Literatur-Nachrichten

Die Nominierten unter der Lupe

Am kommenden Donnerstag ist es so weit: In der großen Glashalle wird der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben. 15 Bücher in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung sind nominiert. Hier finden Sie noch einmal alle Titel mit den Begründungen der Jury. Das Buchjournal ist erneut Medienpartner!

Insgesamt haben in diesem Jahr 141 Verlage 430 Titel eingereicht, die bis zur Leipziger Buchmesse 2013 erscheinen werden. Von der Jury nominiert wurden ...

... in der Kategorie Belletristik:

Ralph Dohrmann: „Kronhardt” (Ullstein Verlag)

Über das Buch: Willem wächst nach dem zweiten Weltkrieg als einziger Erbe der Maschinenstickerei Kronhardt & Sohn in Bremen auf. Doch er passt nicht in die profitorientierte Welt, in der seine Mutter und sein Stiefvater leben. Er flüchtet sich in die Natur, experimentiert mit Drogen und sucht die Gesellschaft von Menschen, die ein vollkommen anderes Leben führen als seine Eltern. Nach der Wiedervereinigung erfährt er, dass sein leiblicher Vater ermordet wurde. Kapitel für Kapitel versucht Willem dessen Biographie zu rekonstruieren und kommt sich selbst dabei immer näher.

Die Jury:
Ralph Dohrmann konfrontiert das Modell der weit ausgreifenden Familien- und Firmenchronik mit dem Stil einer verknappenden und zugleich bildhaften Sprache. Sein Roman Kronhardt ist so eigenwillig wie dessen Held Willem, Erbe einer Bremer Stickerei-Manufaktur und Zeuge der Geschichte der Bundesrepublik. 

Autor: Ralph Dohrmann wurde 1963 in Bad Bederkesa geboren und wuchs in Bremen auf, wo er noch heute lebt. Er arbeitete als Reiseführer in Mexiko und Guatemala. 1998 veröffentlichte er seinen ersten Erzählungsband mit dem Titel Perros/Hunde. Erzählungen aus Mexiko und einer unglaublichen Wirklichkeit (Der neue Verlag). Für Kronhardt, seinen ersten Roman, erhielt er ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds. 

Lisa Kränzler: „Nachhinein” (Verbrecher Verlag)

Über das Buch: Lisa Kränzlers Roman Nachhinein erzählt die Geschichte einer intensiven Mädchen-Freundschaft. Während die eine ihre Persönlichkeit in einem liebevollen Elternhaus entwickeln kann, muss die andere Missbrauch und Gewalt in ihrer Familie erleben. Durch die Lebensumstände schleicht sich Eifersucht in ihre Beziehung, die eine immer tiefere Kluft zwischen die Mädchen reißt. Bis die Ereignisse außer Kontrolle geraten.

Die Jury: Lisa Kränzler hat mit Nachhinein einen sprachlich und szenisch turbulenten, überwältigenden Roman über eine Mädchenfreundschaft geschrieben, der trotzdem die großen existentiellen und moralischen Dimensionen von Liebe und Lust, von Schuld und Verrat thematisiert. Immer konkret in den Stimmen der Erzähler. Uptempo-Existentialismus im coming-of-age-Roman.

Die Autorin: Lisa Kränzler wurde 1983 geboren und lebt in Freiburg. Sie studierte Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Im Verbrecher Verlag veröffentlichte sie 2012 ihr Debüt Export A, das für den Klaus-Michael Kühne-Preis 2012 und für den Rauriser Literaturpreis 2013 nominiert wurde. Für Willste abhaun, einen Auszug aus Nachhinein, gewann sie im Juli 2012 den 3Sat-Preis des Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt.

Birk Meinhardt: „Brüder und Schwestern” (Carl Hanser Verlag)

Über das Buch: Willy Werchow ist Direktor einer großen SED-eigenen Druckerei in der thüringischen Provinz. Zähneknirschend fügt er sich den Vorgaben der Partei, geht mehr und mehr Kompromisse ein. Seine drei Kinder könnten unterschiedlicher nicht sein: Britta fliegt aus politischen Gründen von der Schule und schließt sich dem Zirkus an, Erik distanziert sich von seiner Schwester, um voranzukommen, und Matti, ein Lastkahnführer, der nebenher schreibt, verfolgt unbeirrbar seine Ideale vom Guten und Wahren. Die so ungleichen Ängste, Hoffnungen und Träume der Werchows spiegeln das Schicksal eines ganzen untergegangenen Landes wider.

