zeit meines Lebens“, herausge­geben von der Journalistin Hannah Pilarczyk, analysiert den Erfolgsmovie „Dirty Dancing“ und zeigt, was Fans schon immer ahnten, aber nicht zu behaupten wagten: Das Ganze ist kein sexy-seichter Liebesfilm, sondern hochpolitisch! Doch Schnulzen entstehen freilich auch außerhalb von Hollywood: Der in Indien geborene Kiran Nagarkar befasst sich in seinem neusten Roman „Die Statisten“ – wie das Meisterwerk „Gottes kleiner Krieger“ dankenswerterweise wieder vom Verlag A1 her­ausgebracht – in gewohnt satirischer Manier mit dem Glamourkosmos Bollywood.
Unabhängig verlegt es sich besser?

Doch welcher Verlag – so viel Skepsis muss abschließend erlaubt sein – ist schon im tiefsten Sinn des Wortes unabhängig? Rousseau zufolge eigentlich kein einziger: „Wer wenig begehrt, hängt von wenigem ab“, beteuert der Philosoph. Nein, wenig begehren, das ist nicht Sache der Independent-Verleger: In ihrem besonderen Geschäftsmodell steckt ungeheuer viel Ambition und Leidenschaft.

Folgende Verlage präsentieren sich beim "Markt der unabhängigen Verlage" am 1. und 2. Dezember, 11 – 19 Uhr, im Literaturhaus München:
A1 Verlag (München), asphalt & anders (Hamburg), Black Ink (Scheuring), edition ebersbach (Berlin), edition fünf (Gräfelfing), edition moderne (Zürich), Dör­lemann Verlag (Zürich), Hirschkäfer Verlag (München), lichtung Verlag (Viechtach), Lieschen Montag (München), luftschacht verlag (Wien), Maro Verlag (Augsburg), Milena Verlag (Wien), mixtvision Verlag (München), Peter Hammer Verlag (Wuppertal), poetenladen (Leipzig), Reprodukt Verlag (Berlin), Salis Verlag (Zürich), Satyr Verlag (Berlin), Secession Verlag (Zürich), starfruit publications (Nürnberg), Strapazin Comic Magazin (München / Zürich), Transit Verlag (Berlin), Verbrecher Verlag (Berlin), Verlag Das Wunderhorn (Heidelberg), Verlag Schreiber & Leser (München), Verlagshaus J. Frank (Berlin), Weidle Verlag (Bonn)

Das Literaturfest München bietet vom 14. November bis 2. Dezember rund 140 Veranstaltungen rund ums Buch. Karten sind bei den jeweiligen Veranstaltungsorten und bei München Ticket zu erwerben über www.muenchenticket.de. Das vollständige Programm und den Newsletter zum Festival finden Sie unter www.literaturfest-muenchen.de.

Das Buchjournal ist Medienpartner des Literaturfests München!

 

Andrea Rinnert

Titel

  1. Rosalie Blum
    • VerlagReprodukt
    • Preis 29,00 €
    • ISBN 978-3-943143-09-6

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  2. Wie die Liebe funktioniert
    • Verlagedition ebersbach
    • Preis 15,80 €
    • ISBN 978-3-86915-060-4

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  3. Hotel Europa
    • VerlagDas Wunderhorn
    • Preis 19,80 €
    • ISBN 978-3-88423-412-9

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  4. Die Statisten
    • VerlagA1
    • Preis 28,00 €
    • ISBN 978-3-940666-30-7

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  5. Glückskind
    • VerlagSecession Verlag für Literatur
    • Preis 19,95 €
    • ISBN 978-3-905951-16-5

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