Literatur-Nachrichten

Lieber Tiere als Puppen

Meerschweinchen sind ihr lieber als "schnittige Tiere". Warum das so ist, erzählte die Illustratorin Kathrin Schärer bei unserem Besuch in ihrem Atelier in Basel.

Ihre Tiere sehen schon in den Büchern einfach zu verführerisch aus. Man möchte ihnen durchs Fell wuscheln, man möchte sie hinter den Ohren kraulen und ihnen über den Bauch streicheln, der so einladend wirkt, als sei er nur dafür hingemalt. Auf dem Zeichentisch von Kathrin Schärer liegen die puscheligen Mäuse dann obendrein noch so verlockend hingestreut.

Kreuz und quer räkeln sie sich auf Bögen von Papier, zwischen Stiften und liegen einander im Arm. Alle sind sie mit einem Messer bis auf das letzte Härchen aus dem Papier geschnitten und wirken schon deshalb sehr viel echter als gedruckt. „Objekthafter“, sagt die Illustratorin und lacht. Sie weiß schon, wie es ihren Besuchern meist in den Fingern juckt, so ein mit dem Fettstift wuschelig gezeichnetes Pappmäuschen einmal in die Hand zu nehmen und dann am liebsten gleich auch mitzunehmen.

Das ist freilich nicht der Grund, warum sie da liegen. Zur Arbeitsweise von Kathrin Schärer gehört es, ihre Tiere häufig auszuschneiden und dann auf dem Papier hin und her zu schieben, bis der richtige Platz für sie gefunden ist. Anschließend werden sie auf­geklebt. Nicht alle ausgeschnittenen Fi­guren finden natürlich am Ende ins Buch. So kommt es, dass sie, nachdem ein Projekt abgeschlossen ist, manchmal noch eine Zeit lang vorwurfsvoll herum­liegen und ihre Schöpferin melancholisch stimmen. „Die ersten Tage, nachdem die Illustrationen zu einem Buch fertiggestellt sind, stimmen mich immer ein bisschen traurig“, sagt Kathrin Schärer, dann schlage sie sich „mit postnatalen Depressionen herum“.

Aber lange kann sie ohnehin nicht ohne Arbeit sein, und das nächste Projekt ist meist schon in der Warteschleife. In ihrer lichten Wohnung in der Baseler Altstadt arbeitet sie momentan sogar an mehreren Projekten gleichzeitig. Ein Mäuse-Spiel für ein Museum muss fertig-gestellt werden. Außerdem bevölkern bereits kleine und große Meerschweinchen mit üppigem Schopf und verhangenem Blick einen Papierbogen. Es sind die Skizzen zu einem Buch, das im Herbst bei Atlantis erscheinen soll. „Was mir so gut gefällt an Meerschweinchen ist das Plumpe an ihnen, das rührt mich“, sagt sie und dabei zeichnen ihre Hände in der Luft die rührend plumpen Formen nach. Nicht so sehr interessiert sie sich dagegen als Zeichnerin für die „schnittigen Tiere, für Leoparden zum Beispiel oder Pferde“. Sie zeichnet gern Tiere, die sich durch Haltung und Gestik vermenschlichen lassen. Ein Pferd, das auf einem Stuhl sitzt, wirkt sonderbar – nicht hingegen eine Maus, die auf einem Bücherstapel sitzt, die Hände aufgestützt, und die Beine baumeln lässt.

Eigentlich waren es immer die Tiere. Schon als Kind hat sie nicht so gern mit Puppen gespielt, ihre Stofftiere waren ihr viel näher. Seltsamerweise auch Murmeln, die sie damals aber wie Figuren behandelt hat, und manchmal hat sie sie „als kriegerische Armeen gegeneinander vorgehen lassen“. Sie hat sich immer eine Werkstatt gewünscht, in der sie sich Figuren auch hätte basteln und zusammenzimmern können. Aber so eine Werkstatt gab es in der Familie leider nicht. Der Vater, ein Steuerberater und Treuhänder, war aber stattdessen ein großer Leser. Er hat ihr auch schon früh die Bücher von Tomi Ungerer „untergeschoben“. „Die fand ich toll, aber auch ein wenig zum Fürchten.“ Hätte sie die Wahl gehabt, hätte sie sich als Kind vielleicht auch häufiger einmal für leichte, kitschige Mädchenbücher entschieden, vor denen ihr heute graut.