Die Jury: Birk Meinhardt führt in seinem Roman Brüder und Schwestern mit langem Atem und ruhiger, biegsamer Prosa in eine DDR, deren Bewohner sich jeden Tag neu entscheiden mussten: zwischen Anpassung, Widerstand, trickreichem Lavieren oder dem Ausweichen in übersehene Nischen.

Der Autor: Birk Meinhardt, 1959 in Berlin geboren, war Sportjournalist bei verschiedenen Zeitungen und Reporter bei der Süddeutschen Zeitung. Er erhielt zweimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Heute lebt er als Schriftsteller bei Berlin. Zuletzt erschien 2007 im Eichborn Verlag der Roman Im Schatten der Diva

David Wagner: „Leben” (Rowohlt Berlin)

Über das Buch: Ein junger Vater bekommt plötzlich den Anruf, auf den er so lange gehofft hat: Es wurde ein passendes Spenderorgan für ihn gefunden. Während seines Klinik-Aufenthalts teilt er sich mit den verschiedenartigsten Menschen ein Zimmer, deren Lebensgeschichten er in langen Stunden des Wartens zuhört – bis er beginnt, sich auch seine eigene Geschichte vor Augen zu führen. Dabei versucht er herauszufinden, was ein Leben im Grunde ausmacht. Er erinnert sich an das, was war, denkt an die, die ihm wirklich etwas bedeuten und fragt sich: Wer war der Mensch, der sterben musste, damit er eine Chance zu leben bekommt?

Die Jury: "Lakonisch, mit zartem Humor erzählt David Wagner in Leben die Geschichte einer Organtransplantation. Nüchterner Krankenhausalltag und existentielle Fragen liegen in dieser Romanerzählung so nah beieinander wie die Wörter Leber und Leben."

Der Autor: David Wagner, 1971 geboren, veröffentlichte im Jahr 2000 seinen Debütroman Meine nachtblaue Hose. Sein Roman Vier Äpfel stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009. Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis und der Georg-K.-Glaser-Preis. David Wagner lebt in Berlin.

Anna Weidenholzer: „Der Winter tut den Fischen gut” (Residenz Verlag)

Über das Buch: Maria hat Zeit. So sitzt sie tagsüber oft auf einer Bank am Platz vor der Kirche und beobachtet das Treiben dort, ein Kommen und Gehen, Leute, die Ziele haben und wenig Zeit. Die arbeitslose Textilfachverkäuferin kennt sich mit Stoffen aus, sie weiß, was zueinander passt, was Schwächen kaschiert und Vorzüge betont. In ihrem Fall ist das schwieriger: Welcher Vorzug macht ihr Alter vergessen für einen Markt, der sie nicht braucht? Alt ist sie nicht, sie steht mitten im Leben, vielleicht nur nicht mit beiden Beinen. Aber ihr Leben läuft trotzdem rückwärts, an seinen Möglichkeiten, Träumen und Unfällen vorbei.

Die Jury: "Der Winter tut den Fischen gut gibt einer arbeitslosen Textilverkäuferin Gesicht und Stimme – im Krebsgang erzählt, subtil abgründig und mit feinherbem Witz, wird ein graudüsteres Thema zu einem schillernden Stück Literatur."

Die Autorin: Anna Weidenholzer, geboren 1984 in Linz, lebt in Wien. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Wrocław/Polen. 2010 erschien der Erzählungsband Der Platz des Hundes im Mitter Verlag. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, u. a. den Alfred-Gesswein-Preis 2009, das Aufenthaltsstipendium Schloss Wiepersdorf 2011, das österreichische Staatsstipendium für Literatur 2011/2012 und das Aufenthaltsstipendium im Literarischen Colloquium Berlin 2012.

