Literatur-Nachrichten

"Geschichte der Nachtseiten europäischer Kultur"

Klaus-Michael Bogdal erhält heute Abend im Rahmen der Eröffnung der Leipziger Buchmesse den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung − für sein Buch "Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung" (Suhrkamp). Im Interview ordnet Bogdal sein Werk ein, und kritisiert den wachsenden Rassismus in Teilen Europas.

Sie erhalten den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Ist das auch der Hauptimpetus Ihres Buches: Verständigung wahrscheinlicher zu machen auf dem Weg des Verstehens?

Bogdal: Eher nicht. Im Zentrum stand die Vorstellung, eine Geschichte der Nachtseiten europäischer Kultur zu schreiben. Insofern hat mich der Preis überrascht. Es wäre ein fatales Missverständnis, mein Buch über die "Erfindung der Zigeuner" als Versuch zu lesen, bei einer mit Vorurteilen beladenen Mehrheitsbevölkerung Verständnis für die Minderheit einwerben zu wollen. Achtung muss man jedem Menschen entgegenbringen, gleich ob man ihn 'versteht' oder nicht. Beginnend mit einer 'Urszene' der Begegnung zwischen den fremden Einwanderern, die in Deutschland Zigeuner genannt wurden, spiegle ich die Probleme und Konflikte auf die Wahrnehmungsweisen und Denkmuster der europäischen Gesellschaften zurück. Meist geht es deshalb um unser Denken, Fühlen und Verhalten, um unsere Ausgrenzungs- und Vernichtungsfantasien und den zivilisatorischen Hochmut der Moderne. Allerdings gelingt die Verständigung leichter, wenn wir wissen, dass wir es zum Beispiel in Deutschland bei den Sinti mit traumatisierten Nachkommen von Überlebenden des Holocaust oder in Rumänien mit den Nachfahren der letzten Sklaven Europas, deren Befreiung erst 1856 stattfand, zu tun haben. Deshalb schreibe ich auch darüber in meinem Buch. Ich bin schon davon überzeugt, dass man all das, was ich sachlich dargelegt habe, nicht einfach wird ignorieren können. Insofern habe ich den Leipziger Buchpreis dann doch wohl verdient.

Ihr Buch zeigt: Das Bild, das wir von den Romvölkern haben, das haben wir selbst kreiert. Kommt dieses Bild der Wirklichkeit überhaupt einmal nah? Oder begnügen wir uns immer nur mit Klischees?

Bogdal: Das ist nicht einfach zu beantworten. Zunächst einmal: Der folkloristische oder ethnographische Blick ist besonders anfällig für die Wahrnehmung von Klischees. Um das zu prüfen, brauchen wir nur eine Sendung mit volkstümlicher Musik einzuschalten und erleben eine Inszenierung ländlich-alpiner Identität bis ins Detail. Worin liegt der Unterschied zu den Zigeunerbildern von der leidenschaftlichen Flamencotänzerin und dem betörenden Geiger bis zu den nackten, verwahrlosten Kindern und den 'Sippenchefs' mit den Goldzähnen? Unser Wissen und unsere Wahrnehmungen gehen niemals vollständig in der Bayernfolklore auf, wie dies in Hinblick auf die Zigeuner der Fall ist. Wir wissen, dass es auch noch andere Bayern gibt: Ärzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Fußballnationalspieler, Bauarbeiter usw. Diese Tatsache, die zumindest in der Gegenwart für die europäischen Romvölker ebenso zutrifft, wird rigoros ausgeblendet. Durch diese Art der selektiven Wahrnehmung sehen sich heute noch viele Sinti und Roma dazu gezwungen, ihre ethnische Identität zu verleugnen. Nach Lesungen kommen hin und wieder Menschen zu mir, die abwarten, bis alle anderen gegangen sind und dann erzählen, dass sie ihre Herkunft bewusst verborgen haben, um nicht im Berufsleben diskriminiert zu werden. Das macht mich hilf- und sprachlos.

Wir erfahren in Ihrer Studie mehr über uns, die 'Erfinder' der 'Zigeuner', als über die Romvölker. Wird eine Geschichte der Romvölker, da es an Zeugnissen fehlt, immer ein Desiderat bleiben?

Bogdal: Ich hoffe, dass wir weiterhin in den Archiven auf Spuren ihres Lebens in der Vergangenheit stoßen. Da wir es bei Ihnen mit einer oralen Kultur zu tun haben, ist es jedoch unwahrscheinlich, dass Dokumente 'von eigener Hand' auftauchen werden.

Die Verfolgung der Roma wird häufig im Kontext des Antisemitismus betrachtet. Sie legen Wert auf eine Trennung. Warum?

Bogdal: Es gibt eine Reihe gravierender Unterschiede. Das gilt für die Frage nach der Herkunft ebenso wie für den Zeitpunkt der Ankunft in Europa. Wichtig ist auch, dass die Gemeinschaft der Juden immer für sich selbst gesprochen hat und ihre Identität durch eine eigene Religion gestiftet wird. In meinem Buch sage ich, dass die Juden das Andere repräsentieren, was man niemals sein kann, die Romvölker das, was man auf Dauer niemals sein möchte.

Welche Unterschiede innerhalb Europas im Umgang mit den Romvölkern haben Sie gefunden?

Bogdal: Unterschiede zeichnen sich in den Ländern ab, in denen eine Verortung im Volksleben der unteren Schichten gelingt oder den 'Zigeunern' ein Platz in der nationalen Kultur eingeräumt wird. Das gilt, historisch betrachtet, nicht aktuell, zum Beispiel für Spanien, Ungarn und Russland.

Sie berichten von einer Geschichte, die fortschreitet, ohne Fortschritte zu machen. Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass wir dazugelernt haben?

Bogdal: Vor acht Jahren, zu Beginn der von der EU ausgerufenen Roma-Dekade, war ich optimistischer. Die Lösung wichtiger Probleme wie die Frage der Staatsbürgerschaft und der damit verbundenen Ansprüche auf Bildung, Gesundheitsversorgung und Wohnraum schien greifbar nahe zu liegen. Die Art und Weise, in der viele europäische Staaten die Programme unterlaufen, macht ebenso wütend wie der wachsende Rassismus in Ungarn, der Slowakei und Bulgarien.

Sie haben das Buch zu großen Teil auf einem Campingplatz geschrieben. Warum das?

Bogdal: Beileibe nicht aus atmosphärischen Gründen, um das Gefühl des Nomadenlebens zu verspüren! Der Wagen, hergerichtet auch als Arbeitszimmer, erwies sich als die beste Möglichkeit, vom universitären Stress abgeschottet und ungestört schreiben zu können –  die Musik von Bill Frisell oder Van Morrison im Ohr. Auf diese Weise sind um die 2.000 Seiten entstanden.

Interview: Holger Heimann

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