Dann die Gedichte, die ihr und der Schwester vom Vater immer mit so großer Begeisterung vorgetragen wurden, zum Beispiel die berndeutschen Verse von Kurt Marti – eine kleine Überforderung eigentlich. Aber wenn sie etwas nicht verstanden hat, reimte sie sich einfach etwas Eigenes zusammen. So wurden die Gedichte manchmal noch schöner. Auch bei ihren eigenen Büchern, denkt sie, muss nicht alles bis ins Letzte von ihren kindlichen Lesern verstanden werden. Dann bleibt ein Geheimnis, das sich jedes Kind, wie es mag, selbst ausmalen kann.

Und wie ist das Malen in ihr Leben geraten? „Einfach so“, sagt sie. Keiner in ihrer Familie hat eine gestalterische Ader. „Nur ich habe immer schon gern gemalt und gezeichnet.“ Das wurde dann auch gefördert. Schon mit sieben hat sie Zeichenunterricht bekommen, bei einer Anthroposophin, bei der sie blieb, bis sie 17 war. Dann später an die Schule für Gestaltung in Basel. Dort hat sie sich zur Kunstlehrerin ausbilden lassen. Zunächst wollte sie Lehrerin werden, und das war sie dann auch für einige Zeit. Nebenher hat sie aber immer gemalt, viel mit Acryl damals. Erst vor etwas mehr als zehn Jahren ist ihr dann aufgegangen, dass sie nicht einfach nur Kunst machen möchte, sondern illustrieren. Sie hatte damals ihrer kleinen Nichte ein Osterbuch schenken wollen und nichts wirklich Ansprechendes gefunden. So ist dann ihr erstes eigenes Buch zustande gekommen, zu dem Text „Ohr verlore“ der Berner Mundart-Band „Stiller Has“.

Nicht ständig zu zeichnen, zu illustrieren, kann sie sich heute gar nicht mehr vorstellen. Schon von einem längeren Urlaub fühlt sie sich heute bedrängt. Ein paar Tage sind noch ganz in Ordnung, vielleicht auch eine Woche. Dann fährt sie mit ihrem Freund ein wenig aufs Land, „irgendwohin, wo es sich gut Velo fahren lässt“. Im Gepäck immer die Liegeräder, auf denen es sich so schön „unverkrampft“ radeln lässt. Und schließlich ist auch Basel selbst sehr schön, da braucht es eigentlich keine Reise. Im Sommer schwimmt sie gern im Rhein, der breit und bedächtig direkt vor ihrer Wohnung vorbeifließt. Dann springt sie zum Beispiel ein wenig weiter oben mit dem hier sehr beliebten Badesack in Fischform ins Wasser und lässt sich gewissermaßen bis vor ihre Haustür treiben. Nicht viel anders halten es auch die anderen Baseler, im Sommer ist der Fluss bunt von Badenden. Im Sommer treibt Kathrin Schärer der Rhein zurück an den Zeichentisch.

Zur Person
Kathrin Schärer, geboren 1969 in Basel, ist ausgebildete Zeichen- und Werklehrerin und unterrichtet an einer Sprachheilschule. 2005 und 2007 wurden ihre Bilder ausgewählt für den Schweizer Beitrag zur Biennale der Illustration in Bratislava. 2010 war ihr Buch „Johanna im Zug“ nominiert für den Deutschen Jugendbuchpreis.

Nadja Einzmann

Titel

  1. 3 freche Mäuse - 3 witzige Lese- und Zählgeschichten
    • VerlagAtlantis Verlag
    • Preis 14,95 €
    • ISBN 978-3-7152-0651-6

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  2. nur wir alle
    • VerlagAtlantis Verlag
    • Preis 14,95 €
    • ISBN 978-3-7152-0642-4

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  3. Pippilothek???
    • VerlagAtlantis Verlag
    • Preis 14,95 €
    • ISBN 978-3-7152-0620-2

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  4. »Hast du Angst?«, fragte die Maus
    • VerlagBeltz, J
    • Preis 13,95 €
    • ISBN 978-3-407-79525-0

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