... in der Kategorie Sachbuch/Essayistik:

Götz Aly: „Die Belasteten: 'Euthanasie' 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte” (S. Fischer Verlag)

Über das Buch: Götz Aly bringt mit seinem neuen Buch Licht in ein düsteres Kapitel der deutschen Gesellschaftsgeschichte; 200.000 Deutsche wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet, weil sie psychisch krank waren, als aufsässig, erblich belastet oder einfach als verrückt galten. Nicht wenige Angehörige nahmen den Mord an ihren behinderten Kindern, Geschwistern, Vätern und Müttern als Befreiung von einer Last stillschweigend hin. Die meisten Familien schämen sich bis heute, die Namen der Opfer zu nennen. Beklemmend aktuell lesen sich die Rechtfertigungen der vielen Beteiligten: Erlösung, Gnadentod, Lebensunterbrechung, Sterbehilfe oder Euthanasie.

Die Jury: "Eine eindringliche Studie - nicht nur wegen der schieren Fakten, sondern auch wegen der Kunst des Autors, die Schicksale von Einzelnen nicht aus den Augen zu verlieren."

Der Autor: Götz Aly, 1947 in Heidelberg geboren, studierte Politische Wissenschaft und Geschichte. Aly hat wichtige Veröffentlichungen zur Sozialpolitik und zur Geschichte des Nationalsozialismus vorgelegt. Er gehörte 2004–2010 zu den Mitbegründern der Quellenedition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Zuletzt veröffentlichte er Warum die Juden? Warum die Deutschen? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933 (S. Fischer 2011); Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, u. a. erhielt er 2012 den Ludwig-Börne-Preis

Kurt Bayertz: „Der aufrechte Gang: Eine Geschichte des anthropologischen Denkens” (C.H. Beck)

Über das Buch: Der aufrechte Gang ist niemals nur ein anatomisches Faktum gewesen. Die Körperhaltung bestimmt das menschliche Selbstbild und findet bis heute ihren Ausdruck im "aufrechten" Menschen als Metapher und Symbol für ein würdiges Leben. Kurt Bayertz hat das Denkmotiv des "aufrechten Ganges" durch zweieinhalbtausend Jahre Geistesgeschichte verfolgt, von Ovid, in dessen Schöpfungsgeschichte der "rohe, ausdruckslose Erdenkloß" durch seine Aufrichtung erst menschlich wird, über die "aufrecht kriechenden Maschinen" bei La Mettrie, die trotz all ihrer Bemühungen stets "nur Tiere" bleiben, bis hin zur Moderne, in der der aufrechte Gang nicht nur als Privileg, sondern auch als Risiko gesehen wird.

Die Jury: Kurt Bayertz ist ein anthropologischer Bildungsroman gelungen: seit der Antike kommt sich der Mensch im Nachdenken über den aufrechten Gang selbst auf die Spur.

Der Autor: Kurt Bayertz, geboren 1948, studierte Philosophie, Germanistik und Sozialwissenschaften an den Universitäten Frankfurt und Düsseldorf und lehrt seit 1993 als Professor für praktische Philosophie an der Universität Münster. Zu seinen wichtigsten Arbeitsgebieten gehören Ethik, angewandte Ethik, Anthropologie und politische Philosophie.

Hans Belting: „Faces: Eine Geschichte des Gesichts” (C.H. Beck)

Über das Buch: Wo der Mensch im Bild erscheint, steht das Gesicht im Mittelpunkt. Gleichzeitig trotzt das Gesicht allen Versuchen, es auf Bilder festzulegen. Im Bild erstarrt es zur Maske, gegen die die lebendige Person als Gegenspieler auftritt. Diese Spannung erkundet Hans Belting in Faces. Seine Geschichte des Gesichts beginnt bei den Masken der Steinzeit und endet bei den Erscheinungen, die die modernen Massenmedien produzieren. In Theatermasken und der Mimik des Schauspielers, im Porträt, im Film und in der Gegenwartskunst entdeckt Belting die vielfältigen Versuche, sich des Gesichts zu bemächtigen, und deren permanentes Scheitern am Leben des Gesichts und des Selbst.

Die Jury: Gesichter umgeben uns überall und sind doch nicht selbstverständlich. Hans Belting rückt sie neben Masken, aber auch neben "Cyberfaces", die sich auf keinen Körper mehr beziehen. Ein Porträt mit faszinierender Tiefenschärfe.

