Literatur-Nachrichten

"Die großen Fragen lassen mich nicht los“

Zwei an Krebs erkrankte Teenager verlieben sich ineinander: John Greens Roman "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" ist hochemotional, aber alles andere als sentimental und kommt bei Jugendlichen gut an. Wir haben den Autor zum Gespräch getroffen.

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen?
Vor gut zehn Jahren habe ich zum ersten Mal über eine Story mit krebskranken Jugendlichen nachgedacht, aber ich wollte unbedingt eine tränentriefende Betroffenheitsliteratur vermeiden. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Sentimentalitäten zu entfernen – auch wenn dann vielleicht doch noch ein paar drin stehen geblieben sind. Mir war wichtig, das Pendeln zwischen Hoffnungslosigkeit und der Hoffnung auf ein gutes Leben darzustellen – was auch immer der Einzelne darunter versteht. Ein gutes Leben ist ja nicht unbedingt gleichzusetzen mit einem langen Leben.

Die Auseinandersetzung mit Religion nimmt bei den Protagonisten einen wichtigen Platz ein. Ist das auch so in Ihrem Leben?
Ja. Bevor ich Kritiker und Autor wurde, wollte ich Pfarrer werden, habe Literatur und Vergleichende Religionswissenschaften studiert und sechs Monate als Kaplan in einem Kinderkrankenhaus gearbeitet. Bis heute lassen mich die großen Fragen des ­Lebens nicht los: Warum etwa gibt es das Leid? Jugendliche gehen an solche Sinnfragen sehr offen und direkt heran, nicht so abgeklärt wie Erwachsene.

Haben Sie das Thema Ihres Romans aus einer persönlichen Betroffenheit heraus gewählt?
Mein Vater hatte Krebs, als ich noch ein Kind war. Das war keine einfache Zeit für meinen jüngeren Bruder und mich, wir haben die ganzen Komplikationen und Rückschläge dieser tückischen Krankheit miterlebt. Zum Glück ist mein Vater aber wieder gesund geworden. Und eine meiner jungen Leserinnen, Esther, ist an Krebs erkrankt – sie ist das reale Vorbild für Hazel, ihr habe ich das Buch auch gewidmet.

Steckt in der Person des Gus ein bisschen vom jugendlichen John Green?
Oh, ich wünschte, ich wäre als junger Mann so gewesen ... Ich konnte mich gut in seine Person hineinversetzen, aber ich selbst war ein Nerd, ein Outcast, hatte keinen richtigen Kontakt zu meinen Mitschülern – und wollte doch nichts sehnlicher, als dazuzugehören. Ich habe viel beobachtet, nachgedacht, war eher intellektuell. Und obwohl ich viel gelesen habe – Kurt Vonneguth, Salinger, Jeffrey Eugenides –, war ich alles andere als ein guter Schüler: Die Bücherwelt war mein Paralleluniversum. Gus war beim Schreiben zwar mein Held, aber ich war wohl eher wie Hazels Vater, der unheimlich mitfühlend ist – ich fühlte mich hilflos, weinte, hatte keine Antworten auf die vielen Fragen.

Sie haben aus der Sicht eines Mädchens geschrieben – war das ungewohnt?
Ich war ziemlich nervös, ob ich Hazels Sicht der Dinge auch treffen würde. Ich habe viel mit meiner Frau geredet über die weiblichen Blickwinkel. Sie hat mir auch Tipps gegeben für die Kleidung – was tragen denn 16-jährige Mädchen so?

Ist Ihre Frau Ihre erste Leserin?
Ja, sie sagt mir, was sie gut oder schlecht findet. Meine erste Profi-Leserin ist aber Julie Strauss-Gabel, die Verlegerin von Dutton Children’s Books, eine Frau mit fantastischem Textgefühl.

