Literatur-Nachrichten

Wild auf Geschichten

Die Journalistin Monika Held reiste für Reportagen um die halbe Welt, seit einigen Jahren packt sie Bilder und Erlebnisse in Romane – ihr dritter erzählt von der Liebe und dem Leben eines ehemaligen „Auschwitzers“.

Monika, vergiss mich nicht.“ Der handgeschriebene Zettel, den sie vor drei Jahren in einem ihrer Bücher entdeckte, gab den letzten Anstoß. Monika Held steht in der Küche ihrer hellen Altbauwohnung im Frankfurter Nordend, setzt Teewasser auf und lächelt. Ja, sie musste seine Geschichte aufschreiben. Die Geschichte von Heiner – wie sie ihn in ihrem Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ nennt – und von seiner sehr viel jüngeren Frau Lena, die in der Geschichte das Leben mit dem Auschwitz-Überlebenden wagt. Die lernt, mit dem Senfglas voll fein gemahlener Menschenknochen zu leben, die man bis heute auf den Wegen von Auschwitz-Birkenau finden kann. Lernt, dass Auschwitz in jeder Pore ihres Mannes steckt, dass Grauen ein Leben lang Gegenwart bleibt, dass umgekehrt aber auch die Mithäftlinge von früher die wichtigsten Menschen für Heiner bleiben. 

Als wäre sie eins mit ihnen, lässt Monika Held ihre Protagonisten sprechen, trifft den Ton, der berührt, ohne je in Pathos oder Kitsch abzugleiten.

Aus einzelnen Episoden setzt die Journalistin und Autorin Lebensgeschichte und Seelenleben ihrer Romanfiguren zusammen. Springt dazu in Heiners Kindheit ins Vorkriegs-Wien, nach Auschwitz, wo er als Häftling im Akkord Totenscheine tippt und von einer Dachluke aus heimlich Erschießungen vor der Schwarzen Wand beobachtet. Springt ins Jahr 1963 zum Auschwitz-Prozess nach Frankfurt, zu dem Heiner als Zeuge anreist und Lena, die junge Dolmetscherin kennenlernt. Oder in die 1990er, als beide mit Lastwagen Hilfsgüter von Deutschland nach Auschwitz fahren und an Heiners alte Kameraden verteilen.

Heiner und Lena. Der Roman hat lange vor dem Schreiben begonnen. Ist zum Teil Monika Helds eigene Geschichte und symptomatisch für die zierliche Frau mit den wachen, braunen Augen, die sich jedes Mal mit Empathie und Haut und Haar einlässt auf Menschen, Themen und Geschichten. Jetzt wirkt sie erleichtert. Froh, „Heiners“ Vermächtnis, diese „Millionen von Geschichten“ mit dem Buch beschlossen zu haben.

20 ist sie, als 1963 in Frankfurt der erste Auschwitz-Prozess beginnt. Die Schilderungen, Geschichten, Schicksale lassen die junge Journalistin nicht mehr los. In den 70ern entdeckt sie eine Zeitungsnotiz über den Verein „Auschwitzer und ihre Freunde“, der Mitstreiter sucht. Sie plant einen Hörfunkbeitrag darüber. „Vor dem Treffen saß ich ewig im Auto und hab überlegt, wie ich wohl fragen kann, ohne zu verletzen.“

Am Ende des Gesprächs mit dem „zarten Herrn mit den halblangen Haaren“ ist sie Mitglied im Verein, fährt ungezählte Male im 7,5-Tonner Hilfsgüter nach Polen, sieht Auschwitz, spricht mit Überlebenden, verfasst Hörfunkfeatures, hortet stapelweise Dokumente, Bücher und mehr als 100 Seiten abgetippte Interviews bei sich zu Hause. Sie ist es, der Heiner beim ersten Treffen das Senfglas mit gemahlenen Menschenknochen neben den Pflaumenkuchen auf den Tisch stellt. Sie ist es, die erlebt, wie er in Auschwitz und bei alten Kameraden aufblüht. Sie ist es, die kapiert, wie stark das traumatische Erlebnis die Überlebenden zusammenschweißt.