Der Autor: Hans Belting, geboren 1935, gründete das Fach Kunstwissenschaft und Medientheorie an der jungen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Nach Stationen in Wien und Paris lehrte er an den Universitäten Heidelberg, München, Karlsruhe und New York. Er ist Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu Kunst und Kulturgeschichte, u. a. Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks (Verlag C. H. Beck 2008).

Helmut Böttiger: „Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb” (Deutsche Verlags-Anstalt DVA)

Über das Buch: Die Gruppe 47 ist zu einem Markenzeichen geworden. Legenden umgeben die von Hans Werner Richter ins Leben gerufene lose Schriftstellervereinigung. Helmut Böttiger legt nun den ersten umfassenden Überblick über die Geschichte dieser Institution vor, die unseren Literaturbetrieb erfunden und die politische Öffentlichkeit Nachkriegsdeutschlands mitgeprägt hat. Durch die Auswertung vieler bisher unbekannter Dokumente und durch Gespräche mit Zeitzeugen entsteht ein lebendiges Bild der Frühgeschichte der BRD. Böttiger beschreibt die Schwierigkeiten, die Prägungen durch den Nationalsozialismus abzustreifen, und das komplizierte Wechselspiel zwischen Literatur, Markt und Mediengesellschaft, das bis heute anhält.

Die Jury: "Helmut Böttiger setzt in der Darstellung der Gruppe 47 neue Akzente: Er zeichnet ihre Geschichte durch genaue Porträts der Zentralfiguren nach und untersucht die Kritik an ihrem Gebaren."

Der Autor: Helmut Böttiger, geboren 1956, ist einer der renommiertesten Literaturkritiker des Landes. Nach Studium und Promotion war er als Literaturredakteur u.a. bei der Frankfurter Rundschau tätig. Er lebt als freier Autor und Kritiker in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Szolnay 2004) und Celan am Meer (mare 2006). 2012 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Wolfgang Streeck: „Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus” (Suhrkamp Verlag)

Über das Buch: Die Krise hält uns in Atem und erzeugt zugleich ein diffuses Gefühl der Ratlosigkeit. So ernst die Lage ist, so wenig scheinen wir zu verstehen, was genau vor sich geht. Wolfgang Streeck legt in seiner Frankfurter Adorno-Vorlesung die Wurzeln der gegenwärtigen Finanz-, Fiskal- und Wirtschaftskrise frei, indem er sie als Moment der langen neoliberalen Transformation des Nachkriegskapitalismus beschreibt, die bereits in den 1970er Jahren begann. Im Anschluss an die Krisentheorien der damaligen Zeit analysiert er, wie sich die Spannung zwischen Demokratie und Kapitalismus entfaltet hat und welche Konflikte daraus resultierten.

Die Jury: Wolfgang Streeck liefert zu den galoppierenden Krisen die aus ihrer Vorgeschichte gewonnene Theorie. Scharfsichtig analysiert er die Zusammenhänge zwischen Schulden, Neoliberalismus und Europäischer Union.

Der Autor: Wolfgang Streeck, geboren 1946, ist Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln sowie Professor für Soziologie an der Universität zu Köln. Zuvor war er, nach Stationen in Frankfurt/M., New York, Münster und Berlin, Professor für Soziologie und Industrielle Beziehungen an der Universität von Wisconsin in Madison. Wolfgang Streeck ist u. a. Honorary Fellow der Society for the Advancement of Socio-Economics sowie Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Academia Europaea.

... in der Kategorie Übersetzung:

Eva Hesse: „Die Cantos”, aus dem Englischen, von Ezra Pound (Arche Verlag)

Über das Buch: Ezra Pounds Hauptwerk Die Cantos ist ein Markstein der modernen Literatur. Mit seinem Langgedicht, das an die großen abendländischen Epen anknüpft, wollte Pound nichts weniger als die Welt als Ganzes durchdringen und neu ordnen. Über konventionelle Formen setzte er sich dabei radikal hinweg. Auf hohen Ton folgt schnodderige Alltagssprache, das lyrische Subjekt offenbart eine zarte Sensibilität und mutet dem Leser Lobgesänge auf Mussolini zu. Eva Hesse, die mit Pound selbst noch zusammenarbeitete, hat den Cantos in all ihrer Motivfülle und Komplexität eine Gestaltung im Deutschen gegeben.