Ihr Sohn Henry ist jetzt zwei Jahre alt. Haben Sie Lust, mal ein Bilderbuch zu machen?
Nein, eher nicht. Ich lese Henry viel vor, und ich staune immer wieder, wie wenige Worte es braucht, um eine ganze Geschichte zu transportieren – Respekt. Die Bilderbucherzähler sind darin echt gut, das kriege ich nicht hin, ich brauche einfach viel zu viele Worte.

Sie arbeiten ja auch als Kritiker. Beeinflusst das Ihr Schreiben?
Aber sicher: Es schärft den Blick. Als ­Kritiker liest man auch verdammt viele schlechte Bücher. Ich kann inzwischen sehr schnell erkennen, ob eine Geschichte funktioniert oder nicht, welche Schwächen sie hat, ob der Autor sein Handwerkszeug benutzt. Ich lese weiter gern und viel, um zu schauen, wie andere Schriftsteller an Themen herangehen. Das gibt Anregun­gen, setzt Ideen frei, und es ist auch wichtig für meine literarische Entwicklung. 

Werden Sie denn weiter Kritiken schreiben – auch Verrisse?
Ich werde sicher weiter rezensieren, aber in der „New York Book Review“, für die ich vor allem schreibe, ist wie in den meisten anderen Zeitschriften immer viel zu wenig Platz – den will ich lieber nutzen, um gute Titel zu empfehlen, als um schlechte zu verreißen. 

Sie sind auch im Internet unterwegs: Mit Ihrem Bruder Hank betreiben Sie seit 2007 den YouTube-Kanal Vlogbrothers, der mit mehr als 230 Millionen Videoaufrufen zu den erfolgreichsten Videoblogs gehört. Sehen Sie das Internet als Konkurrenz zum Buch?
Nein. Bei den Jugendlichen gibt es heute Raum sowohl für Bücher als auch für YouTube und Facebook. Ich bin ziemlich optimistisch, dass auch in Zukunft weiter gelesen wird. Eigentlich wollte ich mit meinem Bruder ausprobieren, mal für ein Jahr nur durch tägliche Videobotschaften zu kommunizieren; Brotherhood 2.0 hieß das Projekt. Und die Leute haben wie irre zugeschaut. Beim Erscheinen von „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ sind wir dann in diesem Jahr durch 17 Städte in den USA getourt, meistens waren wir ausverkauft. Jetzt produzieren wir jede Woche Videos für den Crashcourse-Kanal bei Google. Hank ist Biochemiker, und er informiert in einer Serie über Biologie, das ist wie eine Unterrichtsreihe aufgebaut und kommt gut an.

Gibt es Unterschiede zwischen den Lesungen in den USA und denen in Deutschland?
Die deutschen Jugendlichen sind sehr unkompliziert und offen. In Berlin hat mich eine Schülerin zu einer Szene aus meinem ersten Roman „Eine wie Alaska“ befragt: Ob ich denn wirklich glauben würde, dass Jugendliche nicht wüssten, wie ein Blowjob geht? So etwas würden sich Teens in Amerika gar nicht zu fragen trauen. Aber ich finde das gut, ich komme gern mit ihnen ins Gespräch.

Zur Person
John Green, geboren 1977 in Indiana­polis, hat Literatur und Vergleichende ­Religionswissenschaften studiert. Eine Ausbildung zum Pfarrer brach er ab, seitdem ist er als Literaturkritiker ­tätig. Mit seinem Bruder Hank betreibt er den ­Videoblog Vlogbrothers, der zu den 100 meistgesehenen Kanälen bei You­Tube zählt.

Interview: Stefan Hauck

Titel

  1. Das Schicksal ist ein mieser Verräter
    • VerlagHanser, Carl
    • Preis 16,90 €
    • ISBN 978-3-446-24009-4

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  2. Das Schicksal ist ein mieser Verräter
    • VerlagSilberfisch
    • Preis 19,99 €
    • ISBN 978-3-86742-697-8

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