Literatur-Nachrichten

"Ich bin ein sanfter Atheist"

Der Autor und Philosoph Alain de Botton trifft mit seinen Büchern den Nerv der Zeit. Seine ­Bestseller bieten philosophisch-gesellschaftliche Lebensberatung, so auch das jüngste Buch „Religion für Atheisten“. Wir trafen den Schweizer in seinem Wohnort London zum Interview.

Obwohl Sie nicht gläubig sind, scheinen Sie eine Sehnsucht nach einer Zeit zu haben, als Religionen prägender waren für unser Leben.
Alain de Botton: Für mich wie für viele andere Menschen ist es schlicht nicht möglich, an Gott zu glauben. Doch daraus ergeben sich verschiedene Gefahren, um die man wissen sollte: die Gefahr des Individualismus, also den Menschen als Mittelpunkt von allem zu sehen; die Gefahr des technischen Perfektionismus, mithin die Idee, dass sich durch Technologien alle menschlichen Probleme lösen lassen. Drittens ist es ohne Gottglauben wahrscheinlicher, jegliche Perspektive zu verlieren, also nur unsere gegenwärtige Welt zu sehen, und schließlich besteht die Gefahr, Empathie und Moral gering zu schätzen.

Aspekte des Glaubens könnten auch für Atheis­ten nützlich sein, argumentieren Sie. Aber kann man sich wirklich mit dem Ge­danken an ein Leben nach dem Tod trösten, ohne gläubig zu sein?
Ich schreibe für die Leser, die beim bes­ten Willen nicht an übernatürliche Dinge glauben, aber vieles Religiöse schätzen: Rituale, Architektur, Musik, Vergangenheitsbezug. Warum sollen wir gezwungen werden, solch eine brutale Entscheidung zu treffen: Entweder man glaubt an das Übernatürliche und darf sich dafür an schöner Architektur erfreuen oder man tut das nicht und findet sich in einer Ikea-Welt wieder. Ich bin Atheist, aber ein sanfter. Ich fühle keinerlei Notwendigkeit in mir, mich über Gläubige lustig zu machen.

Bilder in Ihrem Buch illustrieren das Schöne und das Hässliche. Auf einem Foto ist eine
Sexorgie zu sehen – jedoch als fröhliche Feier wilder Ausgelassenheit. Halten Sie es wirklich für erstrebenswert, sich öffentlich zu paaren?
Ich glaube, der Sinn für Gemeinschaft ist eines der wichtigsten Dinge, die Religionen uns lehren können. Das erwähnte Beispiel spielt an auf den Karneval und das Narrenfest – zwei wichtige religiöse Feiertage. Aber in einem Interview ist das nur unzureichend auszuführen. Wir haben die Religion erfunden, um zwei zentrale Bedürfnisse zu befriedigen, die bis auf den heutigen Tag virulent sind: zum einen die Notwendigkeit, in Gemeinschaft zu leben, trotz unserer tief sitzenden egoistischen und gewalttätigen Impulse. Und zum anderen die Erfordernis, Schmerzen zu ertragen, verursacht durch unsere Fehltritte, den Tod von geliebten Menschen und unseren unvermeidlichen körperlichen Niedergang. Der moderne Atheismus hat schlicht übersehen, wie viele Aspekte des Glaubens weiterhin relevant geblieben sind, obschon die zugrunde liegenden religiösen Gewissheiten verworfen wurden.

Sind simple Vorschriften und überkommene Rituale die angemessene Antwort auf die Un­übersichtlichkeit heutiger Lebenszusammenhänge?
Die säkulare Welt glaubt, dass es genügt, gute Ideen zu haben. Dahinter steht die Annahme, dass wir uns auf sie besinnen, wenn wir ihrer bedürfen. Religionen sehen das anders. Sie geben Strukturen vor, um sicherzugehen, dass wir regelmäßig an Grundsätzliches erinnert werden. Darin liegt die Bedeutung von Ritualen: Sie machen Dinge für uns anschaulich, um die wir zwar wissen, die wir aber gern vergessen.