Die Jury: "Zum ersten Mal gibt es Ezra Pounds Cantos nun vollständig auf Deutsch – dank Eva Hesse mit allen Blitzen und Sprachgewittern des Originals."

Die Übersetzerin: Eva Hesse, 1925 in Berlin geboren, hat seit den frühen fünziger Jahren Werke einer Reihe von Dichtern der englischsprachigen Moderne herausgegeben und übersetzt, u. a. E.E. Cummings, T.S. Eliot und Samuel Beckett. Für diese Arbeiten erhielt sie u. a. den Übersetzerpreis der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt (1968) und 2012 den Paul Scheerbart-Preis (Übersetzerpreise der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung).

Maralde Meyer-Minnemann übersetzte den "Archipel"

Maralde Meyer-Minnemann: „Der Archipel der Schlaflosigkeit”, aus dem Portugiesischen, von António Lobo Antunes (Luchterhand Literaturverlag)

Über das Buch: Ein Landgut in Trafaria, südlich von Lissabon, auf der anderen Seite des Flusses Tejo: Hier leben, über ein halbes Jahrhundert lang, drei Generationen einer portugiesischen Familie, gefangen im Würgegriff des patriarchalischen Großvaters, vor dessen tyrannischer Herrschaft es für sie fast kein Entrinnen gibt. "Der Archipel der Schlaflosigkeit" erzählt eine Geschichte von der Allgegenwärtigkeit archaischer Gewalt. Im Mittelpunkt stehen die Themen, die das Werk von António Lobo Antunes bis heute prägen: der Aufstieg und Niedergang des Landes und seiner Menschen und die Frage, wie es dazu kommen konnte, der Schrei nach Liebe und menschlicher Wärme und die Suche nach dem Sinn unserer Existenz in einer grausamen Welt, in der selbst Gott, wie es scheint, den Menschen nicht mehr helfen kann.

Die Jury: "Maralde Meyer-Minnemann fügt mit der Übersetzung des Romans Archipel der Schlaflosigkeit ihrer langjährigen Beschäftigung mit der komplexen Romanwelt des Portugiesen Antonio Lobo Antunes ein weiteres Glanzstück hinzu. "

Die Übersetzerin: Maralde Meyer-Minnemann, 1943 in Hamburg geboren, studierte dort Romanistik. Sie lebt und arbeitet in ihrer Heimatstadt als Literaturübersetzerin und als vereidigte Dolmetscherin und Übersetzerin für die portugiesische Sprache. Seit 1979 übersetzt sie Literatur aus dem spanischen und portugiesischen Sprachraum und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet, u. a. 1992 mit dem Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen und 1998 mit dem Helmut-M.-Braem Preis.

Das "Meister"-Werk neu übersetzt von Alexander Nitzberg

Alexander Nitzberg: „Meister und Margarita”, aus dem Russischen, von Michail Bulgakow (Galiani Berlin)

Über das Buch: Ohne Frage: Michail Bulgakows Meister und Margarita ist Kult! Schon als der Roman stark zensiert erstmals in den 60er Jahren erschien, lernten viele seiner Landsleute ihn auswendig; heimlich angefertigte Kopien der herausgestrichenen Stellen kursierten und die verhexte Wohnung Nr. 50 in der Sadowaja – der zentrale Handlungsort des Romans, von dem aus der Teufel namens Woland, der Riesenkater Behemoth und viele andere das Moskau der 30er Jahre auf den Kopf stellen – wurde zur Pilgerstätte.

Die Jury: "Alexander Nitzbergs Übersetzung eines der Hauptwerke der russsischen wie der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts, Michail Bulgakows Meister und Margarita, entwickelt einen ganz neuen schnellen und farbigen Sprachduktus, der dem Handlungs- und Figurenreichtum und den schnell wechselnden Szenarien und Stimmen des Romans auf originelle Weise gerecht wird. "

Der Übersetzer: Der 1969 in Moskau geborene Schriftsteller, Übersetzer und Publizist Alexander Nitzberg gehört zu den wichtigsten jungen Übersetzern aus dem Russischen. Die Neuübersetzung der Werke von Daniil Charms, die er gemeinsam mit Beate Rausch vornahm, wird hoch gelobt. Alexander Nitzberg lebt in Wien.

