Literatur-Nachrichten

Lachen erwünscht

Vom vergeblichen Seelenputz im Buddhisten-Retreat bis zur bierseligen Truppe in der Stammkneipe „Dead Horst“: Hier ist das literarische Gegenprogramm zur Comedy von der Mattscheibe: Romane von Tommy Jaud, David Safier, Tim Parks und Katinka Buddenkotte. 

Gute Unterhaltungsliteratur muss sich nicht wie ein einziger großer Witz lesen, in dem eine Pointe nach der anderen gedroschen und den lustigen Einfällen jede präzise Charakterzeichnung geopfert wird.
Bestes Beispiel, wie man es macht, ist der Brite Tim Parks, der brillante Erfolgs­literatur schreibt, in charmant-leichtem Plauderton. In seinem neuen Roman „Sex ist verboten“ ist der Autor auf die Idee verfallen, dem Selbst – also der Frage, wer man ist – in einem buddhistischen Retreat mit Schweigepflicht nachzuspüren.

Hier im Dasgupta-Institut hat sich die attraktive Beth eingenistet, um ihre Seele von den Dämonen der Vergangenheit zu reinigen. Der Seelenputz funktioniert allerdings nicht so gut wie der tägliche und ganz banale Reinigungsplan, den sie als freiwillige Helferin erfüllen muss. Es ist das vierte Retreat, in dem sie umsonst kocht und wischt – und dabei eigentlich ihr Leben ändern will.

Als ihr nicht ganz zufällig das Tagebuch eines sinnsuchenden Gasts in die Hände fällt, geraten Gedanken, Gefühle und der Putzplan völlig durcheinander. Mit überbordendem Spaß am Thema erzählt Parks von Zeitgeistphänomenen, irren Meditationsübungen und nicht zuletzt auch vom ­modernen Menschen und seiner Leis­tungsmentalität.

Ein anderer literarischer Unterhaltungskünstler ist der Kölner Autor Tommy Jaud, der auch schon als Drehbuchschreiber und Creative Producer für Kino-Komödien und Fernsehformate wie „Ladykracher“ gearbeitet hat. Und natürlich bekannt ist als Autor der Bestseller „Vollidiot“, „Resturlaub“, Millionär“ und „Hummeldumm“ (alle Scherz Verlag).

Nun ist der dritte Teil seiner Männer­roman-Reihe um Hauptfigur Simon Peters erschienen: „Überman“. Die Geschichte beginnt damit, dass der griechische Finanzberater, dem Peters blind vertraut, beim lockeren Plaudern über mögliche Anlagefonds keine Kekse mehr serviert. Irgend­etwas stimmt ganz und gar nicht. Doch ehe Peters seinem Misstrauen nachgehen kann, findet er sich schon im schlimmsten aller Low-Budget-Albträume wieder: Pfändung, Enteignung, Gosse. Der entehrte Mann muss sich nun etwas einfallen lassen, wie er seinen persönlichen Weltuntergang in letzter Minute abwenden kann.

Mehr als Tim Parks trimmt Tommy Jaud seine Bücher auf flotte, komische Dialoge hin, in denen kräftig über Männerstolz und Frauenpower, über unsere Medienwelt, über Zukunftsangst und griechischen Wein hergezogen wird. Das wirkt nur manchmal angestrengt, zumeist aber ziemlich gewitzt.

Als Meisterin für heitere Unterhaltung hat sich ebenso Katinka Buddenkotte einen Namen gemacht – seit sie ihre beruflichen Erfahrungen in so unterschiedlichen Sparten wie Callcenter, Werbeagentur und Jugendherberge zum satirischen Erzählband „Ich hatte sie alle“ (dtv) verarbeitete.

Auch in ihrem ersten Roman „Betreutes Trinken“ wird wieder fröhlich räsoniert, diesmal über die Liebe, die Qualen der Eifersucht und das Chaos des Lebens. Doris, Anfang dreißig, schlägt sich mit einer Teilzeitstelle in einem Jugendzentrum durch. Sozialarbeiterin erschien ihr lange eine sinnvolle Wahl. Doch mittlerweile öden sie die lethargischen Jugendlichen an. Zum Karriere-Frust kommt chronischer Geldmangel und eine Art weibliche Midlife-Crisis.

Katinka Buddenkotte gelingt es, die Handlung durch ein paar groteske Ereignisse immer dann voranzutreiben, wenn die Jammertiraden ihrer Heldin ins Schrille zu kippen drohen. Für launige Binsenweisheiten und bodenständigen Humor sorgt dann vor allem die bierselige Truppe, die sich um Doris in ihrer Lieblingskneipe „Dead Horst“ schart. Willkommen unter Verrückten!

Verrückt, sogar tierisch verrückt, geht es bei Bestsellerautor David Safier und seinem Kuh-Buch zu, das den sprechenden Titel „Muh!“ trägt. Eine Lautäußerung, die vieles bedeuten kann, glaubt man der vierbeinigen Ich-Erzählerin Lolle aus Ostfriesland: „Blöder Elektrozaun!“ genauso wie „Gras, Sonnenschein und keinen Bandwurm im Leib – was will man mehr?“

Doch Lolle will tatsächlich mehr, spätes­tens seit der Bauer der Herde mit dem Schlachtmesser gedroht und Hofkater Giacomo ihr einen Floh ins Ohr gesetzt hat: Indien, hat er gemaunzt, sei das Land der heiligen Kühe. Also sammelt Lolle ihren Verstand und setzt sich in einem unbemerkten Moment ab.
David Safier hat eine liebenswerte Abenteuergeschichte über das geliebte Vieh geschrieben. Für ein paar Lacher und vergnügte Lesestunden braucht es nicht immer die ganz große Kunst.

Alice Werner

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