Sie wollen Maler zu Lehrmeistern machen und fordern sie beispielsweise dazu auf, Szenen zur Kindererziehung auf die Leinwand zu bringen. Glauben Sie wirklich an den Erfolg solcher Ratschläge?
Der Ausgangspunkt aller Religionen ist dieser: Wir sind Kinder und wir brauchen Führung. Die säkulare Welt erachtet dies als Beleidigung. Sie betrachtet Erwachsene als reif und hasst deshalb jegliche Anleitung und moralische Vorschrift. Aber natürlich sind wir Kinder, große Kinder, die daran erinnert werden müssen, wie sie leben sollen. Das moderne Bildungssystem verweigert das. Es geht davon aus, dass wir vernünftig, einsichtig und kontrolliert agieren. Aber wir sind alle beinah immerfort an der Grenze zu Schrecken und Panik. In meinem Buch empfehle ich, dass wir die Kunst nutzen lernen als Quelle des Trostes, der Identifikation, der Führung, der Erbauung.

Sie schlagen vor, dass Lehrer bei Predigern in die Schule gehen sollen. Wollen Sie provozieren?
Ja, ich will provozieren, aber immer verbunden mit dem Wunsch, zu helfen und die Welt zu verändern. 

Ist Ihr Buch alles in allem eine Klage über einen Mangel an Transzendenz?
Ich glaube, wir bedürfen dringend der Entlastung von unserem täglichen Leben, von der erstickenden und einengenden Gegenwart. Wir müssen zurückreisen durch die Jahrhunderte, durch die Hallen von Bibliotheken und vergessene Museen. Wir müssen in alten Büchern blättern, die versehen sind mit den Anmerkungen ihrer früheren Leser, und die Altäre verlassener Tempel aufsuchen. Wir büßen unsere geis­tige Gesundheit ein, wenn wir uns nur mit den Krisen unserer Gegenwart befassen.

Parallel zu Ihrem Buch haben Sie einen Tugendkatalog erstellt und postulieren etwa Empathie, Geduld, Höflichkeit und Humor als erstrebenswert. Wie tugendhaft leben Sie?
Ich bin nicht perfekt, keiner ist das. Aber ich bemühe mich. Wenn wir einmal älter als zwölf Jahre sind, werden wir nicht dazu angehalten, nett zu sein. Im Gegenteil, die Vorstellung davon, ein guter Mensch zu sein, beschwört alle möglichen negativen Assoziationen herauf: Frömmigkeit, Blutleere, sexuelle Entsagung. Wer sich dazu bekennt, an seinem Körper zu arbeiten, erntet Respekt. Wer hingegen erklärt, seinen Charakter zu formen, gilt als verrückt.

Woher kommt Ihr Eifer, Menschen zu erziehen, Ihnen Ratschläge zu erteilen?
In Deutschland oder Großbritannien leben 70 Prozent der Einwohner ohne größere materielle Sorgen und trotzdem schleppen sie jede Menge Probleme mit sich herum, vor allem rund um Arbeit und Beziehungen. Ich versuche, das zu ändern. Warum? Wahrscheinlich, weil ich in einer Familie mit allerlei Schwierigkeiten groß geworden bin und ich meine Eltern kurieren wollte.

Ihre Bücher sind Bestseller, dennoch beklagen Sie in „Religion für Atheisten“ die überaus beschränkte Wirkung aller publizistischen Anstrengungen. Eine bittere Erkenntnis?
Ja, ich dachte, viele Titel zu verkaufen wäre gleichbedeutend damit, die Welt verändern zu können. Das ist nicht so. Bücher verändern nichts. Ich schrieb zum Beispiel ein Buch über Architektur und versuchte darzulegen, was ein schönes Gebäude ausmacht und warum wir von so vielem Hässlichen umgeben sind. Naiverweise hatte ich angenommen, dass sich einiges ändern müsste, aber nichts geschah. So suchte ich nach anderen Wegen und gründete Living Architecture. Die Idee dahinter ist es, schöne Häuser zu bauen. Ich liebe es, zu schreiben, aber ich interessiere mich heute auch dafür, Dinge anzupacken.

Zur Person
Alain de Botton, 1969 in Zürich geboren, ist Schriftsteller, Journalist und TV-Produzent. In Büchern wie „Freuden und Mühen der Arbeit“, „Wie Proust Ihr Leben verändern kann“, „Trost der Philosophie“ oder „Kunst des Reisens“ versucht er auf fantasievolle Weise philosophische Ideen und Probleme auf Themen der Gegenwart zu übertragen und diese so für die Menschen von heute verstehbar zu machen. Alain de Botton, der mit seiner Familie in London lebt, gründete die Unternehmen School of Life und Living Architecture und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

 

Interview: Holger Heimann

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