Monika Held ist Teil des Ganzen – wie so oft, wenn sie für Reportagen, Porträts, Interviews in alle Welt auszieht – allein zehn Jahre lang für die „Brigitte“, fürs „SZ“-Magazin, für „Cosmopolitan“ oder den Hessischen Rundfunk. Und sie war überall: hat eine Frau von den Peace Brigades, die bedrohte Menschenrechtsverteidiger in Konfliktregionen schützen, in Guatemala begleitet. Reiste mit einer Mitarbeiterin von Amnesty International nach Pakistan zu verstümmelten Frauen nach Säureattentaten.  Zog mit einem Blutrache-Schlichter durch die Berge Albaniens, saß mit am Tisch, wenn er mit verfeindeten Familien sprach, die sich nicht mehr aus dem Haus wagten. „Man kann auch hinfahren, sich alles einfach erzählen lassen und das dann aufschreiben.“ 

Ihr Weg war das nie. Sie „macht gern mit“, lässt die Grenzen zur Beobachterin verschwinden. Nicht aus Berechnung, wie sie sagt. „Einfach, weil ich dadurch mehr verstehe, mehr erfahre – über Menschen, Hintergründe.“ Und: weil sie dadurch den Ton trifft, Erlebnisse, Bilder, Gefühle in Sprache übersetzen kann, die ihre Geschichten so eindrücklich, mitreißend und poetisch macht. Dass sie ziemlich mutig ist, hat sie sich dabei nie überlegt. „Ich bin einfach hemmungslos optimistisch, dass alles gut ausgeht.“ Es ist die „nimmersatte Neugier“, die sie treibt, ihr Alles-ergründen-und-rauskriegen-Wollen. „Meine Schwiegermutter sagt immer, jetzt recherchiert sie wieder bis auf die Grundmauern.“ Sie lacht, nippt am Tee. „Ich bin wild auf Geschichten.“

Von kleinauf ist das so. Monika Held, aufgewachsen in der Hamburger Trümmerlandschaft, braucht sie als Fluchthelfer, wenn der Vater abends mit dem Kochlöffel abrechnet, was die Mutter an täglichen Verfehlungen petzt. Das Kind Monika schreit nicht, holt sich stattdessen Verstärkung und Entlastung im erdachten zweiten Ich. Geschichten sind auch die Fluchthelfer, als sie schwer lungenkrank im Bett liegt, die Mutter geduldig vorliest und ihr Hörspiele aus dem Radio nacherzählt. Sie lernt schnell lesen, versucht das Geheimnis zu ergründen, warum sie bei manchen Sätzen lachen oder weinen muss und wie es gelingt, so starke Gefühle hervorzurufen.

Sprache und Geschichten sind Mittelpunkt geblieben, haben sie auf eine bewegte Reise ziehen lassen: Volontariat in Hannover, Boulevard in Hamburg, Lokales in Süddeutschland, Gewerkschaftszeitung und Hörfunk in Frankfurt, Reportagen in aller Welt, Sachbücher. 2003 ist der erste ihrer drei Romane erschienen. Eine neue Etappe: „Der Zufall spült einem viel vor die Füße. Kein Zufall ist, wobei man zugreift und sagt, das will ich.“


Zur Person

Monika Held, 1943 in Hamburg geboren, ist freie Journalistin und Autorin und lebt mit ihrem Mann in Frankfurt. Sie arbeitete für verschiedene Rundfunkanstalten und Magazine – zehn Jahre lang für die „Brigitte“. Für ihre Reportagen erhielt sie unter anderem den deutschen Sozialpreis und den Elisabeth-Selbert-Preis.

Anita Strecker

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