Claudia Ott übersetzte "101 Nacht"

Claudia Ott: „101 Nacht” aus dem Arabischen erstmals ins Deutsche übertragen nach einer Handschrift des Aga Khan Museums (Manesse Verlag)

Über das Buch: Ein fast 800 Jahre altes Manuskript wirft neues Licht auf ein Juwel der arabischen Literatur: Die Orientalistin und Übersetzerin Claudia Ott hat die älteste Handschrift von Hundertundeiner Nacht identifiziert. Ein gutes Dutzend Schahrasad-Geschichten, eingebettet in eine eigene Rahmenhandlung, die Claudio Ott sachkundig übersetzt und kommentiert hat. Nicht nur edle Ritter und listige Bösewichte, Beduinen und Großwesire, Lindwürmer und Jungfrauen begegnen dem Leser, sondern auch futuristische Flugapparaturen oder der erste Bewegungsmelder der Weltliteratur.

Die Jury: "Eine Entdeckung, übersetzt aus einer arabischen Handschrift: Claudia Ott macht in 101 Nacht die Deutschen erstmals mit der kleinen Schwester von 1001 Nacht bekannt."

Die Übersetzerin: Claudia Ott, geboren 1968, studierte Orientalistik in Jerusalem, Tübingen und Berlin sowie arabische Musik in Kairo. Sie arbeitet als Übersetzerin, Autorin, Musikerin und Universitätsdozentin. Ihre 2004 erschienene Neuübersetzung von Tausendundeine Nacht machte sie weit über die Grenzen ihres Faches hinaus bekannt. 2011 wurde Claudia Ott mit dem Johann-Friedrich-von-Cotta-Literatur-und-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

 

Nominiert: Andreas Tretner für seine Übersetzung von Michail Schischkins "Briefsteller"

Andreas Tretner: „Briefsteller”, aus dem Russischen, von Michail Schischkin (Deutsche Verlags-Anstalt DVA)

Über das Buch: Michail Schischkins Roman erzählt von Sascha und Wolodja, einem Liebespaar, das sich in Briefen über Kindheit, Familie, Alltag und die Unwägbarkeiten des Lebens unterhält. Sie sind durch Raum und Zeit getrennt – nichts ungewöhnliches bei einem Briefwechsel – allerdings lebt Sascha in der Gegenwart und Wolodja am Anfang des 20. Jahrhunderts. Er kämpft im Boxeraufstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen chinesische Rebellen und stirbt in einem der ersten Gefechte dieses Krieges, aber seine Briefe kommen weiterhin an. Sie heiratet, verliert ein Kind - und schreibt ihm unbeirrt weiter, als ob eine Parallelwelt bestünde, als ob die Zeit keine Rolle spielte, ebenso wenig wie der Tod.

Die Jury: "Schischkins Briefsteller erzählt von einer Liebe in Zeiten des Krieges, und Andreas Tretner trifft den traurig-heiteren Ton dieses großen Briefromans."

Der Übersetzer: Andreas Tretner wurde 1959 in Gera geboren. Er ist Übersetzer aus dem Russischen, Tschechischen und Bulgarischen, u.a. von Viktor Pelewin, Vladimir Sorokin und Jáchym Topol. Er arbeitet ferner als freier Lektor, Herausgeber, Kritiker, Journalist und Medienpädagoge. 1998 erhielt er den Förderpreis zum Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung, 2001 den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds e.V.

 


Die Bekanntgabe der Gewinner und die Preisverleihung finden am Donnerstag, dem 14. März um 16.00 Uhr in der Glashalle der Leipziger Buchmesse statt. Unter www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/stream können Interessierte, die nicht vor Ort sind, die Preisverleihung via Livestream verfolgen.



Der Jury gehören an: der Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels, Lothar Müller, Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung; René Aguigah, Abteilungsleiter Kultur und Gesellschaft beim Deutschlandradio Kultur; Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Wien sowie Ursula März, freie Literaturkritikerin und Journalistin. Weiterhin dabei sind Eberhard Falcke, freier Literaturkritiker sowie Martin Ebel vom Tages-Anzeiger Zürich

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