Literatur-Nachrichten

"Fiktion bestimmt unser Leben"

Die Wirklichkeit sollte sich mehr an der Kunst orientieren, findet Kai Meyer, einer der erfolgreichsten Fantastik-Autoren Deutschlands. Das Buchjournal sprach mit ihm auch über sein jüngstes Buch "Asche und Phönix".

In „Asche und Phönix“ führt der Autor zwei attraktive Protagonisten in einer abenteuerlichen Geschichte zusammen: In seiner Londoner Hotelsuite erwischt der 20-jährige Parker, Hollywoods größter Jungstar, das hübsche Zimmermädchen Ash beim Diebstahl seiner Geldbörse. Parkers Vater hatte seine Seele einst an ein teuflisches Wesen verkauft, das nun auch Parker vereinnahmen will.

Herr Meyer, warum wollen Sie junge Leser für ein Faust’sches Motiv begeistern?
Kai Meyer: Ich mochte das Thema schon immer. In den 90er Jahren habe ich drei his­torische Romane über Doktor Faustus ­geschrieben. Obwohl der Teufelspakt ein Klassiker ist, ein deutscher noch dazu, taucht er vergleichsweise selten in der modernen fantastischen Literatur auf.

Der Roman handelt auch von Ruhm und seinen Folgen. Wie gehen Sie mit Erfolg, Anerkennung und dem Lob der Fans um?
Ich freue mich darüber. Manchmal spüre ich dadurch auch einen gewissen Druck, aber der kann ja nicht schaden, eher treibt er mich an.
 
Wie reagieren Sie auf Kritik?
Die professionelle Kritik ist fast immer sehr positiv und fair mit mir umgegangen. Es gab ein paar Ausnahmen, etwa als ausgerechnet die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Rezension einem meiner Bücher vor allem das Marketing vorwarf, nicht die Qualität des Romans. Über so etwas ärgere ich mich.
 
In Internet-Foren werden Sie für Ihren filmischen Schreibstil gelobt, für die gelungene Verschränkung von Fiktion und realer Welt und für die lebendigen Charaktere. Sind diese Vorzüge Ihre Schreibwerkzeuge?
Es fällt mir zum Glück recht leicht, mich in andere Charaktere hineinzudenken – auch in die absonderlichsten. Das passiert beim Schreiben ganz automatisch. Deshalb gibt es bei mir hoffentlich keine geküns­telten Motivationen, die nur als Plot-Motor dienen; ich weiß, was meine Figuren wollen und was nicht, und danach handeln sie. Ich bin mir auch der Erzählperspektiven sehr bewusst und nutze sie entsprechend.
 
Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Fiktion und Realität?
Fiktion bestimmt von vorn bis hinten unser Leben. Nicht nur, wenn wir sie in Form von Büchern oder Filmen konsumieren. Jeder Plan, den wir machen, jedes Ziel, ist erst einmal eine Fiktion, ein Gedankenspiel – und beeinflusst dann unser konkretes Handeln. Die Vorstellung, dass die Realität wertvoller oder wichtiger sein soll als die Fiktion, ist lächerlich, sobald man nur mal drei Minuten darüber nachdenkt. Ebenso wie der verbreitete Gedanke, dass die Abbildung von Realität in der Kunst ein Qualitätsmerkmal sein könnte. Ganz im Gegenteil: Wir sollten daran arbeiten, dass die Wirklichkeit zum Spiegelbild der Kunst wird. Kunst hat meist etwas mit Ästhetik zu tun, was man von der Realität ja leider nicht immer sagen kann.
 
Hatten Sie beim Schreiben konkrete Schauspieler für Ihre Protagonisten im Hinterkopf?
Nein. Ich suche mir gelegentlich Fotos heraus, die ich als Vorlage für meine Hauptfiguren benutze, allerdings sind ­das niemals Prominente. Meist schaue ich sie mir während der Arbeit am Buch auch nie wieder an. Es geht eher um einen groben Eindruck, weniger um Details.
 
Ihr Verlag, Carlsen, nennt als Altersangabe für „Asche und Phönix“ ab 14 Jahre aufwärts. Wie viel Gewalt und Sex sind für ­Leser in diesem Alter noch in Ordnung?
Ich gehe da allein nach Bauchgefühl. Bei „Asche und Phönix“ wusste ich, dass es Gespräche mit dem Lektorat über ein paar Szenen geben würde, aber letztlich habe ich nur wenige Sätze gestrichen.

Worum ging es dabei?
Einzig um Gewaltdarstellungen, nicht um Erotik. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man zwischen realistischer und fantastischer Gewalt unterscheiden muss. Die heftigeren Momente in „Asche und Phönix“ stehen alle in einem fast surrealen Kontext. Wichtig ist auch die dramaturgische Bedeutung. Ich schreibe niemals Gewalt um der Gewalt willen.

Die erste Auflage von „Asche und Phönix“ beinhaltete das E-Book als Gratis-Download. Lesen junge Leute vermehrt E-Books?
Alle Statistiken bestätigen das. Die konkreten Verkaufszahlen sind in Deutschland ja noch nicht gigantisch, aber der Zuwachs von Jahr zu Jahr ist enorm. Und nicht nur unter jungen Lesern. Einer der großen Vorteile der Reader ist die verstellbare Schriftgröße, was gerade Älteren zugutekommt.

Nach der „Arkadien“-Trilogie ist Ihr jüngstes Buch ein in sich abgeschlossener Jugendthriller. Denken Sie dennoch über eine Fortsetzung nach?
 „Asche und Phönix“ war immer als Einzelroman geplant. Und auch mein nächstes Buch bei Carlsen wird ein Einzeltitel. Ein Roman über den Weltuntergang – aber in einer Variation, die es bislang garantiert noch nicht gab.

Zur Person
Kai Meyer, geboren 1969 in Lübeck, veröffentlichte mehr als 50 Romane, darunter Bestseller wie die „Arkadien“-Trilogie. Seine Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt. Meyer war Redakteur für Kultur und Vermischtes bei einer Tageszeitung, bevor er sich 1995 auf das literarische Schreiben konzentrierte. Er lebt in der Nähe von Köln.

Interview: Emmanuel van Stein

Titel

  1. Asche und Phönix - E-Book inklusive
    • VerlagCarlsen
    • Preis 19,90 €
    • ISBN 978-3-551-58291-1

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  2. Asche und Phönix
    • VerlagSilberfisch
    • Preis 24,99 €
    • ISBN 978-3-86742-141-6

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